Am Sonntag, 11. Januar 2026, wird der Gottesdienst aus der evangelischen Kirche am Lorenzberg in Saarbrücken-Schafbrücke um 10.00 Uhr live im SR kultur übertragen. Der Deutschlandfunk schaltet sich um 10.05 Uhr zu.
Das Thema des Gottesdienstes ist Licht. Im Kirchenkalender geht es in der Zeit nach dem Dreikönigstag (6. Januar) darum: Jesus Christus hat Licht in die Finsternisse der Welt gebracht.
Jörg Prayer an Orgel und Flügel sowie Adrian Prayer (Posaune) und Eliot Prêcheur (Trompete), beide Mitglieder des Landes-Jugend-Symphonie-Orchester Saar, gestalten den Gottesdienst musikalisch.
Wortbeiträge übernehmen Constanze Göbel, Karin Zimmerling und Landespfarrer Jörg Metzinger.
Besucher und Besucherinnen werden gebeten, rechtzeitig vor Sendebeginn ihre Plätze einzunehmen.
Predigt nachlesen:
I
Zu allen Zeiten haben Menschen Lichter angezündet.
in den unterschiedlichsten Phasen des Lebens:
in Traurigkeit und Sorge,
wenn draußen das Gewitter tobt,
wenn jemand im Sterben liegt,
wenn eine Prüfung zu bestehen ist,
wenn Menschen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind.
Ein Meer von Lichtern nach schrecklichen Ereignissen – wie an Silvester in der Schweiz. Dort wo es geschah, aber auch in der Ortskirche.
Immer: lebendige Lichter, Kerzen, die sich verzehren.
Ein Licht macht Leid und Not nicht ungeschehen.
Es kann aber helfen, den Blick darauf zu richten, dass alle Not irgendwann ein Ende hat.
Die lebendige Flamme der Kerze wird damit zu einem Symbol der Hoffnung – klein und zart, lebendig und freundlich, schutzbedürftig und anfällig, aber auch hell und warm. Damit kann das Dunkle begehbar werden.
Licht – in Sprichwörter gegossen:
Ich sehe ein Licht am Ende des Tunnels.
Mir ist ein Licht aufgegangen.
Ich sehe etwas in einem neuen Licht.
Da ist die Wahrheit ans Licht gekommen.
Licht - in der Bibel klingt es verheißungsvoll über die, die an Jesus Christus glauben:
Ihr seid das Licht der Welt!
Ihr seid kleine, lebendige Flammen der Hoffnung – klein und zart, lebendig und freundlich, schutzbedürftig und anfällig, aber auch hell und warm.
Ihr könnt das Dunkle begehbar machen.
Licht – aber auch in solche Sprichwörter gegossen:
Er hat mich hinters Licht geführt.
Das wirft kein gutes Licht auf dich!
Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten.
Licht – auf den ersten Blick ein Sinnbild des Positiven, Guten, Schönen. Finsternis dagegen die dunkle Seite, das Negative, Schlechte, Hässliche.
Licht – nur auf den ersten Blick ein positives Thema. Denn der Antagonist spielt immer mit: kein Licht ohne Finsternis.
II
Das Sortieren der Welt in Hell und Dunkel führt nicht zu etwas Gutem. Höchstens ins Reich der Ideologen, v.a. der frommen Ideologen, die vom Reich des Guten und dem der finsteren Mächte schwadronieren. Das Einteilen in Hell und Dunkel beherrschen alle Demagogen. Die politischen wie die religiösen.
Leider klingt auch manches in der Bibel so gefährlich einfach – hier das Licht des Glaubens, dort der finstere Unglaube.
Die Geschichte der Kirche hat ihres dazugetan: Hier die reine Lehre, dort die verdammenswerten Ketzer.
Damit lässt sich vieles rechtfertigen, Erschreckendes, Grausames, Brutales.
So lassen sich Frauen als Hexen verbrennen,
Juden im Rassenwahn vernichten;
People of color ausgrenzen,
queeres Leben unterdrücken.
So lassen sich andere Länder überfallen, unterdrücken und ausbeuten.
Aber: Die Welt ist nicht schwarz-weiß, das Wesen von uns Menschen ist nicht entweder hell oder finster.
Es ist doch eher so, dass beides in mir ist, mal ruhig im Gleichgewicht, mal lauernd mattgekämpft, mal gehörig rumorend und miteinander ringend.
Und mal ehrlich: Wer möchte, dass jeder Winkel seiner Seele durchleuchtet wird?
Dass alles ans Licht kommt?
Auch der Inhalt der verborgenen Kämmerchen: Groll, Wut, Rachegelüste?
Diese dunklen Ecken möchte ich nicht grell ausgeleuchtet sehen; die möchte ich selber nicht sehen – und andere sollen das schon gar nicht.
Wie’s in mir drinnen aussieht, das geht niemand etwas an.
Auch da haben manche besonders Reingläubigen merkwürdige Rituale der Selbstentblößung entwickelt. Vor allen alles offenbaren –wieder Licht und rein werden, das ist das Ziel.
Dabei macht einen noch nicht einmal die Taufe zur Lichtgestalt.
Es ist sicher eine hohe Kunst, das Dunkle in mir anzuerkennen, zu akzeptieren und ja, auch anzunehmen. Aufdecken dieser dunklen Seite ist dann ein Akt der Versöhnung mit mir selbst. Wenn es gelingt – ein Gottesgeschenk.
Das Licht und die Finsternis – selten sind sie harmonisch vereint als Ying und Yang. Licht und Finsternis sind widerstrebende Kräfte der Seele, bestenfalls ergänzen sie sich. Aber das ist selten.
Dass es nicht so einfach ist mit Hell und Dunkel, mit Licht und Finsternis – davon schreiben auch biblische Autoren. Und das hat Auswirkungen – bis in das Gottesbild…
III
Ich dachte lange, Licht sei das erste Werk Gottes bei der Erschaffung der Welt. Doch das stimmt genau genommen nicht.
Als erstes war eigentlich die Finsternis. So sagen es die allerersten Worte der Bibel:
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe.
Erst dann heißt es: Es werde Licht!
Mit dem Licht beginnt die Struktur aus Tag und Nacht, aus Hell und Dunkel, die unsere Existenz prägt.
Die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt dann weiter ganz sachlich, dass Sonne und Mond als großes und kleines Licht für diese Helligkeit sorgen.
Diese nüchterne Betrachtung der Gestirne war zu biblischen Zeiten neu, denn andere Religionen verehrten Mond und Sonne als Gottheiten.
Ein Stern ist in der Bibel allerdings mehr als ein Leuchtmittel: der Morgenstern. Gemeint ist die Venus, der hellste Stern, der am Abend als erster nach dem Sonnenuntergang und dann wieder am Morgen als der letzte Stern vor dem Sonnenaufgang sichtbar ist.
An zwei Stellen der Bibel wird Jesus als Morgenstern bezeichnet. Die Interpretation: Jesus bringt Licht und Klarheit in die Herzen – wie der Venusstern die Nacht erhellt.
Gott als Licht, Jesus als leuchtender Morgenstern.
Die lichte Seite Gottes – das ist die Seite, die ich suche.
Die zugewandte, heilende, wärmende, liebevolle Seite.
Die Seite, die im Sohn Gottes, in Jesus Christus, dem Menschenfreund und Bruder mir nahekommt, in jedem liebevollen Zeichen der Zuwendung.
Den predigen wir Pfarrer oft und gern.
Aber kein Licht ohne Finsternis, kein Gott ohne dunkle Seite.
Wenn das Lebenslicht verlöscht, die dunkle Nacht anbricht – dann ist er auch dort erfahrbar.
Wenn ich krank bin, verloren und verraten.
Wenn das Liebste verloren geht, Gewalt mich brutal trifft, kalte Gleichgütigkeit tötet. Sinnlos.
Dann begegnet mir die dunkle Seite Gottes.
Gott schweigt dürr und lässt mich hängen.
Er ließ auch Jesus hängen am Kreuz an Karfreitag; der konnte nur noch stammeln: "Warum hast du mich verlassen?"
Ich wage den Gedanken: auch die schwarze Stunde der größten Gottesferne, wo erfahrbar wird: Gott ist die Finsternis – diese Stunde hat Jesus so nah wie nie zuvor an Gott, seinen Vater im Himmel, wie er ihn nannte, geführt.
Nicht an den Vater, den er Abba, das heißt >Papa<, genannt hat, sondern an die große, unfassbare, alles ausfüllende, ja furchtbare Macht heran.
An das, wovor einst Moses den Blick abwenden musste, um nicht zu vergehen. An den, den Hiob im Wettersturm erlebte und vor dem er sich beugte in Demut.
Schwarze Finsternis, Ende aller Sinne, Leid, Schmerz, Sterben allein – und dem Schöpfer so nah wie nie zuvor -, gerade in der Ferne, im Zweifel, im Hadern, in der Erfahrung der Verlassenheit; da zu fühlen: auch die Finsternis leuchtet. Schwarzes Licht sozusagen.
Ein Theologe des Mittalters, Johannes Tauler, hat gesagt:
"Das überlichte Licht schaut man in diesem Leben nicht besser, als wenn man ins Dunkle sich begeben."
Die schreckliche Seite, das schwarze Licht, das ebenso stark, ja, aufwühlender leuchtet als jene liebende Seite, die sich mir gnädig zuneigt.
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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Rundfunkpfarrer Jörg Metzinger
E-Mail: joerg.metzinger@ekir.de
Mobil: 01778309019