Einander begegnen

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„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, sagt Martin Buber, der Philosoph der Ich-Du-Beziehung. Einander begegnen ist eine Weise, dialogisch da zu sein, einander zuzuhören und offen füreinander zu sein. „Begegnen“ meint die Bereitschaft, Vorurteile abzulegen und Gewohntes in Frage zu stellen; den Anderen in seiner Andersheit zu achten und zu respektieren. Wie das praktisch aussieht, hat Jesus einmal in einem Gespräch deutlich gemacht, von dem der Evangelist Johannes erzählt:

 

Auf seinem Weg nach Jerusalem kommt Jesus durch Samarien. Erschöpft und ermüdet setzt er sich an einen Brunnen und bittet eine Samariterin, ihm zu trinken zu geben. Darauf sagt die Frau: „Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau?“ (Johannes 4,9)

Der Evangelist, der das Ungewöhnliche dieses „interreligiösen“ Gesprächs seinen Lesern verständlich machen will, erläutert: „Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.“

Jesus setzt sich über die Feindschaft zwischen Juden und Samaritern hinweg. Er bricht ein Tabu, als er sich auf ein Gespräch mit der Samariterin einlässt und setzt damit ein Zeichen: Nur wo wir miteinander sprechen, können Vorurteile abgebaut und Feindschaften überwunden werden, seien sie nun politisch oder religiös motiviert. Nur im Gespräch kann ich mehr über den anderen in Erfahrung bringen und entdecken, was ihm in seinem Glauben und Menschsein wichtig ist.

 

Und noch etwas macht Jesus in diesem Gespräch deutlich, was für den interreligiösen Dialog von Bedeutung ist: Er zeigt sich dieser Frau aus Samarien nicht als der Überlegene. Nicht als der, der viel zu geben hat – wie man es von ihm vielleicht erwartet. Das muss erstaunen: Jesus, die Quelle des Lebens, sagt zu einer Frau anderen Glaubens: „Gib mir zu trinken!“ Er zeigt sich ihr als einer, der etwas bedarf.

 

Damit zeigt er an, dass das Gelingen einer Beziehung von Einzelnen und von Gruppen ganz wesentlich davon abhängt, nicht als die aufzutreten, die haben, wissen und besitzen, sondern als die, die etwas brauchen.

Was da ins Fließen kommt bei der Frau anderen Glaubens, weil Jesus sie bittet. Und was da bei uns, ja, bei allen am interreligiösen Dialog Beteiligten, ins Fließen käme, wenn sie sich zuerst als Empfangende und nicht als Wissende, Besitzende, Gebende verstehen. Wir würden nämlich entdecken, wie reich der Glaube des Anderen ist, wie viel er uns zu geben hat und wie bereichernd das Gespräch mit ihm auch für uns selbst ist.

 

„Gib mir zu trinken!“ heißt mit anderen Worten: Ich bin dankbar dafür, dass es dich gibt. Und was immer uns an Glauben, Schrift und Tradition trennt – mein Weg in die Zukunft soll nicht ohne dich sein.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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