Ein Familienfreund unserer Autorin war Geigenbauer. Seine letzte Geige konnte er nicht fertigstellen. Wie umgehen mit dem Unvollendeten in unserem Leben?
Sendetext:
Gleich in der ersten Runde ist Novak Djokovic bei den US Open Ende August ausgeschieden. Für viele war das vor allem eine weitere verpasste Chance auf seinen 25. Grand Slam-Titel. Und plötzlich stand wieder diese Frage im Raum: Bleibt einer der erfolgreichsten Tennisspieler aller Zeiten am Ende unvollendet?
Eigentlich hat Djokovic fast alles erreicht, wovon andere nur träumen können. Und trotzdem richtet sich der Blick auf das, was noch fehlt. Auf den einen Titel. Auf das letzte Stück, bis die 25 Grand Slams voll sind. Wenn sogar jemand, der fast alles erreicht hat, an dem gemessen wird, was noch fehlt: Wie soll man da selbst hinterherkommen?
Na klar: Das Gefühl, ein Ziel zu erreichen, ist großartig. Auch in viel kleinerem Maßstab als ein Grand Slam. Ich freue mich immer sehr, wenn ich etwas fertig bringe. Wenn ich die Torte, für die ich stundenlang in der Küche gestanden habe, endlich mit der Verzierung kröne. Oder als ich mein Studium abgeschlossen hatte. Da habe ich mich stolz und erleichtert gefühlt.
Etwas abzuschließen fühlt sich gut an.
Und trotzdem bleibt im Leben viel unvollendet. Ich denke an Menschen, die mir begegnet sind. Kurz bevor der Vater meines Partners in diesem Sommer gestorben ist, hat er sein Leben sortiert. Er war Violinist und Geigenbauer. Er steckte mitten in den Arbeiten an einer neuen Geige. Als er merkte, dass ihm nicht mehr genug Zeit bleibt, sagte er: "Naja, dann bleibt das eben meine Unvollendete. So eine braucht schließlich jeder." Und tatsächlich ist er mit seiner unfertigen Geige in guter Gesellschaft. Mozart hat sein Requiem nie vollendet, der Architekt Gaudí die Kirche Sagrada Família in Barcelona nie fertig bauen können.
Es scheint zum Menschsein zu gehören, unvollendet zu bleiben. Wünsche und Pläne bleiben offen. In der Bibel steht: "Unser Erkennen ist Stückwerk." (1. Korinther 13) Nicht alles in unserem Leben bekommt einen runden Abschluss. Wir bekommen nie alles in den Griff.
Vielleicht ist das gar kein Fehler, sondern eine große Entlastung. Der christliche Glaube setzt jedenfalls nicht darauf, dass Menschen sich irgendwann selbst vollenden. Er setzt auf Gott.
In der Bibel ist Gott derjenige, der vollendet, was Menschen nicht zu Ende bringen können. Der Brüche heilt. Der Geschichten zu Ende führt, die für uns offen bleiben.
Mir gefällt der Gedanke: Nicht alles hängt an mir.
Die unvollendete Geige steht übrigens immer noch in der Werkstatt. Zweimal habe ich sie mir inzwischen wieder angeschaut. Und jedes Mal gedacht: So wie sie ist, ist sie wunderschön.
Es gilt das gesprochene Wort.
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