Am Sonntag, den 25. Januar 2026, ab 10:05 Uhr überträgt der Deutschlandfunk einen Gottesdienst aus der Evangelisch-Lutherischen Stadtkirche im niedersächsischen Bückeburg.
Was bedeutet es in unserer Zeit, an Jesus Christus zu glauben? Was macht Christsein heute aus? Das ist das Thema des Gottesdienstes. Frauen und Männer der Gemeinde aus unterschiedlichen Generationen geben darauf ganz persönliche Antworten. Sie erzählen, wie sich ihr Glaube in ihrem Leben konkret ausdrückt. Pastor Jan-Uwe Zapke hält die Predigt.
Gemeindeband und Orgel, neue und traditionelle Lieder wechseln sich ab. Es singt der Chor "Rythm of Life" unter der Leitung von Sandra Becker-Klemusch. An der Orgel spielt Kantor Siebelt Meier.
Die Stadtkirche Bückeburg aus dem Jahr 1615 gilt als wichtiger Sakralbau der Weser-Renaissance. Sie wendet ihre reichdekorierte Westfassade dem Schloss zu, das wie die Kirche selbst von Graf Ernst zu Holstein-Schaumburg erbaut worden ist. Aus dem 17. Jahrhundert stammt auch das bronzene Taufbecken des Niederländers Adrian de Vries. Es steht in der Mitte des Innenraums und wird bis heute für die Taufen in der Gemeinde genutzt.
Predigt:
I
Zuflucht und Stärke, das sucht der Hauptmann bei Jesus.
Diese Erzählung aus der Bibel fasziniert mich immer wieder und ich stelle sie mir oft bildlich vor. Ein römischer Hauptmann kommt zu Jesus und die beiden stehen sich gegenüber und sehen sich an. Auf der einen Seite ein uniformierter Offizier, ein Centurio, der etwa 100 Soldaten befehligt und die Besatzungsmacht Rom repräsentiert. Und auf der anderen Seite Jesus in einfacher Kleidung mit zwölf Schülern. Zwei sehr verschiedene Menschen aus sehr verschiedenen Welten.
Und ich frage mich, wie es zu diesem Treffen überhaupt kommen konnte. Von wem hat der Hauptmann etwas über Jesus, den Mann aus Nazareth gehört? Und warum befiehlt er seinen Soldaten nicht, dass sie Jesus zu ihm bringen. Als Befehlshaber einer römischen Einheit wäre das der normale Weg gewesen. Aber der Hauptmann macht sich selbst auf den Weg zu diesem unbekannten jüdischen Rabbi.
Mich erinnert diese Erzählung an einige Taufanfragen von Erwachsenen, die ich in den letzten Monaten bekommen habe. Die Männer und Frauen waren unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft. Ein junger Mann aus unserer Stadt, Flüchtlinge aus dem Iran oder eine Anfrage von zwei Frauen, die ich durch Zufall kennengelernt habe.
Es blieb mir weitgehend unklar, wie ihr Wunsch, getauft zu werden, entstanden ist. Was war vorausgegangen, warum haben sie sich an mich gewandt? Das weiß ich nicht. Aber eines verband sie alle. Es ging in unseren Gesprächen immer um die zentralen Inhalte und Fragen des christlichen Glaubens. Zum Beispiel: Warum ist das Kreuz für uns Christen und Christinnen ein wichtiges Zeichen? Oder warum soll der Mensch Jesus von Nazareth göttlich sein? Was bedeutet der Glaube an Jesus konkret im Leben, im Alltag?
Darüber haben wir miteinander gesprochen. Es gab hingegen kaum Fragen zur Kirche, zu evangelisch oder katholisch. Wie die Kirche organisiert ist, was ein Pastor macht oder ein Bischof, das hat die Menschen kaum beschäftigt, die sich taufen lassen wollten.
Es ging auch wenig um ethische Fragen wie Krieg und Frieden oder Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich.
Nicht einmal, was bei der Taufe geschieht, war groß Thema und dass man damit Pate werden oder kirchlich heiraten kann. Das hat mich verwundert. Früher bei Kircheneintritten oder Erwachsenentaufen spielte das eine viel größere Rolle.
Ich habe den Eindruck: Wenn Menschen heute neu nach Gott fragen, dann möchten sie verstehen: Wer ist Jesus Christus? Warum ist er die wichtigste Person, wenn man Christ wird? Und was bedeutet das für das eigene Leben?
Diese Gespräche mit denen, die sich taufen lassen wollen, führe ich sehr gern. Ich muss schwierige theologische Sachverhalte einfach und verständlich erklären. Ich bin gefordert zu beschreiben, woran ich selbst glaube. Und ich darf miterleben, dass Menschen diesen neuen Weg mit Jesus Christus beginnen.
Wenn ich als Pastor ein Taufgespräch führe, dann versuchen wir, gemeinsam dem näher zu kommen: Was bedeutet der christliche Glaube? Allgemein und konkret für diesen Menschen.
Das Eine ist das Wissen über den Glauben, für den sich jemand entscheidet. Das andere ist die persönliche Begegnung mit Jesus Christus. Dafür braucht es noch eine andere Ebene. Da geht es nicht nur um Wissen, sondern auch um Erfahren oder Erleben. Und es braucht Zugänge oder Hilfen, um das erleben zu können.
II
Sich dem Göttlichen zu nähern – dazu können Kirchenräume hilfreich sein. Das beobachte ich oft in unserer Stadtkirche hier in Bückeburg. Wenn Besucher unsere Stadtkirche betreten, sind sie erstaunt. Unmittelbar vor der Kirche führt die Hauptstraße durch die Innenstadt entlang. Da ist es laut und hektisch. Wenn man aber dann die Kirche betritt durch die große Eingangstür, rückt das alles schlagartig in den Hintergrund. Der weite Innenraum und die plötzliche Stille beruhigen einen umgehend. Die Besucher haben das Gefühl, in eine andere Welt einzutreten. Oft zünden sie eine Kerze an und verweilen noch etwas.
Unsere Stadtkirche als heiligen Raum zu erleben, verändert Menschen für einen Moment. Manchen Besuchern hilft das, um sich vorzubereiten für ein Gespräch mit Gott. Sie setzen sich dann in die Bank, sprechen ein Gebet oder tragen ihre Gedanken in unser Gästebuch ein.
Auch in der biblischen Erzählung bereitet sich der römische Hauptmann vor. Er nähert sich behutsam dem Göttlichen. Er tritt vorsichtig an Jesus heran. Das bedeutet, er kommt nicht als Centurio des Heeres mit Soldaten, wie man es eigentlich erwarten würde. Sondern er kommt allein, still und leise. Und dann bittet er Jesus. Er nimmt sich selbst zurück. Das ist die entscheidende Voraussetzung für das folgende Gespräch, das die beiden führen.
Ich bin mir sicher: Das ist ein Schlüssel für die Begegnung mit Christus auch in unserer Zeit. Christlicher Glaube ist ja keine Doktrin oder Ansammlung von Lehrsätzen. Christlicher Glaube ist vor allem lebendige Begegnung. Und dazu bedarf es einer inneren Vorbereitung.
Unsere Welt ist laut und schnell geworden. Sie kennt keine Pause, das Handy begleitet uns den ganzen Tag und manchmal sogar noch in der Nacht. Nachrichten kommen und gehen. Wo aber ist Raum und Zeit, um Gott bewusst zu begegnen, einer ganz anderen Wirklichkeit als unserer alltäglichen? Wo kann ich innerlich still werden, um die Worte Jesu aufmerksam und ungestört zu hören? Mehr denn je braucht es heute Orte oder Räume, um sich auf diese Begegnung vorzubereiten.
Vielleicht eine Kirche, vielleicht aber auch nur einen Moment der Stille am Morgen oder am Abend; vielleicht eine Kerze oder ein biblisches Wort. Wie auch immer, ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns für die Begegnung mit Christus vorbereiten sollten.
Die Begegnung selbst mit ihm kann ich aber nicht durch Methoden erzwingen. Ich kann es also nicht machen, dass er da ist. Aber ich kann offen und aufmerksam werden, da sein, ihn ansprechen, wie der Hauptmann in der biblischen Erzählung. Und dann kann auch etwas geschehen, was ich als Glaube beschreiben würde. Wahre Begegnung wird zum Glauben. Das erzählt mir die Geschichte vom Hauptmann.
III
Jesus begegnen und seine Gegenwart erleben. Das kann auch bedeuten, über sich hinauszuwachsen. Das habe ich auf einer Jugendfreizeit vor vielen Jahren in Irland erlebt. Wir waren an der Westküste und ich wollte mit einer kleinen Gruppe auf einen hohen Berg steigen. Von dort aus hat man eine einmalige Aussicht über die zerklüftete Landschaft und den Atlantischen Ozean.
Neben mir ging ein Mädchen, das sehr schwer atmete und immer wieder ängstlich stehen blieb. Wir ermutigten sie, nicht aufzugeben und gingen langsam mit Pausen. Letztlich haben wir es alle geschafft, den Berg zu besteigen. Oben angekommen, strahlte das Mädchen über das ganze Gesicht. Völlig außer Atem rief sie begeistert: "Das muss ich zu Hause unbedingt meiner Mutter erzählen, dass ich das geschafft habe. Ich habe überhaupt keine Ausdauer und große Höhenangst. Aber dass alle in der Gruppe auf mich Rücksicht genommen haben, das hat mir echt Kraft gegeben. Und ich habe es immer wieder versucht und meine große Angst überwunden. Jetzt bin ich total glücklich, durchgehalten zu haben. Das ist echt ein Wunder."
Manchmal hilft ein Satz oder eine Geste, und jemand schafft mehr, als er oder sie gedacht hat. Oder nur ein Wort, und ein Mensch wird gesund. So sagt das in der biblischen Erzählung der römische Hauptmann zu Jesus: "Sprich nur ein Wort und mein Diener wird gesund." Der Hauptmann ist sich sicher: Jesus kann heilen. Er vertraut ihm bedingungslos. Ja, er erwartet noch nicht einmal, dass Jesus persönlich zu seinem Mitarbeiter geht, sondern das Wort von Jesus allein entfaltet Wirkkraft, auch über Entfernung hinweg. Das macht diese Erzählung so außergewöhnlich. Der römische Hauptmann hört von Jesus, nähert sich ihm nicht mit großem Auftreten, sondern leise und zurückhaltend und entfaltet einen Glauben, der große Energie freisetzt.
Das ist für mich das Besondere. Glauben bedeutet nicht, dass ich eine Information oder eben eine Religion für wahr halte. Das verkürzt den Begriff "Glauben". Der Hauptmann glaubt nicht nur, dass Jesus ein besonderer Mann ist. Er vertraut darauf, dass in diesem Mann sich die wunderbare Wirkkraft Gottes ereignen wird. Wie auch immer, aber ein Wort reicht aus. Da ist er sich sicher. Und natürlich liegt darin auch gleichzeitig das große Wagnis für den Hauptmann. Er setzt alles auf eine Karte. Anders geht es nicht.
Es gibt so gesehen keinen distanzierten Glauben. Denn ob sein Knecht gesund ist, wenn er allein nach Haus kommt, weiß er nicht. Ob sich die Wirkkraft des göttlichen Wortes Jesu wirklich entfaltet, kann er nicht beeinflussen und auch nicht vorher testen.
Ich komme noch einmal auf das Mädchen aus Irland zurück. Wenn ich am Anfang der Wanderung gesagt hätte, glaubst du, dass du auf den Berg dort oben hochkommst, hätte sie mit Sicherheit abgewunken. Nur das Gehen selbst, gegen die eigene Erfahrung, hat bewirkt, dass sie es geschafft hat und wir alle den Gipfel erreicht haben. Diesen Erfolg konnte niemand durch Tricks oder Kniffe machen. Sie selbst auch nicht, er war letztlich unverfügbar.
Das ist das Wunder, wenn man auf einen Satz vertraut, der Mut macht, auf ein Wort, das heilt. Du gibst dich mit deiner ganzen Person hinein. Du wagst etwas und öffnest dich; so kann sich die göttliche Kraft ereignen. Gottes Kraft bleibt unverfügbar. Doch sie wirkt.
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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