Gemeinfrei via Fundus/ Kai G. Fuchs
Pilger-Trance
Einfach gehen
30.09.2026 06:20

Unsere Autorin ist zum ersten Mal gepilgert. Für den Jakobsweg bis Santiago fehlte ihr der Mut. Aber schon zwei Tage Probe-Pilgern haben es in sich.

Sendetext:

Neulich war ich zum ersten Mal pilgern. Dass ich irgendwann in Santiago de Compostella ankomme, das ist mein Wunsch. Aber es fehlt mir der Mut, auf dem Jakobsweg loszugehen. Also dachte ich: Probier ich’s doch mal hier vor Ort. Der Jakobsweg führt ja durch ganz Europa. Habe ich mich also einer kirchlichen Zwei-Tages-Tour angeschlossen, zum Thema: "Wurzeln und Flügel".

Treffpunkt 9 Uhr an einem Bahnhof in der Nähe von München. Wir gehen und gehen – und gehen. Keine Pause. Endlich doch. Es gibt Brotschnitten aus dem Rucksack. Keine Waldwirtschaft weit und breit. Dann weiter. Es wird Nachmittag. Kaffeedurst in mir.

Der Pilgerbegleiter hatte gesagt: Wer einen Wunsch hat, bitte formulieren. Ich formuliere also: Ich hätte gerne einen Kaffee. Tja, sagt er, dieser Wunsch kann leider nicht erfüllt werden. Dafür haben wir keine Zeit. Ich sage: Es dauert doch nicht lang, ich könnte mir doch einen Kaffee "to go", auf die Hand kaufen. Er schaut mich an und fragt: Wo denn? Wir mustern gemeinsam den Wald, der uns umgibt. Ich grummele. Und gehe weiter.

Das Motto des ersten Tages: "Wurzeln". Was trägt mich? Meine Füße – sagt es in mir. Sie tragen mich tatsächlich bis nach St. Ottilien, unserem Ziel für heute. Die Nacht verbringe ich mit einer Mit-Pilgerin im Doppelzimmer. Sie schnarcht. Dann wird es still. Als ich wieder zu ihr rübergucke, sehe ich: Sie ist weg. Morgens erzählt sie mir, sie habe im Bräustüberl in der Abtei geschlafen, um mich nicht zu stören. Ich umarme sie. Und dann geht’s weiter.

An Tag Zwei sind die "Flügel" das Thema. Der Weg wird abschüssig. Plötzlich stehe ich am Ufer des glitzernden Ammersees. In diesem Moment fliegt ein Schwan knapp über der Wasseroberfläche an mir vorbei, tunkt seinen rechten Flügel gekonnt ins Wasser, bevor er majestätisch landet. Das Weitergehen ist auf einmal flügelleicht.

In St. Alban, einer Kapelle am Ammersee, endet die Tour. Der Pilgerbegleiter schenkt jeder und jedem von uns – eine Schwanenfeder.

Dann bin ich zuhause. Meine Fußsohlen prickeln. Ich gehe schlafen – ich wache auf. Ich will weiter gehen! Erst jetzt wird mir klar, was ich da erlebt habe. Ich war unterwegs in einer Parallelwelt. In einer Pilger-Trance. Mein Alltag war nicht völlig weg, er ragte in Gedanken da hinein. Würde er verebben, wenn ich länger gehe? Was wäre das für ein Gefühl – fast bedürfnislos über die Erde zu gehen? Ganz im Gehen zu sein. Bis mir Schwanenflügel wachsen.

Die Schwanenfeder aus St. Alban steckt in einer Vase auf meinem Schreibtisch. Vielleicht schaffe ich es eines Tages doch bis nach Santiago de Compostella.

Es gilt das gesprochene Wort.

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