Fingerpointing in Germany

Fingerpointing in Germany
Pastor Gereon Alter
21.08.2010 - 21:10

Ich war gerade in den USA, als das schreckliche Unglück auf der Loveparade in Duisburg passiert ist. Die erste Schlagzeile, die ich im "San Francisco Chronicle" las, war: "Fingerpointing in Germany". – "Fingerpointing": mit dem Finger auf andere zeigen. "Der hat Schuld und nicht ich." Selten haben wir das so extrem wie nach dem Unglück in Duisburg erlebt. Selten hat es in unserem Land eine solche Welle von Schuldzuweisungen und Selbstrechtfertigungen gegeben. Und dennoch ist Duisburg kein Einzelfall. Mir fallen Dutzende von Beispielen ein, in denen ähnlich schnell geurteilt und verurteilt wird.

Nichts gegen eine schnelle Aufklärung. Nichts gegen einen guten Investigativjournalismus. Und nichts gegen Konsequenzen und Strafen, wo sie denn gerechtfertigt sind. Aber dieses fast schon reflexartige "Von-sich-selbst-Ablenken-und-auf-andere-Zeigen" ohne einen Moment der Nachdenklichkeit, geschweige denn der Selbstbesinnung: das befremdet mich doch sehr.

Was macht es so schwer, zunächst mal auf sich selbst zu schauen und die Schuld nicht sofort beim anderen zu suchen? Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass wir uns mit Schuld und Versagen generell schwer tun. In unserer auf Erfolg und Leistung getrimmten Gesellschaft steht so etwas nicht auf dem Plan. Da hat man einfach nicht zu versagen. – Und wenn es dennoch jemand tut ...?

"Fingerpointing": das ist meines Erachtens die Folge einer massiven Verdrängung und Idealisierung. Entweder du hast eine weiße Weste und du hast dir niemals etwas zu Schulden kommen lassen. Oder du bist eben ein Versager. Für Zwischentöne ist da kein Platz. Da muss man mit dem Finger auf andere zeigen, sonst endet man eben selbst am Pranger.

Wie kommen wir aus diesem Teufelskreis heraus? – Vielleicht durch den Blick in ein Buch, das die Kultur unseres Landes einmal stark geprägt hat. Da ist von Schriftgelehrten und Phariäsern die Rede, die eine Frau zu Jesus bringen. Man hatte sie beim Ehebruch ertappt. "Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?" (Joh 8,2-11)

Es wäre ein Leichtes für Jesus gewesen, mit seinem Finger auf die Frau zu zeigen. "Er aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde." Er unterbricht den Teufelskreis des Fingerpointings, indem er erst einmal Raum zum Nachdenken schafft. Die Schriftgelehrten und Pharisäer halten das kaum aus. Sie fragen weiter, insistieren. Da sagt er ihnen dieses großartige Wort: "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde." Er zwingt sie, über sich selbst nachzudenken. Und ermöglicht ihnen dann, ohne Gesichtsverlust von dannen zu ziehen.

Jesus verharmlost das, was geschehen ist, nicht. Er spricht die Frau direkt darauf an. Aber er tut es erst, nachdem die Hetzjagd auf sie zu Ende ist. Das ist der entscheidende Punkt. Er lässt sich nicht hinreißen von der Wut der anderen, sondern schaut nüchtern und menschlich auf das, was war. Die Frau wird die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen haben (wie übrigens auch der Mann, der ja auch dazu gehört). Aber ihre Existenz ist damit nicht vernichtet. "Geh, und sündige fortan nicht mehr.", gibt ihr Jesus mit auf den Weg.

Ein Jesus, der sich nicht vom Volkszorn mitreißen lässt, sondern nüchtern und menschlich anschaut, was war. Ein Jesus, der die Schuld beim Namen nennt, aber keine Existenz vernichtet. – Wäre das nicht ein Modell für uns?

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