Gemeinfrei via epd-bild/ Matthias Schuhmann
Der nächste wahrhaftige Schritt
Václav Havel zum 90. Geburtstag (5.10.1936 - 18.12.2011)
05.10.2026 06:35

Prag, 1989: Hunderttausende auf der Straße, ein Schriftsteller auf dem Balkon – und ein Satz, der zum Leitwort einer Revolution wird. Was Václav Havel damals sagte, wirkt bis heute nach.

Sendetext:

Ende 1989 steht auf einem Balkon in Prag Václav Havel, ein Schriftsteller und Bürgerrechtler. Unter ihm haben sich Hunderttausende versammelt. Sie fordern das Ende der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei. Wenige Wochen zuvor haben die Menschen bei großen Demonstrationen auf den Plätzen und Straßen ihren Schlüsselbund in die Höhe gehoben und klirren lassen. Das war ein doppeltes Zeichen: Die Türen sollen aufgehen. Die alte Herrschaft soll nach Hause gehen. Hinter Václav Havel liegen Zensur, Überwachung, Gefängnis. Seine Theaterstücke dürfen nicht aufgeführt werden. Doch Havel lässt sich nicht einschüchtern und widerspricht weiter dem kommunistischen Staat.

Noch weiß niemand, wie der demokratische Aufbruch weitergehen wird. Dann sagt Havel den Satz, der zum Leitwort der Samtenen Revolution wird: "Die Wahrheit und die Liebe müssen über Lüge und Hass siegen."[i] Das war 1989. Heute wäre Václav Havel 90 Jahre alt geworden. Sein Satz hat nicht an Kraft verloren.

Ein großer Satz – und ein anspruchsvoller. Denn Wahrheit allein kann gefährlich werden. Wer sicher ist, die Wahrheit auf der eigenen Seite zu haben, kann andere schnell zu Feinden erklären. Aus Überzeugung wird Rechthaberei, aus Rechthaberei kann Fanatismus werden. Havel hat das erlebt – von denen, die ihn eingesperrt haben. Aber er hat diese Gefahr auch an sich selbst beobachtet.

Darum setzt er neben die Wahrheit die Liebe. Erst zusammen haben sie Bestand. Liebe heißt nicht, jedem Streit auszuweichen. Sie achtet den anderen als Menschen.  Auch wenn ich ihm scharf widerspreche, behält er seine Würde.

Wahrheit und Liebe sind Worte, die Jesus von Nazareth zum Mittelpunkt gemacht hat. Havel sagte einmal: "Ich akzeptiere das Evangelium Jesu - als eine Herausforderung, meinen eigenen Weg zu gehen."[ii] Der eigene Weg meint nicht: Jeder macht, was er will. Es geht um einen Weg, der vor dem eigenen Gewissen und vor Gott bestehen kann. Havel hat dafür einen einfachen Satz gefunden: "Der einzige mögliche Ausgangspunkt ist bei mir selbst."[iii]

Was das für mich bedeuten kann: Ich lasse eine Nachricht nicht die Runde machen, wenn unklar ist, ob sie stimmt. In einem Gespräch versuche ich, nicht mit Worten zurückzuschlagen, wenn mich jemand kränkt. Trotzdem spreche ich aus, was geschehen ist.

Ich finde das schwer - es braucht Mut dazu. Manchmal zweifle ich, ob es etwas ändert. Vielleicht hat Havel selbst gezweifelt. Er hat es trotzdem gewagt. Er wusste nicht, wohin die Geschichte führen würde. Wenige Wochen später wurde er Präsident der neuen demokratischen Tschechoslowakei. Seine Größe zeigt sich in diesem Augenblick auf dem Balkon: Ein verletzlicher Mensch steht vor einer ungewissen Zukunft und wagt es trotzdem, von Wahrheit und Liebe zu sprechen.

Das ist nicht nur seine Geschichte. Jeder Mensch kann entscheiden, ob er eine Lüge weitersagt oder ihr widerspricht. Ob er andere verachtet oder ihre Würde achtet. Havel hat das nicht als Heldentaten beschrieben, sondern als das, womit jede und jeder beginnen kann – bei sich selbst.

Havel ist einmal gefragt worden, wie er nach Jahren im Gefängnis noch an etwas glauben konnte. Er hat geantwortet: Hoffnung ist nicht das Gleiche wie Optimismus. Sondern wer hofft, ist gewiss: Ein guter Schritt ist sinnvoll - ohne Rücksicht darauf, wie er ausgeht.[iv]

Daran will ich festhalten. Dann stelle ich mir nicht vor, ich mache alles richtig oder muss allein die Welt verändern. Vielmehr festhalten am Mut, den nächsten wahrhaftigen Schritt zu tun. Vielleicht bleibt er unscheinbar. Vielleicht widerspricht ihm sogar die Mehrheit. Aber er ist nicht vergeblich. Auch wenn sie nicht sofort siegen - Wahrheit und Liebe bleiben.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

[i] Václav Havel, Rede auf dem Wenzelsplatz, Prag, November 1989. Die Formulierung ist in verschiedenen Übersetzungen überliefert; die bekannteste deutsche Version lautet: "Wahrheit und Liebe müssen siegen über Hass und Lüge."

[ii] Václav Havel, zitiert nach Richard L. Stanger: "Václav Havel: Heir to a Spiritual Legacy", The Christian Century, 11. April 1990, S. 368–370, hier S. 369; englisches Original: "I accept the Gospel of Jesus as a challenge to go my own way." Deutsch: Václav Havel: Briefe an Olga. Betrachtungen aus dem Gefängnis. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1984.

[iii] Ebenfalls aus den Briefen an Olga, siehe Anmerkung ii,  "On Personal Responsibility" und dem Brief vom 21. August 1982 zu. Václav Havel: Briefe an Olga. Betrachtungen aus dem Gefängnis.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Außerdem äußert er sich ähnlich hier: Václav Havel, "Versuch, in der Wahrheit zu leben" (1978; dt. Rowohlt, Reinbek 1989), Havel formuliert dort sinngemäß: Der einzig richtige Ausgangspunkt jeder Politik - und jedes menschlichen Handelns - ist die Moral; jeder muss bei sich selbst anfangen.

[iv] Václav Havel: Fernverhör. Ein Gespräch mit Karel Hvížďala. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1. Auflage 1987. - Originaltitel: Dálkový výslech, 1986. Das Gespräch entstand 1985/86, als Havel nach seiner Haftzeit (1979-1983) unter Publikationsverbot stand. Hvížďala, der im Exil lebte, übermittelte seine Fragen über geheime Kanäle, Havel antwortete handschriftlich. Das Hoffnungs-Zitat lautet im Original auf Tschechisch: "Naděje prostě není optimismus. Není to přesvědčení, že něco dobře dopadne, ale jistota, že má něco smysl - bez ohledu na to, jak to dopadne."23 - Im Deutschen kursiert die Übersetzung: "Hoffnung ist eben nicht Optimismus, ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat - ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht."

 

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