Gemeinfrei via Fundus/ Walter Müller-Wähner
Darf ich mal deine Flügel anfassen?
Mein Lieblings-Engel
29.09.2026 06:20

Unsere Autorin kennt ihn von klein auf, den Erzengel Michael aus der Münchner Fußgängerzone. Dort steht er in Bronze in einer Kirche. Auch als Erwachsene geht sie immer wieder bei ihm vorbei.

Sendetext:

Darf ich mal seinen Flügel anfassen? Das habe ich meine Mutter als Kind gefragt, wenn wir in der Münchner Fußgängerzone in der Michaels-Kirche Halt machten, neben dem großen Bronzeengel. Na klar, hat sie gesagt. Ich strich ganz vorsichtig über den Flügel dieses Erzengels Michael und spürte die kühle Bronze unter den Fingerspitzen.

So tue ich es heute noch, wenn ich durch die Fußgängerzone spaziere und – natürlich – bei ihm reingucke. Zuhause blättere ich dann in einem Buch, das mir mein bester Freund vererbt hat. Der hat mir das beigebracht: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die sind zwar unsichtbar, aber in ihrer Wirkung unglaublich mächtig.

In dem Buch meines Freundes beklagt der Schweizer Autor Walter Nigg, dass die Engel für die Menschen von heute "eine Verlegenheit" bedeuten würden. Der "moderne Mensch" habe keine Beziehung mehr zu den himmlischen Boten. Sie seien für sein "skeptisches, nur auf Nutzen bedachtes Denken reine Einbildung". Das sei ein Erbe der Aufklärung. Aber auch der Kirche, die "beschämend zahm" von Engeln spreche. Findet Walter Nigg.

Ich finde: Er hat recht. Wer sich Engeln nahe fühlt, wird belächelt. Oder als Kitsch-Liebhaber:in bemitleidet. Dabei haben Engel Menschen zu allen Zeiten fasziniert. Sie haben tragende Rollen in der Bibel. Immer wieder sagen sie: Fürchtet euch nicht!

Im Alten Testament träumt Jakob in einer sehr kritischen Lebenssituation von einer Leiter. Die Engel Gottes steigen daran auf und ab. Und eine Stimme von oben sagt Jakob im Traum: "Hab keine Angst! Ich bin bei dir." So einen Zuspruch brauche ich auch, wenn ich selbst in kritischen Situationen bin.

Engel, die auf- und absteigen – ­­­ klarer kann ein Bild ja gar nicht sein: Engel sind luftig-leichte Mittler zwischen den Welten. Zuhause bei Gott in den himmlischen Sphären und auf der Erde. In mindestens zwei Dimensionen also.

Der Erzengel Michael wird oft mit einem Drachen dargestellt. Michael rammt dem Drachen seinen Speer in den Rachen. Da bezwingt er das Böse. Oder ringt er andere Glaubensvorstellungen nieder? Über solche Dinge habe ich als Kind nicht nachgedacht.

Der Bronzeengel in der Michaelskirche in München hat nichts Kämpferisches. Er hat herrliche Flügel, sein wehendes Gewand ist unter der Brust zusammengerafft. Barfuß steht er vor dem Weihwasserbecken dieser Jesuitenkirche.

Wirst du noch da sein, wenn ich wiederkomme?, frage ich ihn jedes Mal bang. Na klar, sagt er. Und wenn ich mich dann endlich von ihm trennen kann und die Kirche verlasse, dann begleitet mich eine flügelleichte Zuversicht.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

Zitate/Quelle: Walter Nigg, Bleibt, Ihr Engel, bleibt bei mir, Frankfurt am Main/Berlin 1993, S. 7

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