Evang.- luth. Kirchengemeinde, München
Siehe, ich mache alles neu!
aus der Himmelfahrtskirche in München-Sendling
01.01.2026 10:05

Am 1. Januar 2026 überträgt der Deutschlandfunk einen evangelischen Gottesdienst aus der Himmelfahrtskirche in München-Sendling von 10.05 bis 11.00 Uhr. Das Neue entdecken im Neuen Jahr – dazu lädt der Gottesdienst ein. Er greift die ökumenische Jahreslosung für 2026 auf: "Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu." Dieser Satz aus dem letzten Buch der Bibel ist Trost und Motivation zugleich. "Was hält mich im Alten und was ersehne ich im Neuen?" Darüber predigen Pfarrerin Stefanie Höhner und Pfarrer Clemens Monninger.

Musikalisch Vertrautes wie das Lied "Von guten Mächten wunderbar geborgen" und Neues wie das Chorstück "I Saw a New Heaven" von Edgar Bainton singt ein Vokalensemble unter der Leitung von Dekanatskantor Paul Tarling. Er spielt auch die Orgel.

Predigt nachlesen:

I
Gott stellt alles auf den Kopf und sagt: Siehe, ich mache alles neu! 

So schreibt es der Seher Johannes vor fast 2000 Jahren auf. Und wir warten immer noch darauf! 

Wir leben dazwischen: Noch im Alten, aber mit der Hoffnung auf das Neue, das kommt.

Zukunft. Und trotzdem: Gegenwart. Denn "Es ist geschehen", spricht Gott weiter. "Ich bin der Anfang und das Ende."

Was Johannes erzählt, das ist nicht einfach die Zukunft, die auf dem Zeitstrahl irgendwann ganz hinten, ganz weit rechts kommt. Bei Gott fällt alle Zeit in eins. Seine Zukunft ist schon immer geschehen. 

Ich versuche, mir das vorzustellen: Da ist neben unserer linearen Zeit schon immer Gottes erfüllte Zeit – wie hinter einem Schleier. Und diese Gott-Zeit bricht immer wieder durch, in unsere Geschichte hinein, in unser Leben. Und ich glaube, immer wenn das geschieht, heilt etwas.
Und da möchten wir jetzt in der Predigt mit Ihnen hinschauen: dahin, wo der Schleier sich lüftet und wo Gottes Reich schon in unsere Welt hereinbricht.

Herzlich willkommen also zur Sehschule mit dem Seher Johannes, in vier Lektionen nach den vier Worten der Jahreslosung. Ich – mache – alles – neu. Wir beginnen von hinten, mit dem vierten Wort:

NEU.
Ich mache alles neu, spricht Gott. Der Seher Johannes schreibt: "Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen." Da träume ich mich ganz leicht hinein… Ich denke an meine "heiligen" Lieblingsstädte: Edinburgh, Rothenburg, … welches ist Ihre, liebe Hörerinnen und Hörer?
Stellen Sie sich die vor, nur noch viel schöner. Ein tiefer Frieden breitet sich in der Stadt aus. "Die Herrlichkeit Gottes war in ihr. Sie funkelte wie ein Edelstein, wie kristallklarer Jaspis."

In Gottes Glanz liegt alles offen. Nichts wird unter den Teppich gekehrt, nichts bleibt verdeckt. Die Stadt ist frei von Lüge, Korruption und bösen Gerüchten.
"Und der Kern der Mauer war aus Jaspis und die Stadt aus reinem Gold, gleich reinem Glas. Die Grundsteine der Mauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelsteinen."

Diese verschwenderische Fülle bildet nicht den Privatbesitz einer dünnen Oberschicht ab. Niemand verdient daran. Der Luxus ist da für alle zusammen. Denn: Oben und unten, arm und reich – das alles ist vorbei. Alle sind gleich viel wert, gleich mächtig. Im himmlischen Jerusalem, der neuen Stadt. Davon träumt Johannes.

Ich gehe durch meine Stadt. München, an einem warmen Sommertag. Ich laufe vorbei an prächtigen Häuserzeilen, mit Erkern und verzierten Fensterrahmen. An den Haustüren viele Klingelschilder, manche aus glänzendem Messing. Auf einem Platz steht ein Brunnen, wie italienischer Barock. Kinder spielen darin. Später komme ich in den Englischen Garten. Tausende Quadratmeter Grün, Bäume spenden Schatten, Hummeln surren zwischen den Blumenbeeten. In dem Bach, der durch den Park fließt, lassen sich manche von der Strömung mitziehen. Andere picknicken, joggen und sonnen sich. Hier dürfen alle sein, ohne Eintritt. 

Später komme ich an einem mächtigen Gebäude vorbei: ein prächtiger Klassizismus-Bau. Innen mit rotem Samt ausgelegt, die Wände goldverziert, Kronleuchter an den Decken. Und abends spielen sie hier Mozarts Zauberflöte oder tanzen Schwanensee. Für Hunderte von Menschen jeden Abend. So schön.

Fast kommt es mir bei diesem Spaziergang vor, als ob die neue Welt schon da ist. Aber auf dem Heimweg laufe ich unter Brücken und durch Unterführungen. Und fast überall sehe ich Matratzen, Einkaufswagen voll mit Flaschen und Plastikschalen, Frauen, Männer, die sich in Schlafsäcken einrollen. Hier hat längst nicht jede*r eine Wohnung, ein eigenes Bett, ein Zuhause. Von rotem Samt und Kronleuchtern ganz zu schweigen. 

Und ich weiß: Jede Woche biegt sich eine Menschenschlange um drei Ecken, weil so viele an der Tafel beim Großmarkt anstehen. Für sie und viele andere ist der Traum von einer neuen Stadt unerreichbar. Und wenn ich über unsere Grenzen, über unseren Kontinent hinausschaue, wird es noch deutlicher. Wie viele hoffen da auf das Neue, in dem es kein Oben und Unten mehr gibt. Kein Mächtig und Unterdrückt. Mit ihnen sehne ich mich danach, dass es endlich wahr wird:

Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!
 

II
Gott spricht: Ich mache ALLES neu
Das dritte Wort: alles. Es geht um alles. Es geht nicht um unsere Vorsätze fürs neue Jahr oder politische Reformen. Gott erschafft die Welt radikal neu. 

"Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein." Der Seher Johannes schrieb seine Offenbarung für verfolgte christliche Gemeinden, damals im römischen Reich. Die Menschen standen mit dem Rücken zur Wand. 

Wenn ich vom Seher Johannes das Sehen lernen will, dann bedeutet das: Hinsehen, wo Leid, Geschrei, Tod und Schmerz sind. Denn wenn das verwandelt wird – dann wird wirklich alles neu. Dass es den Privilegierten immer besser geht, das ist keine Kunst. Wo wir Leiden sehen und verwandeln in Trost und neuen Lebensmut, da verwandelt sich die Welt. 

Was für eine schöne, neue Welt, die Johannes da ausmalt. Ganz anders als die Welt, in der er lebt: römische Besatzung, Verfolgung der ersten Christ*innen. Darum gehört die Angst zu seinem Leben.

Wie bei Samira. Ich kenne sie, weil sie hier in unserer Gemeinde Kirchenasyl hatte. Die Angst gehört zu Samiras Leben, seit ihre Mutter gestorben ist und sie bei ihrem Onkel und seiner Familie leben muss. Samira möchte gerne weiter zur Schule gehen, aber ihr Onkel zwingt sie, zu Hause zu bleiben und auf seine Kinder aufzupassen. Auf dem Stück Land, das ihm gehört, muss Samira Gemüse anpflanzen und sich um die Hausarbeit kümmern. Genau wie die Frau ihres Onkels. Immer wieder vergewaltigt der Onkel sie. Samira lässt es geschehen, weil sie weiß: Sie hat keine Chance gegen ihn. Er würde es leugnen, und im Zweifel zählt hier die Aussage eines Mannes mehr als ihre. Dann hört sie in der Stadt von einer jungen Frau, die das Land verlassen will. Italien ist ihr Ziel. Dort wartet ein Leben in Reichtum auf sie. Hat sie von anderen Frauen gehört. Samira würde schon Sicherheit reichen. Die beiden jungen Frauen finden einen Mann, der sie aus dem Land bringt. Sie bezahlen mit ihrem Körper, wie auch später auf der Flucht. Erst durch die Wüste, dann über das Mittelmeer. In dem Holzboot auf dem Meer hat Samira Todesangst. Sie sind vier Tage unterwegs, nichts zu essen, nichts zu trinken. Kälte, der hohe Seegang. Irgendwann wird Samira bewusstlos. Sie schafft es nach Italien. Ihr Traum. Doch im Flüchtlingscamp wird sie vergewaltigt, das Wachpersonal schaut weg. Auch hier ist Samira nicht sicher. Irgendwann schafft sie es nach Deutschland. Unsere Gemeinde nimmt Samira ins Kirchenasyl auf, damit sie nicht wieder nach Italien abgeschoben wird. Für drei Monate lebt sie in einem ehemaligen Besprechungszimmer, zusammen mit einer anderen Frau. Und hier kommt sie langsam zur Ruhe. Im Deutschunterricht beißt sie sich tapfer durch Dativ und Genitiv, lernt Artikel und unregelmäßige Verben. Sie fegt das Laub im Garten zusammen und hilft jede Woche beim Putzen der Kirche. Sie kocht Gemüse in Erdnusssoße und stellt es vor unsere Wohnungstür. Als Samira Geburtstag hat, feiern wir mit Kuchen und kleinen Geschenken und Samira bedankt sich auf Deutsch. Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass sie ihren Geburtstag feiert, sagt sie.

In den drei Monaten höre ich Samiras Lachen durch zwei Etagen und freue mich, wie sie hier aufblüht. Ich weiß aber auch, dass sie schlechte Tage hat. Dann holt sie die Angst ein, die Gewalt des Onkels, die Erlebnisse auf der Flucht. Es wird wohl immer in einem Teil ihrer Seele dunkel bleiben.
Im Herbst hat sie das Kirchenasyl bei uns verlassen. Wir weinen beide - Tränen des Abschieds und der Freude. Was jetzt kommt, ist wieder ungewiss. Sie wird Asyl beantragen und hofft, dass sie einen Aufenthalt bekommt. Sie möchte Krankenschwester werden. Eine Stelle für ein Praktikum hat sie schon.
Gott wird jede Träne abwischen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen. Siehe, ich mache alles neu!

III
Ich MACHE alles neu
Das zweite Wort: machen.
Es heißt, Gott handelt durch Menschen. Früher habe ich dagegen rebelliert. Ich fand das eine blöde Ausrede, um Gott immer als supertoll und die Menschen als böse hinzustellen. Wenn Menschen Gutes tun, dann soll das Gott sein, der durch sie handelt. Wenn sie Schlechtes tun, dann sind sie es selbst, denn sie sind ja Sünder. 

Heute denke ich: Diese Aufteilung stimmt nicht. 
Wenn es heißt "Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm", dann sind wir zur Liebe bestimmt. Wenn ein Mensch aus Liebe handelt, dann ist er ganz bei sich, ganz Mensch. So positiv sieht uns Gott! Als Ebenbild seiner Liebe. 

((Und so fällt beides in eins: Wenn Liebe im Spiel ist, dann handelt der Mensch und es handelt Gott. Beides ganz und gar – in einem.)) 

Mit dem bösen Handeln ist es komplizierter. Ich glaube: Wer böse handelt, hat sich von seinem guten Kern entfernt. Von der Liebe, die ursprünglich in ihm wohnt. 

Vielleicht geht es immer nur darum, diese Liebe wieder neu aufzudecken, sie aufzuspüren – sie ist ja da.

Das Reich Gottes ist schon da, sagt Jesus. Ihr müsst nur danach handeln – dann geschieht es. Dann lüften wir den Schleier zu Gottes Zukunft. Und sehen, wie Gott es neu macht:

Als die Nachbarn Marie einen Topf mit Kürbissuppe und ofenwarmes Brot vorbeibringen.

Als Judith jede Woche kommt und mit Samira Deutsch übt.
Als du am Telefon gefragt hast: Wie geht es dir eigentlich?
Als wir für Demokratie und Menschenrechte demonstriert haben.
Mit jeder Spende für "Brot für die Welt".
Als bei der Tafel wieder viele helfende Hände Lebensmittel verteilt haben.
Als ich bei Elfriede am Bett saß und sie gesegnet habe, bevor sie starb. 
Als du dem Paketboten die Tür aufgehalten hast.
Als wir für Frieden gebetet haben.
Du und ich, wir machen etwas. Sind aktiv. 
Gott sagt: Ich mache alles neu. Mit euch zusammen!
 

IV
ICH mache alles neu.
Zu guter Letzt das erste Wort: Ich. 
Ich mache alles neu! Sagt Gott.
Aber ich habe das Gefühl: Das ist mein Job. Ich muss mein Leben in der Hand haben, neu machen, was Rost ansetzt. Ich muss es auf Vordermann bringen. Es gibt noch so viel zu tun, zu verbessern. Ob mit einer Liste von guten Vorsätzen oder einfach, weil es mir dauernd entgegen brüllt: Optimiere dein Leben! Hol alles raus, was geht.
Und ich gebe mir redlich Mühe, aber manche Flecken bleiben, manche Wunde will nicht heilen. Manche Sorge macht die Falten nur noch tiefer. Da wünsche ich mir, dass da jemand ist, der mitträgt. Der mir etwas abnimmt. Gott sagt: ICH. Ich bin da. Bei dir. 
Und Gott sagt: ICH mache alles neu!

Ein so großes Versprechen. Zu groß für meine kleine Welt.
Denn ich habe das Gefühl: Nicht hier und jetzt schon, sondern am Ende, am Horizont der Ewigkeit. Weit weg. Hier sehe und erlebe ich: Es ist noch nicht so, noch längst nicht. Da ist viel Luft nach oben. Und genau deshalb brauche ich die Vision von Johannes. Die Hoffnung auf das große ICH.

Mein kleines Ich zählt hier Jahreszahlen, zündet ein Feuerwerk, wenn wieder 365 Tage vorbei sind und neue 365 Tage vor mir liegen. 365 Tage voller Möglichkeiten. Auch: voller Abgründe, die sich in meinem Leben und der Welt auftun können. Und da spüre ich: Ich habe gar nichts in der Hand. Und trotzdem lebe ich. Trotzdem blüht mein Leben auf, und manchmal bringe ich auch das Leben von anderen zum Glänzen. Und dann beschleicht mich das Gefühl:

Vielleicht ist es ja doch nicht so weit weg, das Neue. Vielleicht ist es sogar ganz nah. Weil sich manchmal der Schleier lüftet und ich von dem großen ICH Gottes etwas Kleines spüre in meinem Leben. 

Ich glaube, in diesen Momenten hebt sich der Schleier und ich blicke schon auf das Neue, was einmal kommen wird und was zugleich jetzt schon ist. So wie der Seher Johannes und die vielen Menschen aus seiner Gemeinde damals. Da gibt es Momente, da lüftet sich für ihn der Schleier. Und das macht ihm Hoffnung: Da ist das große ICH, das macht es neu. Das entlastet mich hier. Damit ist nicht alles gut, aber es wird leichter. Für alles, was kommt, in den nächsten 365 Tagen und danach.

Gott verspricht: Ich mache alles neu! 

 

Es gilt das gesprochene Wort.
 

 

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Julia Rittner-Kopp
Rundfunkpfarrerin für den Bayerischen Rundfunk

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