Martinsfeste mit Gedrängel und Streit um die Bratwurst – kommt die Botschaft des Heiligen, der teilen kann, wirklich an? Eine Umfrage in Berlin zeigt: Der Anblick von Obdachlosen stört viele. Aber anders, als man denkt.
Nach der Ausstrahlung können Sie hier die Sendung nachlesen.
"Im Schnee saß, im Schnee saß, im Schnee da saß ein armer Mann / hat Kleider nicht / hat Lumpen an / O helft mir doch in meiner Not / sonst ist der bittre Frost mein Tod." Heute Abend wird das Lied von Sankt Martin wieder gesungen. Überall finden Laternenumzüge statt, mit Liedern, manchmal sogar mit einem echten Pferd. Und wenn die Eltern Glück haben, gibt es am Ende des Umzugs sogar einen Glühwein.
Ich habe vier Kinder und deswegen schon viele Martinsfeste mitgefeiert. Aber so richtig stimmungsvoll fand ich es meistens nicht. Gedrängel, Dunkelheit, ungemütliche Temperaturen oder Nieselregen und die altersgemäß niedrige Frustrationstoleranz von Kindern unterhalb des Schulalters - das war alles nie so meins. Außerdem mussten wir Eltern meistens vorher basteln.
Aber eigentlich ist es ja ein schönes Fest, habe ich mich dann oft selbst motiviert. Es geht um Mitleid, ums Teilen, um die Nächstenliebe, alles erstrebenswerte Dinge. Nur habe ich manchmal den Eindruck gewonnen: Diese schönen Botschaften kommen nicht bei allen Teilnehmenden vollständig an. Einige streiten um das letzte Martinshörnchen oder schimpfen, weil sie sich für die Grillwürstchen am semiprofessionell organisierten Verkaufsstand anstellen müssen. Ja, ich möchte auch mehr als ein Würstchen und das dauert. Aber dann muss ich wenigstens nicht noch zuhause Abendessen machen.
Sankt Martin hat es schwer mit seiner Botschaft, finde ich. Besonders bei Martinsfesten. Aber dann habe ich in der Zeitung etwas gelesen, das mich sehr berührt hat. Es war eine Umfrage im Anschluss an die unselige "Stadtbild"-Diskussion der letzten Wochen. "Was stört Sie am meisten im Stadtbild?", wurden Berlinerinnen und Berliner gefragt, also Bewohner:innen der Stadt mit dem nach den gängigen Vorstellungen aller-, allerschlimmsten Stadtbild überhaupt. Und die meisten haben nicht gesagt: "Gruppen junger Männer mit Migrationshintergrund an Bahnhöfen."
Sondern sie haben gesagt "Obdachlose". Aber nicht, weil Obdachlose in Haufen aus Matratzen und Plastiktüten unter der S-Bahn-Brücke leben oder man den U-Bahn-Waggon schnell verlassen muss, weil der Geruch nicht auszuhalten ist. Sondern weil die Obdachlosen den befragten Berlinerinnen und Berlinern einfach sehr leidtun. Weil sie Mitleid mit ihnen haben, wie sie dasitzen oder an der Ampel stehen und um ein paar Münzen bitten.
Und weil offenbar niemand weiß, wie man ihnen wirklich helfen kann. Im Schnee sitzen sie in Berlin meistens nicht. Aber an zugigen Stellen. Wenigstens gibt es einen Kältebus, Suppenküchen und Notübernachtungen für sie. Und viele Sankt Martins und Martinas, ohne Schwert und Pferd und Mantel. Aber mit Mitleid und Nächstenliebe.
Es gilt das gesprochene Wort.
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