Evang. Kirchengemeinde Gangelt-Selfkant-Waldfeucht
Es geht auch anders!
Gottesdienst aus der Friedenskirche in Gangelt aus Nordrhein-Westfalen
30.08.2026 10:05

Was macht eine gute Veränderung aus – und was sollte sie antreiben? Um diese Fragen geht es im Gottesdienst, den der Deutschlandfunk am 30. August 2026 aus der Evangelischen Friedenskirche in Gangelt überträgt.

Unter dem Motto "Es geht auch anders" blickt Pfarrer Mathias Schoenen auf eine der ersten großen Reformen der christlichen Gemeinde: Als in der jungen Kirche eine Gruppe von Witwen bei der Versorgung benachteiligt werden, findet die Gemeinschaft eine neue Lösung. Es ist die Geburtsstunde der Diakonie (Apg 6,1-7).

Die biblische Geschichte führt mitten hinein in aktuelle Fragen: Wann braucht es Veränderung? Wer entscheidet über Reformen? Und vor allem: Was ist das richtige Motiv für eine Veränderung, die das Leben vieler Menschen betrifft? Die ersten christlichen Gemeinden hat die Liebe zum Mitmenschen und der Blick auf die Schwächsten zu Reformen bewegt. Was können wir heute davon lernen?

Musikalisch gestaltet wird der Gottesdienst vom Gospelchor "Glory to God" unter der Leitung von Severine Joordens und von Volker Mertens an der Orgel.

Die Evangelische Kirchengemeinde Gangelt-Selfkant-Waldfeucht liegt am Niederrhein im Kreis Heinsberg an der Grenze zu den Niederlanden und ist die am westlichsten gelegene Kirchengemeinde Deutschlands.
 

Predigt:

I
In dieser Zeit wuchs die Zahl der Jünger stetig.
Doch bald wurden in der Gemeinde Klagen laut.
Sie kamen von den Griechisch sprechenden Mitgliedern,
die aus anderen Ländern zugezogen waren.
Die warfen den Hebräisch sprechenden Einheimischen vor,
ihre Witwen bei der täglichen Speisung zu übergehen.

Daraufhin beriefen die Zwölf
Eine Versammlung aller Jünger ein
Und sagten: "So geht das nicht!
Wir können doch nicht 
Die Verkündigung von Gottes Wort vernachlässigen –
Und uns stattdessen selbst
Um die Essensausgabe an den Tischen kümmern.

Brüder und Schwestern,
wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus.
Sie sollen einen guten Ruf haben
Und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sein.
Ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen.

Wir dagegen werden uns ganz dem Gebet
Und der Verkündigung widmen."

Der Vorschlag fand Zustimmung
Der ganzen Versammlung.
Sie wählten Stephanus,
einen Mann mit festem Glauben
und erfüllt vom Heiligen Geist.
Hinzu kamen Philippus, Prochorus,
Nikanor, Timon, Parmenas
Und Nikolaus aus Antiochia,
der zum jüdischen Glauben übergetreten war.

Diese sieben ließ man vor die Apostel treten.
Die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf.

Das Wort Gottes breitete sich aus,
und die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs immer weiter.
Sogar von den Priestern nahmen viele
den Glauben an Jesus an.

II
Reformen müssen her, liebe Gemeinde.
Es muss sich was ändern – und zwar grundlegend.

So geht das jedenfalls nicht weiter!
Im Frühling, Sommer und Herbst der Reformen ist das kein besonderer Satz: Reformen müssen her.
So fordern es viele in Politik und Wirtschaft. 
Beständigkeit und Veränderung – beide prägen auch unser persönliches Leben. Die Kinder ziehen aus, und das Haus fühlt sich plötzlich leer an. Eine Krankheit macht zu schaffen und verändert den Alltag. Im Job erweist sich der neue Chef als schwierig. Jedes Mal wird schnell klar: So wie bisher geht es jetzt nicht weiter. 

Heute begegnet uns ein Stück Bibel, 
in dem es um eine der ersten Reformen 
in der jungen, werdenden Kirche geht. 
"So geht das nicht!" heißt es auch dort.

Damals wie heute gehören Beständigkeit und Vertrautes zu Stützen des Lebens. Davon zeugt jedes Ehejubiläum, jede Goldene Hochzeit. Davon berichten die Zeitungsartikel, wenn langjährige Vereinsmitglieder geehrt werden oder jemand ein Dienstjubiläum in seiner Firma feiert. Mir hat eine ältere Dame von der wunderbaren Nachbarschaft erzählt, in der sie seit 54 Jahren lebt – über die Generationen hinweg.
Arbeit, Beziehung, Nachbarschaft: Viele wünschen, es möge doch möglichst alles so bleiben, wie es ist.
Da hilft dann auch nicht einfach die Binsenweisheit, dass Leben nun einmal Veränderung bedeutet. Manche scheuen trotzdem jede Veränderung.

Und doch: Veränderung tut gut. Im Sommer verstehen viele Menschen ihren Urlaub als einen lang ersehnten "Tapetenwechsel". Mal etwas anderes sehen, in eine andere Welt eintauchen, den Alltag mal hinter sich lassen. Etwas Neues erleben, riechen, schmecken, kennenlernen. Also eine geplante Veränderung auf Zeit. Nach schönen, erholsamen Urlaubstagen komme ich gerne wieder nach Hause. Motiviert für den Alltag und erneut neugierig auf die Dinge, die mich zu Hause erwarten.

Und der wirkliche Tapetenwechsel, die Renovierung in Wohnung oder Haus, macht zwar Arbeit. Aber dann, wenn alles getan ist, und Freunde und Nachbarn zum Feiern vorbeikommen, ist die Freude groß. Veränderungen können guttun. 

Klar, zwei Wochen in eine andere Landschaft oder ein neuer Anstrich fürs Wohnzimmer, das sind noch lange keine Reformen, keine großen Veränderungen im Leben. Die kennen wir aber auch, so eine Art Privatreform: Da steigt eine ins Berufsleben ein nach langer Zeit der Schule und Ausbildung. Sie zieht um, aus der Studentenbude in eine erste eigene Wohnung. Das soziale Umfeld verändert sich. Da sind Kolleginnen und Kollegen und eine ganz neue Nachbarschaft. Die finanziellen Möglichkeiten werden größer. Und der Blick nach innen zeigt ein größeres Selbstvertrauen. Sie spürt: Ich kann etwas bewirken. 

Anderswo steigt jemand aus dem Berufsleben aus. Auch das hat nicht allein finanzielle und soziale Folgen. Sie oder er empfindet das als großen Umbruch, als Neuanfang, ja als eine Art Reform. Welche neuen Ziele, Herausforderungen, Aufgaben, Verantwortlichkeiten werde ich entdecken und entwickeln? Welche Freundschaften werden jetzt wichtig? Wie strukturiere ich den Tag? 

Beständigkeit und Veränderung – beide prägen unser Leben.
Beide zur gleichen Zeit und auch: beide zu ihrer Zeit.

Szenenwechsel von uns heute in die Zeit der frühen Christinnen und Christen. Die Ereignisse um Kreuz und Auferstehung Jesu liegen schon eine Weile zurück, und in Jerusalem und darüber hinaus wächst eine Gemeinschaft heran, die sich bald ganz anders zusammensetzt als noch zur Zeit der allerersten Urgemeinde. Die Tür zu dieser Gemeinschaft ist das Bekenntnis zu Jesus und die Taufe in seinem Namen.
Neben Angehörigen mit jüdischen Wurzeln zählen sich nun auch Menschen zu diesen Christinnen und Christen, die kulturell und religiös ganz anders groß geworden sind.
Das führt zu Diskussionen, Konflikten und zu einer ersten Reform.
Auslöser ist die Versorgung der Griechisch sprechenden Witwen. Eine Rentenversicherung gibt es nicht. Also muss die Gemeinde für jene Frauen sorgen, die mitunter nicht durch ein Familieneinkommen abgesichert sind. Der Hebräisch sprechende Teil der – sagen wir mal die Einheimischen – fühlt sich nicht verantwortlich oder überfordert. Es droht ein Konflikt, und der verlangt nach einer Lösung, damit es nicht zur Spaltung kommt. 

Eine echte Reform muss her. Eine grundlegende Veränderung mit Folgen für die ganze Gemeinschaft.
Wer kann sie auf den Weg bringen?
In dem Fall die Leitung der Gemeinde, die Zwölf, der damalige Jüngerkreis. Und sie beginnen die Reform mit einem klaren "So geht das nicht (weiter)".
Als zweiter Schritt folgt eine Arbeitsteilung, die es bisher so jedenfalls nicht gegeben hat. Die Jünger bleiben in der Verkündigung tätig, sie predigen und halten Gottesdienste. Daneben wird ein neuer Arbeits- und Sozialbereich eröffnet: die Versorgung der Griechisch sprechenden Seniorinnen.
Dazu wird drittens eine Gruppe aus der Gemeinde berufen. Es sind sieben Männer, die namentlich genannt werden. Das Besondere an ihnen: Auch sie gehören zum Griechisch sprechenden Teil. Und sie genießen einen guten Ruf.
Sie kennen die Lebensumstände der Hilfsbedürftigen, sie sprechen ihre Sprache. Sie fühlen sich wohl auch in besonderer Weise mit verantwortlich. Sie sind die Jüngeren. Die, denen sie nun dienen, sind ihnen eine Generation voraus.
Viertens stimmt die ganze Gemeinde ihrer Wahl zu. Alle sind dafür.
In einem letzten Schritt werden die Sieben in ihren Dienst eingesetzt. Die Apostel legen ihnen die Hände auf und beten für sie. 

Dienst heißt im Originaltext der Bibel: diakonia. Was damals aus einer konkreten Not heraus geschieht, ist die Geburtsstunde der Diakonie. So wird diese Reform zur Altersversorgung in unseren Kirchen im Rückblick verstanden. Die ersten Gemeinden wachsen nicht nur, weil sie vom Glauben erzählen, sondern auch, weil sie sich um die Schwachen kümmern.

Die frühen Christinnen und Christen finden eine Lösung, wie sie alle Witwen in ihrer Gemeinde versorgen können. Ob uns der Bericht von dieser frühen Kirchenreform in unserer gegenwärtigen Reformlage weiterhilft?

III
So kann das nicht weiter gehen! Flüsse und Seen verschwinden, Gärten vertrocknen, Menschen sterben in Folge der Hitze.
So kann das nicht weiter gehen! Die Sozialsysteme kommen an ihre Grenzen, das Gesundheitssystem, die Rentenkassen. Veränderungen sind beschlossen oder angekündigt. 
So kann das nicht weiter gehen! Das Wohnen wird für viele unerschwinglich teuer, besonders in den Städten. Manche Familie zieht zu uns, heraus aufs Land. Doch das löst nicht das Grundproblem der teuren Wohnungen.
So kann das nicht weiter gehen in Schulen, im Verkehrssystem, im Umgang mit Minderheiten.
Zugegeben, die Dimensionen von heute sind in ihren Ausmaßen unvergleichlich größer. Natürlich kommt es in Fragen des Umgangs mit der Schöpfung, mit Natur und Wasser immer auch auf Ihr und mein persönliches Verhalten an. Aber insgesamt stehen wir vor Veränderungen, die durch Regierungen in Bund und Ländern sowie gesellschaftlichen Akteuren beschlossen und organisiert werden müssen. Was trägt der Blick auf die Reform bei, die die frühe Christenheit damals durchgeführt hat?
Da ist zum einen dieser bemerkenswert demokratische Ablauf. Ein Problem wird erkannt und benannt, nicht klein geredet, nicht instrumentalisiert für eigene Interessen. Das Problem wird von der Leitung angepackt. Personen werden gefunden, Kompetenzen neu verteilt. Eine neue Institution entsteht, die Diakonie. Und am Ende stimmen alle zu.
Reformen erfordern den Konsens der Beteiligten, der Betroffenen. Das können wir hier lernen.

Und ein Zweites: Was ist das leitende Motiv von Veränderungen? Soll ein Finanzproblem gelöst werden? Stehen Menschen im Mittelpunkt? Geht es zuerst um partei-politische Interessen?

Für die Reform, von der die Bibel da erzählt, liegt das Hauptmotiv auf der Hand. Die damaligen Christinnen und Christen wollen einen Missstand beheben, der die Schwächsten dieser Gemeinschaft betrifft. Frauen, die im Alter nicht versorgt sind, die zudem als Witwen rechtlich eine schwache Position haben. 
Sie sich selbst zu überlassen, das geht gar nicht.

Das Hauptmotiv damals ist die Liebe. Die christliche Gemeinde glaubt und erlebt: Gott ist die Liebe. In der Lesung aus dem ersten Johannesbrief haben wir heute gehört: "Wir wollen einander lieben. Denn die Liebe kommt von Gott." 

Diese Reform ist Ausdruck solcher Nächstenliebe. Sie legt davon Zeugnis ab, dass Gottes Liebe auch im sozialen Miteinander wirkt. Sie gilt Rentnerinnen und Rentnern genauso wie jungen Familien. Sie gilt den Jungen auf dem Weg ins Berufsleben wie den Alten im Ruhestand. Sie gilt Menschen, ganz gleich, woher sie kommen und welche Sprache sie sprechen.
Deshalb: Um der Menschen willen sind Veränderungen gefragt, um der schwächsten Menschen willen.

Das ist eine Folge für jene, die sich zu diesem Jesus bekennen. Der hat gesagt: "Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan." Das ist das Motiv der Reform damals. Ob in unserer Zeit, wenn´s um große Veränderungen geht, die Nächstenliebe, die Liebe zum Mitmenschen eine Rolle spielt?  

Jedenfalls wissen Menschen in den großen Veränderungen ihres Lebens manchmal am besten, dass es Liebe war, die ihr Leben nachhaltig verändert hat. Die Liebe zur Partnerin, zum Partner, zu Kindern und Enkeln, zu den alt gewordenen Eltern, zu Freundinnen und Freunden – wir gehen nicht alleine durchs Leben. Wie gut, wenn solche Liebe trägt. Und doch: Manchmal wird sie herausgefordert. Mal angenommen, in einer langjährigen Partnerschaft trifft sie eine schwere Diagnose. Plötzlich sind da Untersuchungen, Therapien, Ängste. Sie braucht jetzt alle Aufmerksamkeit und Zuwendung. Wie gut, wenn er das geben kann. Sie steht jetzt im Mittelpunkt, völlig klar. Aber wer entlastet ihn, wenn er mal am Ende seiner Kraft ist? Wer hört zu, wenn er sagt: So kann das nicht weitergehen, ich schaffe es nicht allein? Plötzlich muss das verhandelt werden. Vielleicht können die Kinder Zeit geben oder gute Freunde. Manches von dem, was die ersten christlichen Gemeinden bewegt hat, greift auch hier: Auf die Betroffenen hören, andere mit ins Boot holen, Aufgaben neu verteilen. Wie gut, wenn dann eine Lösung gefunden wird und sei es erst mal probeweise. 
Und wie gut, wenn auch hier das Hauptmotiv die Liebe bleibt. 
Wie hieß es noch im Johannesbrief: "Lasst uns einander liebhaben, denn die Liebe kommt von Gott."

Amen.
 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Kontakt zur Sendung

Pfarrer Titus Reinmuth
Evangelisches Rundfunkreferat NRW
Mobil: 0151-65176246
E-Mail: reinmuth@rundfunkreferat-nrw.de