Evang. Martinskirchengemeinde Bad Hersfeld
Gott hört anders
Radiogottesdienst aus der Martinskirche in Bad Hersfeld
16.08.2026 10:05

Der Deutschlandfunk überträgt am Sonntag, 16. August 2026, von 10.05 bis 11.00 Uhr live einen evangelischen Gottesdienst aus der Martinskirche in Bad Hersfeld (Foto). Pröpstin Sabine Kropf-Brandau (Foto) und Pfarrerin Lea Katharina Müller (Foto) halten die Predigt und gestalten den Gottesdienst gemeinsam mit einem Team.

Die musikalische Leitung hat Popkantor Matthias Weber, der auch Klavier spielt. Es singen und musizieren Rene Bachmann-Wiesner, Saxophon und Querflöte, sowie der Chor "Colours of Music".

"Gott hört anders" hat das Team den Gottesdienst betitelt. Im Mittelpunkt steht die biblische Geschichte vom Pharisäer und Zöllner. Sabine Kropf-Brandau und Lea Katharina Müller sagen in ihrer Predigt: "Jesus erzählt damit: Gott hört tiefer – hinter Worte, Rollen und Vorurteile." Eine Predigt über Schubladen im Kopf, ehrliche Selbstsicht und den Mut, sich von Gottes Hören verändern zu lassen.

Die Martinskirche wurde im Jahr 1967 erbaut. Sie ermöglicht durch ihre moderne Architektur verschiedene Veranstaltungsformate. Sie ist ein Ort für moderne Gottesdienste und zahlreiche Kulturveranstaltungen sowie Begegnungsort für junge Menschen und Familien.

Die Predigt zum Lesen und das Audio zum Hören finden Interessierte auf www.kirche-im-hr.de sowie www.rundfunk.evangelisch.de
 

Predigt:
 

I
Sabine Kropf-Brandau

Wenn ich die Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner höre, sehe ich den Tempel vor mir. Dort hat alles seinen festen Platz: das Licht, die Menschen, die Gebete.

Mitten in diesem Raum steht der Pharisäer. Er hilft mit, dass der Tempel mehr ist als nur ein Gebäude. Der Tempel ist ein Ort, an dem Menschen Gott begegnen können. Sie beten dort, loben Gott und bringen ihm ihre Gaben.

Das berührt mich. Menschen wie der Pharisäer bringen etwas Wichtiges in eine Gemeinschaft ein. Sie kennen die Regeln und Rituale. Sie helfen gute Traditionen zu erhalten. Sie sorgen dafür, dass das gemeinsame Leben verlässlich bleibt. Ich bin Pfarrerin und Pröpstin, darum komme ich viel herum und lerne zahlreiche Kirchengemeinden kennen. Ich begegne dabei vielen Menschen, die verlässlich für das gemeinsame Leben sorgen. Sie stehen oft nicht im Mittelpunkt. Aber sie tun auch heute einen segensreichen Dienst: In Kirchengemeinden, in Vereinen, in Firmen und Büros. Sie helfen mit, dass Gemeinschaft wachsen und bestehen kann. 

Lea Katharina Müller
Rituale und Strukturen sind gut und wichtig, das stimmt. Es braucht Menschen, die genau für diese Verlässlichkeit sorgen, dass Traditionen wie z. B. Gottesdienste bleiben. Aber ich schaue in dieser Geschichte zuerst auf den Zöllner. Ich bewundere ihn. Er geht einfach so in den Tempel, obwohl Zöllner durch ihren Beruf bei vielen unbeliebt sind. 

Er fühlt sich eingeladen, genauso wie er ist, vor Gott zu treten. 

Das finde ich beeindruckend. Wie oft machen genau solche Menschen einen Bogen um heilige Räume. Gerade um die kirchlichen Orte, wo alles so perfekt scheint. Oder sie erwarten, auf Leute zu treffen, die genaue Vorstellungen haben, wie man als Christ seinen Glauben leben muss, vor allem moralisch einwandfrei. Der Zöllner lässt sich nicht abschrecken. Er geht in den Tempel und betet. Der Pharisäer sieht ihn, weil er auch gerade dort ist und betet. Und er sagt: "Ich danke dir Gott, dass ich nicht so bin wie der Zöllner!" 

Anstatt sich zu freuen, dass einer kommt, von dem er es nicht erwartet hat. Das ist doch nicht einladend, sondern abgrenzend! 

Sabine Kropf-Brandau
Da gebe ich dir recht. Das hat der Pharisäer überhaupt nicht im Blick. Aber ich will trotzdem nochmal eine Lanze für ihn brechen. Damit wir nicht zu schnell sind mit unseren Urteilen.
Da steht ein Mensch, der Gott dankt – ehrlich, bewusst, mit einem klaren Blick für das Gute in seinem Leben. Er fastet nach der Tradition, er spendet. Und das ist wichtig. Dennoch wird in seinem Gebet etwas schief. Nicht, weil der Pharisäer als Person falsch wäre, nicht, weil seine Tradition gering zu achten wäre, sondern weil er etwas macht, das uns allen passieren kann. Er bleibt nicht bei sich. Er grenzt sich von dem anderen ab: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht so bin wie der Zöllner.

Lea Katharina Müller
Ich habe alles richtig gemacht, das ist seine Haltung. Aber er sagt das nicht nur mit Freude, sondern er vergleicht sich mit einem anderen, der es in seinen Augen nicht so gut hinkriegt. Dadurch will er sich selbst auf Kosten anderer aufwerten. 

Das kenne ich auch. Wie schnell vergleiche ich mich mit anderen. Um mich abzusichern, mich zu vergewissern, selbst auf dem richtigen Weg zu sein, um mich besser zu fühlen. 

Manchmal passiert dieses Abgrenzen auch schnell zwischen verschiedenen Generationen in der Kirche. Die "Alten" als die Traditionellen und die "Jungen" als die Innovativen, die nun mit neuen Projekten frischen Wind bringen, während die Alten nur tote Traditionen pflegen. Da gehen sofort die Schubladen auf in meinem Kopf … 

Aber so ist es doch nicht. Auch die "Alten" können innovativ sein und die "Jungen" sind manchmal viel konservativer, als ich dachte. 

Warum müssen wir uns immer vergleichen und andere in Schubladen stecken?
 

II
Sabine Kropf-Brandau

Warum müssen wir uns selbst mit anderen vergleichen und andere in Schubladen stecken? Die Frage verweist auf einen wunden Punkt. 

Und das gilt ja nicht nur innerhalb von Kirche. Wir haben es vorhin von Ingo und Tamara gehört. Genau da merke ich, wie tief diese Geschichte vom Pharisäer und Zöllner in unseren Alltag hineinreicht. Wir sortieren Menschen ein, so wie Tamara und Ingo zunächst den Motorradfahrer wegen seiner Kleidung und seiner Ruhestörung nachts einsortiert haben: als rücksichtslosen Kerl! 

Vom Auftreten, einem ersten Eindruck oder einer Handlung schließen wir gleich auf den ganzen Menschen. Und schon ist die Schublade zu. 

Aber dann kommt so ein Moment wie bei Ingo: Die Schublade geht wieder auf. Und plötzlich steht da ein Mensch. Kein Klischee. Ich nehme eine ganz andere Seite an ihm wahr. Da ist ein Mensch, hilfsbereit und mit Herz. 

Ich frage mich: Wie oft habe ich jemanden überhört, weil ich dachte, ich weiß schon, wie er klingt? Wie oft habe ich jemanden übersehen, weil ich meinte, ihn zu kennen? Wie oft habe ich mich von jemanden abgegrenzt, um mich besser zu fühlen oder besser dazustehen?

Jesus erzählt uns die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner nicht, um uns zu beschämen. Er erzählt sie, um uns wach zu machen. Wach dafür, dass Gott anders hört.

Ich vertraue darauf: Gott hört nicht das Dröhnen des Motorrads zuerst, sondern das Herz dahinter. Gott hört nicht die selbstgerechten Worte des Pharisäers, sondern die Sehnsucht, die darunter liegt. Gott hört nicht nur die Scham des Zöllners, sondern vor allem seinen Mut, sich überhaupt zu zeigen. Hinter dem Gebet hört er den Wunsch, von Gott angenommen und geliebt zu sein.
Und wenn Gott so liebevoll hört – können wir das auch?

Lea Katharina Müller
Ich möchte auch hören, wie Gott hört! Und manchmal gelingt es.

Wenn ich Kinder in der Schule in Reli unterrichte, versuche ich, ihnen genauso zu begegnen, wie sie sind. Ganz ohne Vorurteile, denn das Bildungssystem hat diese Schubladen leider auch. Je nach Familie und Herkunft haben Kinder ganz unterschiedliche Chancen in der Schule. Einfach traurig. 
Wir Lehrerinnen und Lehrer geben unser Bestes, sie so zu sehen, wie sie sind – ohne Schublade, mit ihren Stärken und Schwächen. 

Mir gelingt es nicht immer, aber ich bin froh, wenn ich merke, dass diese Schubladen in meinem Kopf aufgehen. Das ist der erste Schritt. Ich erkenne, wie ich meine inneren Schubladen öffne, in die ich Menschen schnell einsortiere. Ich will offen sein und den ganzen Menschen sehen, mit all den Überraschungen, mit denen ich nicht gerechnet habe.

Das Spannende an der Geschichte mit dem Zöllner und dem Pharisäer ist ja: Beide beten zu Gott. Beide in ganz unterschiedlicher Weise. Und beide schaut Gott an. 

Die Geschichte zeigt mir: Ich trage von beiden Personen etwas in mir. Manchmal bin ich eher der Pharisäer, der sich selbst nur im guten Licht sieht. Ich bin einfach dankbar für das, was ich in meinem Leben habe: meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit. Aber wenn ich mir das bewusst mache, komme ich manchmal in die Gefahr, mich von anderen abzugrenzen: "Gott sei Dank bin ich nicht wie der oder wie die…"

Warum eigentlich? Es reicht doch, nicht als selbstverständlich zu nehmen, was mein Leben schön macht, und einfach dankbar dafür zu sein.

Und manchmal bin ich eher der Zöllner, der weiß, was er alles falsch gemacht hat. Ich sehe vor allem meine Fehler, all das, was mich von Gott trennt. 

So wie es bei mir selbst ist, so ist es doch auch bei vielen anderen Menschen. Eine Schublade reicht nie aus. Es sind immer mehr als eine. 

Jesus macht uns in diesem Gleichnis genau auf diese Schubladen aufmerksam. Es schadet euch, in Schubladen zu denken, so verstehe ich seine Geschichte. Das ewige Vergleichen und Euch selbst für besser Halten vergiftet Beziehungen – die zu euch, zu anderen und zu Gott.

III
Sabine Kropf-Brandau

Weißt du, Lea, während wir hier reden, merke ich: Diese Geschichte ist nicht nur ein Spiegel, sie ist ein Startknopf. 

Der Pharisäer und der Zöllner stehen da im Tempel – aber eigentlich stehen sie mitten im Leben. Und Jesus zeigt uns nicht nur, wie Gott hört, sondern auch: Gottes Hören bringt mich in Bewegung. Denn wenn Gott anders hört, dann bleibt nichts statisch. 

Der Pharisäer wird herausgefordert, sich nicht hinter seiner Ordnung zu verstecken. Der Zöllner wird herausgefordert, sich nicht hinter seiner Scham zu verkriechen. Beide werden gesehen – und beide werden gerufen, weiterzugehen. 

Und das finde ich spannend: Gott hört uns nicht, um uns zu sortieren, sondern um uns zu verändern. Nicht, um uns festzuhalten, sondern um uns zu öffnen. Das ist der neue Gedanke, den ich heute mitnehme: Gottes Hören ist wie ein innerer Anstoß. Ein leiser Impuls, der sagt: "Du musst nicht bleiben, wie du bist. Du darfst wachsen." 

Und das macht diese Geschichte so lebendig. Sie ist kein Urteil, sondern eine Einladung. Eine Einladung, die eigenen Muster zu lockern, die eigenen Schubladen zu hinterfragen, die eigenen Wege zu erweitern. Gott hört anders – und genau deshalb bewegt sich etwas in unserem Leben.

Lea Katharina Müller
Das ist wirklich ein toller Gedanke. Bei Gott darf ich wachsen. Ich darf mich immer wieder öffnen und neu über mich hinauswachsen. Und das bei jeder Begegnung mit anderen aufs Neue. 

Wenn ich um meine eigenen Schubladen weiß, kann ich offen werden für mein Gegenüber, den anderen mit Gottes Augen sehen. Das ist doch ein Geschenk Gottes an uns. Gott legt uns nicht auf eine einzige Rolle fest. Gott weiß um alle Rollen und Schubladen. Gott kennt den Moment, in denen ich mich wie der Pharisäer fühle, und kennt ebenso den, in dem ich eher wie der Zöllner unterwegs bin. Und in allen sieht Gott mich an, damit ich andere genauso ansehen kann. 

Da braucht es kein "Generationen-Bashing" mehr – die Jungen sind so und die Alten sind so, keine Vorurteile, keine Schubladen im Kopf. Genau daran kann ich gemeinsam mit anderen wachsen und lernen, damit keiner so bleibt, wie er oder sie ist. Damit kann ich sofort beginnen und jeden Tag wieder neu. 

Sabine Kropf-Brandau
Ja, Gott nimmt uns, wie wir sind – aber genau deshalb lässt er uns nicht so, wie wir sind. Er traut uns Veränderung zu, Wachstum, neue Schritte. Gott hört anders – und das heißt doch: dass wir jeden Tag ein bisschen mutiger losgehen dürfen, ohne andere vorschnell zu verurteilen oder mich mit ihnen zu vergleichen, um sie kleiner zu machen. 

Lea Katharina Müller
Und bei jedem Schritt, bei dem ich die Schublade offen lasse für Neues und Unerwartetes, kann ich ein Stück wachsen. Wachsen, um meine Mitmenschen mit Gottes Augen zu sehen. 

Amen. 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Service

Hörertelefon von 11 bis 12 Uhr: 06621 - 9318290

Kontakt zur Sendung

Claudia Rudolff,
Rundfunkpfarrerin für den hr
Mobil:   01727460159
E-Mail: claudia.rudolff@ekkw.de