Ein Halleluja auf die Dornen

Morgenandacht

So ein widerspenstiges kleines Ding. Ich will nur einen harmlosen Herbstblumenstrauß pflücken. Es lockt mich halt, und da kann ich nichts machen. Diese Hagebutte leuchtet rot und lädt mich ein. Ich habe kein Taschenmesser dabei. Also gehe ich behutsam ans Werk, und knicke eine Dorne nach der anderen ab, bis ich richtig zufassen kann. Als ich den Zweig abreißen will, rutsch ich ab und – zack und autsch – stecken zwei Dornen in meiner Hand.

 

Jede Pflanze hat das Recht auf Selbstverteidigung. Das erkenne ich grundsätzlich an. Aber ich will diese Hagebutte in meiner Vase sehen. Auf dem Heimweg ziehe ich noch die letzten Reste dieser blöden Dornen aus meinem Finger. Sie sind verdammt hartnäckig. Und zwicken lange.

Eigentlich ein wunderbarer Mechanismus: Alle Schönheit ist nur in respektvollem Abstand zu genießen. Sonst: zack und autsch.

 

Jede Biene hat ihn, diesen Stachel. Und so viele andere Pflanzen und Tiere auch.

Warum haben ihn viele Menschen nicht?

 

Ich wünschte ihn den Mädchen und jungen Frauen und jungen Männern, bevor sie missbraucht werden können. Stacheln ausfahren und – zack und autsch – keine Chance. Anfassen verboten.

Ich habe gerade wieder die erschütternde Geschichte einer jungen Frau gehört, die von einem sogenannten Liebhaber zur Prostitution genötigt wurde, und die keine Stacheln zum Ausfahren hatte, als der Zuhälter sie vor den anderen Männern anzischt: ‚Nun hab dich nicht so, zieh dich aus.’ Wie sie weinend alles über sich ergehen ließ und sich hinterher stundenlang duschte. Immer noch weinend.

Wie hilfreich wären Dornen gewesen.

 

Oder haben wir alle von Geburt an diesen Dornen-Reflex? Ich vermute ja. Er wird nur ausgehebelt, wenn einer schon frühzeitig unsere Dornen abbricht und uns anfassbar, handhabbar macht.

Die junge Frau hatte diesen Reflex nicht mehr – keine Widerstandskraft. Sie rutschte ab ins Milieu und schaffte es nicht aus eigener Kraft, da wieder heraus zu kommen. So tief demoralisiert, im Innersten beschädigt war sie. Keinerlei Dornen hatte man ihr gelassen. Es musste noch viel schlimmer kommen, bis sie merkte, dass sie Hilfe braucht. Und bis sie auch eine Ahnung bekam, dass sie diese Hilfe haben kann. Es wurde und es ist immer noch ein langer Weg. Raus aus dem Milieu, raus aus der Hackordnung, in der eine Prostituierte am unteren Ende der Kette steht. Wo ihre Würde nichts gilt. Und hinein in ein neues Selbstbild zu einer gesunden, immer noch jungen Frau, die studiert und Anwältin werden will, die auf sich achtgibt und sich abgrenzen kann.

 

Stacheln können nachwachsen. Das ist eine ziemlich gute Nachricht.

 

Wenig niedriger gemacht als Gott, so sagt es der Psalmbeter im Psalm acht, wenig niedriger als sich selbst hat Gott den Menschen gemacht. So sind wir gedacht. Würdig. Erhaben. Aufrecht. Schön. Und stachelig. Stachelig muss sein. Wer den Menschen niedriger machen will, wer erniedrigt, arbeitet Gott zuwider. Und seiner ganzen Schöpfung. Das steht keinem Menschen zu. Keiner Frau und keinem Mann. Auch wenn er dafür bezahlt.

 

So singe ich ein Halleluja auf die Dornen. Gelobt sei Gott, der die Schönheit erschafft und den Respekt.

 

Schlimm genug, dass die Wildrose die Stacheln braucht. Aber die Stacheln und Widerstände sind ein wunderbarer Mechanismus der Natur. Menschen sind geschaffen, um blühen zu dürfen. Und nicht, um geknickt zu werden vor der Zeit. Und wir Menschen sind geschaffen, um zu staunen über alles Schöne, das blüht. Und nicht, um alles zu besitzen, was gefällt.

 

O.K., ich gehe jetzt also besser öfter spazieren, schaue mir schöne Hecken und Büsche aus sicherer Entfernung an und freue mich daran. Und pflücke nur, wenn der Strauch mir etwas einigermaßen freiwillig überlässt.

 

Ein anderer Blick ist aber auch noch heilsam: nämlich auf die, die irgendwann nur noch stachelig sind. Das Leben hat sie hart werden lassen. Sie sind übersäht mit Dornen, keine Blüte hat mehr Raum.

Für sie kommt die gute Nachricht an Weihnachten: Gott kommt in diese Finsternis. Da werden die sogar Dornen Rosen tragen.

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