Scherben auf der Straße. Ausgebrannte Synagogen. So sah am 10. November vor 87 Jahren das Stadtbild an vielen Orten in Deutschland aus. Wie haben die Kirchen damals reagiert?
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Heute, am Morgen des 10. November vor 87 Jahren wurden in den größeren Städten in Deutschland Scherben von der Straße gefegt und letzte Brände gelöscht. Unter den Füßen der Passanten knirschte das Glas der Schaufenster, Rauchgeruch hing in den Straßen. Fast 1500 Synagogen haben die Nazis und ihre Gehilfen in Brand gesetzt. Sie haben die Geschäfte jüdischer Inhaber zerstört und ausgeplündert. Die Leute sprachen hinterher viele Jahrzehnte lang verharmlosend von der "Reichskristallnacht" - eine Erinnerung an die vielen Scherben dieser Nacht überall auf den Gehsteigen.
Ich habe vor zwei Jahren an einem Gedenkweg in Berlin teilgenommen. Er führte auch über die Tauentzienstraße und den Kurfürstendamm, wo es besonders viele jüdische Geschäfte gegeben hat. Der Ku’damm ist auch heute noch voller Schaufenster. Ich ging an ihnen vorbei und stellte sie mir alle zerbrochen vor. Ich dachte: Was haben wohl meine damaligen Kollegen, die Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin, zu den Verwüstungen gesagt? Sie müssen sie ja direkt vor den Türen der Kirche gesehen haben. So schnell konnte niemand das alles wieder aufräumen. Sie haben sich vielleicht ihre Gedanken gemacht. Aber sie haben nichts dazu gesagt. Protestierende Protestanten gab es wenige.
Zu den wenigen gehörte Elisabeth Schmitz, eine Lehrerin aus Berlin. Sie hat bereits 1935 klarer als viele andere erkannt, was mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus auf die Jüdinnen und Juden in Deutschland zukommt. Vergebens versuchte sie, auch die in der sogenannten "Bekennenden Kirche" versammelten Christinnen und Christen zum Widerstand gegen die Entrechtung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden zu bewegen.
Elisabeth Schmitz sagte später: "Als wir am 1. April 1933 schwiegen, als wir schwiegen zu den Stürmerkästen, zu der satanischen Hetze in der Presse, zur Vergiftung der Seele des Volkes und der Jugend, zur Zerstörung der Existenzen und der Ehen durch sogenannte 'Gesetze', zu den Methoden von Buchenwald - da und tausendmal sonst sind wir schuldig geworden am 10. November 1938."
Manchmal, wenn ich auf dem Weg zur Gedächtniskirche bin, denke ich an ihre Worte. Auch heute sind jüdische Menschen in Berlin wieder in unterschiedlicher Weise bedroht. Der Antisemitismus lebt wieder auf. Eine protestierende Protestantin möchte ich sein – und zwar rechtzeitig. Bevor wieder überall Scherben auf dem Gehsteig liegen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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