www.illuminal.de / Jan Kruetzfeldt
Schön, würdevoll, auf Augenhöhe
Radiogottesdienst aus der Marienkirche in Husum
11.10.2026 10:05

Am 11. Oktober 2026 von 10.05 bis 11.00 Uhr überträgt der Deutschlandfunk live einen evangelischen Gottesdienst aus der Marienkirche in Husum. Die Predigt hält Pastor Friedemann Magaard. Kirchenmusikdirektor Kai Krakenberg gestaltet die Musik. Mit zum Team gehören der Künstler Harald Birck und verschiedene Sprecher:innen.

Unter dem Motto "Auf Augenhöhe" stellt der Künstler Harald Birck in ganz Deutschland Tonköpfe aus. Aktuell sind drei in der Husumer Marienkirche zu sehen. Anlass ist das Jubiläum zu 30 Jahren Wohnungslosenhilfe in Husum durch das Diakonische Werk. Die drei Tonköpfe erzählen von drei wohnungslosen Menschen. Sie zeigen deren Schönheit und Würde. Sie stehen auf Podesten und drücken damit aus: Alle Menschen sind auf Augenhöhe. Um die Würde eines jeden Menschen geht es in dem Radiogottesdienst.

Als musikalischer roter Faden zieht sich der Song "Streets of London" durch den Gottesdienst, ein Song über Menschen ohne Obdach in London.

Predigt:

Friedemann Magaard:
Wir hören nun Worte aus der Heiligen Schrift. Der Abschnitt aus dem Epheser-Brief ist der Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht im 4. Kapitel.

Susanna Koring:
Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.

Jörg Siegfried:
Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn    
und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Susanna Koring:
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, 
weil wir untereinander Glieder sind.

Jörg Siegfried:
Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel.

Susanna Koring:
Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite 
und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, 
damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

Jörg Siegfried:
Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.

Susanna Koring:
Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.

Jörg Siegfried: Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.

Susanna Koring:
Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Jörg Siegfried:   
Puh, das ist ganz schön starker Tobak, findest du nicht auch?

Lilo Lehnhard:
Och, ich finde das ganz gut. Gute Hinweise für das Leben. Richtig für den Alltag. Wie ging das noch: Die Lüge ablegen und nicht zornig sein. Und nicht stehlen, sondern ehrlich arbeiten. Gute Sache.

Jörg Siegfried:
Stimmt schon, aber ich denke an den Kerl da draußen, der da auf dem Bürgersteig sitzt. Wie klingt das denn für ihn? "Arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut." Er kann das doch gar nicht. Ist er denn gar nicht gemeint?

Lilo Lehnhard:
Keine Ahnung. Irgendwie doch ganz schon starker Toback.

Friedemann Magaard:
Wie wir leben können als Christenmenschen, worauf wir achten sollen, wie wir miteinander umgehen. Dazu passt das nächste Lied, das wir gemeinsam singen. Und verbindet diese Gedanken mit der Bitte, dass Gott uns dazu helfen möge, dass wir unser Leben nicht an den anderen vorbei Leben. "Hilf, Herr, meines Lebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin." Im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 419.

I.    Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.
II.    Hilf, Herr meiner Tage, dass ich nicht zur Plage meinem Nächsten bin.
III.    Hilf, Herr meiner Stunden, dass ich nicht gebunden an mich selber bin.
IV.    Hilf, Herr meiner Seele, dass ich dort nicht fehle, wo ich nötig bin.
V.    Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.

Wie sollen wir leben? Woran könnte man uns Christenmenschen erkennen, wenn wir "nicht vergebens" leben, wenn wir "nicht zur Plage unseren Nächsten" sind und nicht fehl am Platze. Das sind Fragen mit Gewicht. Also: Wichtig und auch ein wenig belastend. Wir hören heute viel vom Anspruch an uns Christenmenschen. 

Nicht lügen, nicht zürnen, nicht stehlen, nicht lästern. Alles richtig, aber doch: Ich habe da ein Störgefühl bei dieser Ermahnung. Der Ton macht die Musik. Es klingt mir so brav und ordentlich, gebügelt und gefaltet. Und: Nichts gegen Bügelfalten, aber Jesus war nicht so. Der war mit denen unterwegs, die nach Schweiß rochen oder nach billigem Parfüm. Mit denen, die öfter Ärger mit der Polizei hatten, mit den schrägen Typen, schwierigen Gestalten. Jesus hatte ein Herz für die Schwierigen. 

Ich muss an Jakob denken, ein Lügner, Hochstapler, Kleinkrimineller. Er lebte vor 100 Jahren. War meistens unterwegs. Ein Vagabund, so wurden diese Leute damals genannt, ohne Obdach, unruhig, ein Getriebener. Und dabei war Jakob auch ein Dichter, heute fast vergessen. Ein vagabundierender Poet. Ich liebe seine Texte.

Jakob Haringer ist heute mein Verbündeter bei meinem Störgefühl, das ich dem Briefabschnitt aus der Bibel gegenüber habe. Nichts davon, was wir gehört haben, ist falsch: Nicht lügen, nicht aufbrausen, nicht stehlen, sondern rechtschaffend arbeiten. Aber ich höre es so, als wäre es gesungen auf der Melodie von "Üb immer Treu und Redlichkeit"… ((Orgel spielt es kurz an)). Einige kennen das. Irgendwie ein biederer Sound. Mit erhobenem Zeigefinger. Ich fühle mich gleich wie mit 14, wenn mir die Autoritäten meines Lebens die Leviten gelesen haben, und ich fühle mich sofort klein dabei. Die Gute Nachricht geht doch anders, oder?

Genau da bringe ich meinen Verbündeten Jakob Haringer ins Spiel, den dichtenden Vagabund. Er schreibt:

    Ehrliche Fäuste liebt Gott oft mehr
    Als betende Hände, die lügen so sehr,
    die lügen Demut und kindliches Tun,
    und sind voll Ehrgeiz und wollen Ruhm.

Ganz schön frech, diese Zeilen, aber das mag ich gerade daran, das Raue, das Skeptische. Wenn es zu schnell zu frömmelnd wird, dann lasst uns aufpassen. Das Leben besteht ja nicht nur aus Schwarz und Weiß.

    Ehrliche Fäuste liebt Gott oft mehr
    Als betende Hände, die lügen so sehr.

Da höre ich beim Dichter Jakob Haringer genau jenes Misstrauen, das der Künstler Harald Birck vorhin beschrieben hat: Das Misstrauen der Menschen, die auf der Straße leben, gegenüber den Normalos, gewaschen, gebügelt, gutbürgerlich, die oft herabschauen auf die im Dunkeln und am Rand.
Und hier dem misstrauischen Blick versteckt sich die Frage: Wie ehrlich meint ihr es denn wirklich mit eurem Glauben und mit eurem Leben? 
Ich will versuchen, die Ermahnungen aus dem Epheser-Brief anders zu hören. Vielleicht ist es doch vor allem eine Frage des Sounds. Beim zweiten Mal hören wir andere Stimmen, junge Stimmen:

Bennit Rohloff: 
Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.

Sinje Gefke:
Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Bennit Rohloff:
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.

Sinje Gefke:
Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 
und gebt nicht Raum dem Teufel.

Bennit Rohloff: 
Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

Sinje Gefke:
Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.

Bennit Rohloff:
Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.

Sinje Gefke:
Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.

Bennit Rohloff:
Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Friedemann Magaard:
Danke euch, Bennit und Sinje. Wenn ihr lest, dann klingt es anders, nicht nach Moralpredigt. Ich höre die dringliche Anfrage an die Menschen aller Generationen: Welches ist dein Beitrag für ein gutes Leben, dein Baustein für eine gute Zukunft?

Ich höre die Anfragen der vielen jungen Leute, die vor Jahren Freitag für Freitag auf die Straße gingen und die Älteren fragten: Was macht ihr konkret für das Klima der Welt? Was tut ihr, dass unser Morgen nicht heute schon verspielt wird?

Ich höre, wie Menschen aus dem globalen Süden aufzeigen, dass Hunger und Armut in der Welt direkt zusammenhängen mit unserem Wohlstand in Deutschland. Was meint ihr, wenn ihr von Gerechtigkeit sprecht?, fragen sie. Gilt die Nächstenliebe nur eurer Familie und den Leuten, die sind wie ihr?
Ich höre die Anfrage der Menschen ohne Obdach: Wie ernst meint ihr es mit eurem Christenleben? Wenn ihr durch uns hindurchschaut. Wenn ihr auf uns herabschaut.  

Ich will diese Fragen ernst nehmen.
Das Leben, das Alltagsleben von Christenmenschen könnte sich tatsächlich unterscheiden von dem anderer Menschen: NICHT, weil wir moralisch gefestigter wären, NICHT, weil wir die besseren Leute wären, das ist ja Quatsch.
Das Alltagsleben von Christenmenschen könnte sich unterscheiden, weil wir einen Kompass haben, der uns die Richtung zeigt, das ist die Liebe, 
und weil wir eine Kraft in uns hineingelegt bekommen haben, die uns auf dem Weg hält und nicht müde werden lässt, und auch das ist die Liebe.
Na klar, auch andere verfolgen dieselben guten Ziele, von denen wir gehört haben: Anständig sein, das wäre doch schon viel, und wahrhaftig reden und handeln auch und ja, und nicht stehlen, sondern ehrlich arbeiten und – ich füge mal dazu – und ehrlich Steuern zahlen. Und das nicht als Selbstzweck, sondern damit wir dem Bedürftigen abgeben können. Wir können gemeinsam Verantwortung übernehmen für die Menschen am Rand, auf den Straßen von London und von Husum, die Dagmars, Heiners und Chris‘, und für Jakob Haringer. 

Das empfinden viele und handeln danach.
Christinnen und Christen ringen aber immer wieder nach einer eigenen inneren Haltung dazu.

Gott hat uns freigemacht. Die befreiende Kraft des Evangeliums macht uns groß. Diese Kraft befreit davon, in die alten Muster zurückzufallen – neidisch zu sein und verbittert und im Wutbürgertum gefangen, so verlockend das manchmal ist. Befreit davon, den diabolischen Kräften von Hass und Abwertung Raum zu geben. Befreit davon, auf Kosten anderer zu lügen. Wir spüren: Geliebt sind wir, und deshalb lassen wir den alten Menschen mit seinen trügerischen Begierden zurück, wie es beim alten Paulus in der Bibel heißt, meint: Wir unterbrechen die alten Muster, in die wir allzu leicht zurückfallen, sondern leben aus einer Liebe, die uns ermöglicht, anders zu leben, anders zusammenzuhalten, Konflikte anders auszuhalten und Schuld nicht mehr ewig nachzutragen, sondern auch mal loszulassen.

Wobei: Die Liebe streitet auch gern. Sie ballt mitunter die Fäuste. Die Liebe kann laut "Nein!" rufen und manchmal muss sie heulen. Friede, Freude, Eierkuchen ist mit ihr nicht zu haben. Denn der Schmerz der Leidenden tut selbst weh, und sie hört, wie die Ärmsten schreien, so dass es zum Himmel steigt.

Damit wir uns aber nicht verlieren in solidarisch-liebender Wut, ruft der Bibelabschnitt am Ende den Frieden in den Gemeinden aus. Damit die Wut nicht blind wird und nicht zerstört, was am Ende gerettet werden soll: "Seid untereinander freundlich und herzlich", so hören wir, "und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus." 

Dazu sind wir befreit. Lasst uns daran festhalten und uns wieder neu fest machen.

Amen. 

Es gilt das gesprochene Wort.