Zum Heiligen Abend am Mittwoch, 24. Dezember 2025, von 17.05 bis 18.00 Uhr überträgt der Deutschlandfunk live die Christvesper aus der Evangelischen Kirche in Bermersheim bei Worms.
"Wann wird es für dich Weihnachten?", fragen Prädikantin Ute Bayer-Petry und Pfarrer Thomas Dörken-Kucharz, der die Predigt hält. Von ihrem Weihnachtsmoment erzählen im Radio-Gottesdienst eine Familienmutter, ein Mann, dessen Frau gestorben ist, und eine Frau, die in diesem Jahr Großmutter geworden ist. Das Weihnachtsevangelium liest der Wormser Schauspieler Karl-Heinz Deichelmann.
Deutsche, englische und amerikanische Weihnachtsmelodien spielt das Bläser-Quartett "Mannheimer Blech" unter der Leitung von Ehrhard Wetz, Professor für Posaune an der Musikhochschule Mannheim. Weihnachtslieder wie "Es ist ein Ros entsprungen", "Stille Nacht" und "O du fröhliche" begleitet Dekanatskantor Giuliano Mameli an der Orgel.
Bermersheim ist ein Dorf in den Weinbergen Rheinhessens. Es hat rund 400 Einwohnerinnen und Einwohner. Die schlichte klassizistische Dorfkirche aus dem 19. Jahrhundert fasst etwa 100 Menschen.
Wer den Gottesdienst vor Ort mitfeiern will, ist gebeten, bis spätestens 16.45 Uhr in der Kirche zu sein.
Predigt nachlesen:
I
Liebe Gemeinde!
Liebe Hörerin, lieber Hörer!
Man kann zum Fest nach Hause fahren
oder lieber Abstand wahren.
Man kann Weihnacht festlich tafeln.
Man kann quatschen, chatten, schwafeln.
Man kann auch das Weite suchen,
vorher eine Kreuzfahrt buchen.
Man kann das Fest im Bett verbringen,
kann ständig Weihnachtslieder singen.
Aber: Man kann Weihnachten nicht machen.
Man kann Weihnachten versauern,
einsam einfach überdauern.
Man kann Bach und Händel hören
oder nörgelnd andere stören.
Man kann Filme, Serien sehen.
Man kann in die Kirche gehen.
Man kann mit und ohne Baum,
ohne Kerzen aber kaum,
Aber: Man kann Weihnachten nicht machen.
Man kann Mandeln hacken,
Plätzchen oder Stollen backen.
Man kann alles vorbereiten
und sich um den Baumschmuck streiten.
Kann Lametta mehr als früher schmücken,
kann Gefühle dauernd unterdrücken.
Man kann glühweinselig werden,
sich als Weihnachtsmann gebärden.
Aber: Man kann Weihnachten nicht machen.
Jetzt weiter ohne Reime: Weihnachten will vorbereitet sein, geplant und organisiert. Aber Weihnachten selbst kann man nicht herstellen. Weihnachten muss einen ergreifen. Weihnachten kommt zu uns. Es wäre gar nicht Weihnachten, wenn wir es "machen" könnten. Man kann ganz viel tun und unternehmen. Aber irgendwie muss das Kind in der Krippe, Jesus, muss die Substanz von Weihnachten erfahrbar werden. Sonst bleibt es äußerlich. Sonst verpufft es und ist schon am 27. Dezember Schnee von gestern.
Oder man feiert halt die Jahresendzeit, trotzt der Kälte und dem Schmuddelwetter, bringt noch mehr Lichter in die Fenster, die Gärten und die Straßen. Alles nicht verkehrt. Aber irgendwie dann auch beliebig, wenn all das auf nichts mehr verweist. Bräuche und Rituale sind dann gut und heilsam, wenn sie etwas bewahren, auf etwas hinweisen. Und wenn der Hinweisgeber nicht wichtiger wird als das, auf das er hinweist.
Wir können leider nicht in der Zeit zurückspringen und tatsächlich mit den Hirten nach Bethlehem gehen, mit Maria und Josef reden, das Jesuskind sehen, gar streicheln. Aber wir können uns auf die biblische Geschichte einlassen. So können wir die Geschichte "wieder-holen".
Und man spürt das, wenn einen diese alte Botschaft wieder erreicht. Das ist dann der Weihnachtsmoment. Und der ist bei jeder und jedem sehr wahrscheinlich ein anderer. Ist es das erste gemeinsame Lied im Gottesdienst so wie bei Anna Eschenfelder? Ist es die Einladung zu Freunden wie bei Jürgen Nethe? Oder ist es das Gefühl, in Familie und Kirche geborgen zu sein wie bei Iris Cappel? Der eigene Weihnachtsmoment kann ganz verschieden und natürlich auch mehr als ein Moment sein. Bei vielen hat es mit der Kindheit zu tun, oft auch mit Musik. Vielleicht fällt Ihnen während der Musik jetzt Ihr Weihnachtsmoment ein oder Sie erleben ihn sogar.
II
Meine eigenen Weihnachtsmomente sind zum einen Lieder: "Ich steh an deiner Krippen hier" und "O du fröhliche". Und dann ist es die biblische Weihnachtsgeschichte selbst – erst recht, wenn jemand sie so schön liest wie vorhin Karl-Heinz Deichelmann.
In der Geschichte gibt es ja ganz unterschiedliche Weihnachtsmomente. Für die Hirten ist der Moment ziemlich klar: Da tritt ein Engel zu ihnen und sagt: "Fürchtet euch nicht!" Für Jesus, der gerade zur Welt gekommen ist, war der Moment wahrscheinlich der erste Atemzug.
Bei seinen Eltern Maria und Josef waren es eine ganze Menge Weihnachtsmomenten. Die beiden kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Erstmal hatten sie eher einen Anti-Weihnachtsmoment. Als sie nirgendwo Platz bekamen. Maria musste ihr erstes Kind in einem provisorischen Quartier gebären. Das Neugeborene legte sie in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
"Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge." In diesem Satz steckt die harte Realität: Keinen Schlafplatz finden, keinen Ort haben. Auch hierzulande gibt es leider immer mehr Menschen, die sich keine Wohnung mehr leisten können. Immer mehr Menschen müssen auf der Straße leben. Wir schaffen es als Gesellschaft seit Jahren nicht, für genügend bezahlbaren Wohnraum zu sorgen.
"Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge." In diese Realität hinein wird Jesus geboren. Das setzt ein Zeichen: Tut, was ihr tun könnt, damit Kinder geschützt zur Welt kommen und behütet aufwachsen! Sorgt dafür, dass Menschen Raum zum Leben haben!
Keinen Raum finden, war der Anti-Weihnachtsmoment, den Maria und Josef erlebten. Aber als sie dann ihr Kind in den Armen hielten, trat das in den Hintergrund und sie waren vom Glück überwältigt.
Und dann kamen die Hirten, die Engel und die Weisen aus dem Morgenland. Wer weiß, was noch alles in der heiligen Nacht geschah. Es waren für Maria und Josef jedenfalls so viele Momente, dass es am Schluss der Geschichte heißt: "Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen."
Die Geschichte spielt nicht im Zentrum der Weltgeschichte. Bethlehem ist nur ein kleines Dorf in den judäischen Bergen. Gott wird genau da Mensch, Gott kommt als Kind zu uns. Der große Weihnachtsmoment geschieht im Kleinen.
Aber war dieser Moment auch zu spüren? Was an ihm hätte einem auffallen können? Klar, die Engel! Die haben aber streng genommen nur die Hirten gesehen. Und als die Hirten anderen begeistert von diesem außergewöhnlichen Moment in der Menschheitsgeschichte erzählten, wunderten die sich. Das heißt: Vom Geschehen selbst hatten alle anderen gar nichts mitbekommen.
Aber was da am Rand der Weltgeschichte passiert ist und nur von wenigen bemerkt wurde, erzählen wir uns nach wie vor alle Jahre wieder. Aus gutem Grund versuchen wir jedes Jahr, diese Geschichte zu wiederholen, sie wieder zu holen.
Trotz und in all den Krisen, die damals nicht kleiner als heute waren, lautet ihre Botschaft: Dieser blaue Planet, alle seine Geschöpfe und auch seine Menschen sind gewollt. Das Universum ist nicht kalt. Sein Schöpfer und Erhalter weiß um die Erde und liebt seine Geschöpfe, uns Menschen inklusive. Das ist der Kern der Botschaft, die das Kind in der Krippe in sich trägt.
Manchmal fällt es schwer, das zusammen zu bekommen: Dieses unscheinbare Geschehen in Bethlehem und die ungeheuerliche Botschaft der Engel: "Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids." Das ganz Große im Kleinen, das ist das Geheimnis der Weihnachtsmomente.
III
Weihnachten sind die Geschenke. Sie haben richtig gehört: Das Wichtigste sind die Geschenke! Denn alle Geschenke, die wir an Weihnachten schenken und geschenkt bekommen, sind Folge des ersten größten Geschenkes: Gott schenkt sich uns.
Es geht nicht um die Menge oder um den Geldwert von Geschenken, die man bekommt. Es geht um die Aufmerksamkeit und die Zuwendung, die die Geschenke ausdrücken. Denn Gott schenkt uns Aufmerksamkeit. Und viel mehr als das. Er schenkt sich selbst. Gott wird Mensch in Jesus Christus, dem Kind in der Krippe.
Wer je sein Herz verschenkt hat, ahnt ein kleines bisschen von der Dimension des Weihnachtsgeschenkes Gottes. Denn mehr als sich selbst verschenken, geht nicht.
Wenn wir uns Weihnachten gegenseitig beschenken, dann zeigen wir damit: Wir sind aufmerksam für unser Gegenüber. Wir wollen unsere Achtung, Liebe und Zuneigung ausdrücken.
Das große Schenken hat dieses kleine Kind in der Krippe ausgelöst. Gott beschenkt uns. Jedes Geschenk, das wir bekommen oder machen, will uns daran erinnern. Jedes noch so kleine Geschenk ist Ausdruck der großen Botschaft: Gott wendet sich uns zu.
Gott wendet sich allerdings nicht nur uns zu, sondern allen Menschen seines Wohlgefallens. Das "wir" sind "alle"!
Der Engel verkündet: "Friede auf Erden!" Gott will ihn überall auf der Welt, nicht nur in unserem Wohnzimmer. Gott will uns mit dem Geschenk seiner Nähe zufrieden machen, aber nicht selbstzufrieden.
Gottes Geschenk setzt in Bewegung. So wie die Hirten sich aufgemacht haben. Wer sich für andere einsetzt, kann sogar das ganze Jahr Momente erleben, bei denen er oder sie sagt: Ein Gefühl wie an Weihnachten! So reich beschenkt.
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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Pressekontakt:
Martin Vorländer, Pfarrer
Evangelischer Senderbeauftragter für Deutschlandradio
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Mobil: 01 70 / 55 428 77