Gemeinfrei via Fundus/ Ina Wittmeier
Sommer-Nachgeschmack
Johannisbeeren zu Erntedank
28.09.2026 06:20

In diesen Tagen zwischen Spätsommer und Herbst holt unsere Autorin die eingefrorenen Johannisbeeren aus der Gefriertruhe, die sie im Sommer im Garten ihres Vaters geerntet hat. Das ist ihr Ritual zu Erntedank.

Sendetext:

Der September geht zu Ende, der Oktober steht vor der Tür. In den Kirchen wird jetzt Erntedank gefeiert. Und ich gehe in diesen Tagen zwischen Spätsommer und Herbst an die Gefriertruhe und hebe den Schatz. Ich suche in den Schubladen die eine Kiste mit der Aufschrift: Ribisln. Das ist Bayerisch für Johannisbeeren. Im Garten meines Vaters steht ein riesiger Strauch. Jedes Jahr trägt er so viele rote Rispen, wie er nur kann. Jede Rispe, jede Beere – ein Wunder.

Seit ich denken kann, ist der Sommer bei uns geprägt von Johannisbeeren. Fast alle haben wir Ende Juni und im Juli vertilgt. Aber diese hier in der Gefriertruhe sind für jetzt. Für Erntedank. Im Übergang zum Herbst will ich nochmal im Sommer schwelgen.

Der war streckenweise so heiß wie selten. Mit Hut und langärmeligem Hemd haben wir gepflückt, um der Sonne nicht zu sehr ausgesetzt zu sein. Regen haben wir uns so lange gewünscht, bis er endlich kam, aber nur viel zu spärlich. Die Johannisbeeren sind trotzdem gewachsen.

Jetzt nehme ich den Schatz aus der Truhe, öffne die Kiste. Ich betrachte das rote, noch gefrorene Glück. Dann verrühre ich Mehl, Butter, Zucker und Eier, forme den Kuchenboden, verteile die Beeren darauf.

Jede Beere wie ein Edelstein. Wie ein Rubin. Was für ein Gefühl. Fast als wäre es nochmal Sommer. Der Ribisl-Kuchen steht fertig auf dem Tisch. Sichtbares Zeichen dessen, was für mich das Paradies ausmacht. Die Beeren wachsen sozusagen von alleine. Klar, man muss den Strauch irgendwann mal pflanzen, und wenn es zu heiß wird, auch mal gießen. Aber dass dann so eine Johannisbeere mit ihrem köstlichen, süß-säuerlichen Geschmack entsteht, das erscheint mir wie ein Wunder.

Kein Wunder, einfach Natur, Evolution! - werden mir manche zurufen. Und dann würde ich antworten: So gesehen scheint mir die ganze Evolution ein Wunder zu sein. Oder eben: Ein Gottesgeschenk.

Johannisbeeren, Erdbeeren, Brombeeren, Himbeeren ernten wir im Sommer und jetzt verspeisen die Reste der Ernte – aus der Gefriertruhen-Schatzkiste. Ok, ganz klimaneutral ist die natürlich auch nicht – und dennoch freue ich mich und sage leise: Danke.

Und wünsche mir, dass alle dieses oder ein ähnliches Glück erfahren. Und dass uns dieses Glück motiviert, möglichst achtsam mit der Schöpfung zu leben. Auch alle nachfolgenden Generationen sollen noch Ribisln ernten, und wenn es sein darf, Schatzkisten füllen und zu Erntedank rot-gefleckte Kuchenwunder verspeisen können.

Es gilt das gesprochene Wort.

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