Trösten, wie eine Mutter tröstet

Friedenskirche Düsseldorf

Trösten, wie eine Mutter tröstet
Gottesdienst-Live-Übertragung aus der Friedenskirche Düsseldorf
08.05.2022 - 10:05
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Predigt zum Nachlesen

I

 

So bunt und vielseitig unsere Erfahrungen mit dem Muttersein sind, so bunt und vielfältig sind die Geschichten der Bibel, die von Müttern erzählen. Im Matthäusevangelium, Kapitel 15, begegnet Jesus einer Mutter, die sich um ihr krankes Kind sorgt. Hören wir diese Geschichte, bei der man sich fragen kann, wer hier eigentlich wen tröstet.

 

L1: Jesus verließ Gennesaret und zog sich in das Gebiet von Tyros und Sidon zurück.

Da kam eine kanaanäische Frau aus dieser Gegend zu ihm.

Sie schrie: »Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!

Meine Tochter wird von einem bösen Dämon beherrscht!«

Aber Jesus gab ihr keine Antwort.

 

L2: Da kamen seine Jünger zu ihm und baten: »Schick sie weg! Denn sie schreit hinter uns her.«

Aber Jesus antwortete: »Ich bin nur zu Israel gesandt, dieser Herde von verlorenen Schafen.«

Aber die Frau fiel vor ihm auf die Knie und sagte: »Herr, hilf mir doch!«

Aber Jesus antwortete: »Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.«

 

Die Frau entgegnete: »Ja, Herr! Aber die Hunde fressen doch die Krümel, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen.« Darauf antwortete Jesus: »Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst, soll dir geschehen!« In demselben Augenblick wurde ihre Tochter gesund.

 

II

 

Liebe Gemeinde, wie auch immer wir zum Muttertag stehen, vermutlich sind wir uns einig bei der Bewertung der biblischen Mutter-Geschichte, die wir gerade gehört haben: Niemand sollte einer Mutter so respektlos begegnen wie Jesus der kanaanäischen Frau mit der kranken Tochter. Ich weiß nicht, wie es Ihnen beim Hören der Geschichte ergangen ist, aber ich finde es nur schwer erträglich, wie Jesus die Mutter zu Beginn der Geschichte abblitzen lässt. Und mit welcher Bemerkung er sie dann abspeist: „Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ Die Kinder, also die Kinder Gottes: Das sind für Jesus zu Beginn der Geschichte nur die Israeliten. Für Ausländerinnen wie die Frau aus Kanaan will er sich da noch keine Zeit nehmen. Erst durch die Begegnung mit der ausländischen Mutter ändert Jesus seine Einstellung.

Der Mut, mit dem die Frau der Männergesellschaft um Jesus die Stirn bietet und sich nicht mundtot machen lässt! Die Liebe zu ihrer Tochter und die Sorge um ihre Gesundheit! Diese Mutter nimmt jede Erniedrigung und jede Anstrengung auf sich, wenn es dem Leben ihres Kindes dient. Innerlich verneige ich mich vor dieser Frau, deren Name in der Bibel nicht erwähnt wird. Wenn ich an die Mutter aus Kanaan denke, kommen mir die vielen Mütter in den Sinn, die in ähnlicher Weise für das Leben ihrer Kinder kämpfen oder früher gekämpft haben. Heute ist nicht nur Muttertag, sondern auch der 8. Mai. Der Tag der Befreiung und des Endes des 2. Weltkriegs. Wie oft hat mir meine Mutter von der Flucht ihrer Familie im Winter 44/45 erzählt!

Wie ihre Mutter sie als kleines Baby im Kinderwagen gen Westen geschoben hat, durch Schnee und Matsch, über Felder und Hügel, immer in Todesangst vor den russischen Soldaten, die Ihnen auf den Fersen waren.

 

Keine Anstrengung war ihrer Mutter dabei zu groß. An sie, meine Großmutter, musste ich gerade denken, als in der Geschichte von der kanaanäischen Frau erzählt wurde, dass sie vor Jesus auf die Knie fiel. Heute habe ich die vielen ukrainischen Mütter vor Augen, die ihre Kinder in den zurückliegenden Wochen vor Krieg, Zerstörung und Tod bewahrt haben. Ich denke an die vielen Frauen, die zusammen mit ihren Kindern geflüchtet sind, während die Männer in den Krieg ziehen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die erschöpften Gesichter der Frauen in den Durchgangslagern an den Grenzübergängen. Und ich sehe vor mir die ukrainische Mutter, die mit schwarzem Filzstift auf den nackten Rücken ihres Kindes seinen Namen, sein Geburtsdatum und seinen Heimatort schreibt. Alles für den Fall, dass bei der bevorstehenden Flucht etwas schief gehen sollte und sie von ihrem Kind getrennt wird. Woher nehmen diese Mütter ihren Willen und ihre Kraft?

Aus einem beschützenden Urinstinkt? Aus dem Glauben an eine höhere Macht? Ich für meinen Teil denke an Gott, den ich mir heute vorstelle wie eine tröstende Mutter. Ich danke Gott, der Mutter der Welt, für die Widerstandskraft, die sie ihren Kindern, ganz besonders ihren Töchtern schenkt. Und ich bitte Gott von ganzem Herzen, dass sie alle Menschen, aber ganz besonders die Mütter, in diesem Krieg nicht nur vor körperlichem, sondern auch vor seelischem Schaden bewahren möge. In der Seelsorge erleben wir immer wieder, was für tiefe Traumatisierungen Kriege bei Menschen auslösen. Manche schlimmen Kriegserfahrungen werden unbewusst von einer Generation an die nächste weitervererbt. Gott gebe allen, die traumatisiert und verängstigt sind, verständnisvolle Therapeutinnen und Tröster an die Seite!

 

III

 

Am Ende antwortet Jesus: »Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst, soll dir geschehen!« In demselben Augenblick wurde ihre Tochter gesund.“

Das Wunderbare an dieser Geschichte ist nicht allein die Heilung des kranken Kindes. Genauso wunderbar finde ich die innere Entwicklung, die Jesus hier durchlebt. Am Anfang der Geschichte weist er die Frau aus dem anderen Land noch schroff ab und würdigt sie kaum eines Blickes. Am Ende heilt Jesus nicht nur ihre Tochter, sondern setzt auch die Mutter selbst ins Recht. Er würdigt ihren Glauben und willigt ein in ihre Bitten. Was ist der Grund für diese Veränderung bei Jesus? Eine göttliche Eingebung? Ich glaube, die grenzenlose Liebe der Mutter zu ihrer Tochter hat Jesus wieder daran erinnert, dass auch Gottes Liebe zu uns keine Grenzen kennt, schon gar nicht die zwischen Völkern und Nationen. In ihrem Buch „Mütter der Bibel“ hat die Theologin Margot Käßmann die kanaanäische Frau als „Lehrerin“ von Jesus bezeichnet. Manche haben daran Anstoß genommen. Muss denn der Messias noch was lernen? Ich finde es überhaupt nicht problematisch, dass Jesus hier seine Einstellung verändert und noch etwas dazulernt.

Gott selbst macht das auch. Im ersten Testament, im Buch des Propheten Hosea, wird Gott im 11. Kapitel mit sehr liebevollen und eher mütterlichen Eigenschaften beschrieben. Hier wird davon erzählt, dass Gott seinen Willen ändern kann. Eigentlich wollte Gott das Volk Israel für seine Sünden bestrafen. Aber das bringt Gott nicht über ihr mütterliches Herz – und sagt: „Mein Herz wendet sich gegen mich, all mein Mitleid ist entbrannt.“ So lässt Gott Gnade vor Recht ergehen. Ich liebe diese barmherzige Lebendigkeit Gottes und ich liebe es, dass Jesus hier in die Fußstapfen seines himmlischen Vaters tritt. Dieser Jesus ist der Sohn Gottes, aber er ist zugleich ein lebendiger Mensch mit Ecken und Kanten.

Wenn man die Evangelien liest, wird das besonders bei der Beziehung von Jesus zu seiner Herkunftsfamilie deutlich. Seine Eltern und Geschwister denken manchmal, dass er verrückt geworden sei. Und Jesus? Der grenzt sich deutlich von seiner Familie ab: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ Harte Worte am Muttertag! Genauso hart wie der Satz, den Jesus seiner Mutter Maria an den Kopf wirft, als sie ihn bei der Hochzeit zu Kana um einen Gefallen bittet: „Was hab´ ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Auch in der Beziehung zu seiner eigenen Mutter macht Jesus in der Bibel eine Entwicklung durch.

Von der Nähe der Krippe über die jugendliche Abgrenzung hin zur liebevollen Fürsorge am Kreuz. Im Johannesevangelium kümmert sich Jesus am Ende seines irdischen Lebens um seine Mutter Maria, indem er sie der Fürsorge seines Lieblingsjüngers anbefiehlt. Diese Entwicklung hat etwas sehr Tröstliches. Sie zeigt mir: Auch in den heiligsten Familien gibt es Spannungen. Meinungsverschiedenheiten und Zeiten mit Abstand zwischen Eltern und Kindern sind nichts, für das man sich schämen müsste.

Für mich als Sohn und Vater hat das etwas Entlastendes. Wenn bei Jesus und Maria nicht immer alles im Lot war, muss es das bei mir und meinen Beziehungen auch nicht sein. Auch in christlichen Familien darf und muss manchmal gestritten werden. Das gehört zum Leben dazu. Und was zu einem christlichen Leben auch dazugehört ist die Erfahrung, dass es beim Streiten nicht bleiben muss. Versöhnung steht im Mittelpunkt unseres Glaubens. Beim Versöhnen ist Jesus ein guter Lehrer. Mit seinem Leben und Sterben, aber auch mit seinen Geschichten und Gleichnissen. Mir kommt der verlorene Sohn in den Sinn. Er bricht von zuhause aus, lässt sich sogar das Erbe ausbezahlen, scheitert und will am Ende wieder zurück nach Hause. Als sein Vater ihn kommen sieht, gibt es keine Standpauke, sondern der verlorene Sohn wird von seinem Vater liebevoll in die Arme genommen. Am heutigen Muttertag widme ich diese Geschichte allen Müttern und Vätern, die mit ihren Kindern über Kreuz liegen. Ich wünsche ihnen von Herzen, dass sie Wege finden, wieder aufeinander zuzugehen. Als Seelsorger weiß ich, dass das leichter gesagt ist als getan. Manchmal ist es auch heilsam, den Abstand auszuhalten und so miteinander zu einer neuen, distanzierteren Beziehung zu finden. Manche beten dann für den anderen und bitten, dass er die Mutter, den Vater, den Sohn oder die Tochter da begleitet, wo sie es selbst vielleicht nicht mehr können. So liegt Trost im Glauben an Gott. Trost, wie ihn die Mutter hat für ihr Kind.

Amen

 

Es gilt das gesprochene Wort.