Der richtige Moment
live aus der Leonhardskirche (Vesperkirche) in Stuttgart
08.03.2026 10:05

Der Deutschlandfunk überträgt am 8. März den Live-Gottesdienst aus einer der ältesten Kirchen der Stadt. Gabriele Ehrmann, Diakoniepfarrerin und Leiterin der Vesperkirche Stuttgart, predigt über Momente, die Mut machen.

Sendetext:

Heute erzählen wir von Frauen, die mutig waren, die anders gehandelt haben als ihre Zeitgenossinnen. In der Bibel wird von einer Frau erzählt, die nicht maßvoll und bedacht mit dem umgegangen ist, was sie hatte, so wie das eine gute Frau auszeichnete. Sondern sie war verschwenderisch. Zumindest aus der Sicht der Männer, die ihr Handeln bewerten. Ihre Geschichte wird im Markusevangelium erzählt. 

I Die Salbung in Betanien 
Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 

Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. 

Von dem besonderen Moment, den diese Frau erlebt hat und für den sie den Mut hatte, singen wir gemeinsam mit dem Chor. Das Lied heißt "Kostbar war der Moment" (NL 168).

1. Kostbar war der Moment, als sie das Haus betrat, das Salböl in den Händen, um
Liebe zu verschwenden. Kostbar war der Moment. Gepriesen, was sie tat!

2. Kostbar war der Moment, als sie mit leichtem Gang die Mauer der Bedenken
durchschritt, um Trost zu schenken. Kostbar war der Moment. Für sie ein Lobgesang!

3. Kostbar war der Moment, als sie das Siegel brach und Duft das Haus erfüllte, sie
zärtlich Ängste stillte. Kostbar war der Moment. Erinnerung wirkt nach.

4. Kostbar war der Moment, als Jesus sie bewahrt, sie schützte und sie ehrte, als
sie sein Danke hörte. Kostbar war der Moment, als Gott den Raum betrat

 

Die Frau hatte wohl das Gefühl: Jetzt ist der richtige Moment gekommen. 
Jesus war in Bethanien, nahe Jerusalem zu Gast bei Simon, dem Aussätzige, den er geheilt hatte.
Wer im Hause beim Essen noch dabei war, wissen wir nicht, aber Jesus saß nicht allein mit Simon am Tisch. Und da kommt eine Frau dazu. Sie trägt ein Gefäß, das mit kostbarem Öl gefüllt ist. Schon die Verpackung, Alabaster, ein wertvoller Stein, zeigt die Kostbarkeit. Die Frau zerbricht das Gefäß und gießt das Öl auf Jesu Kopf.

Ich vermute einmal, alle im Raum halten den Atem an. Da sitzt eine Männergesellschaft beieinander, und eine Frau betritt unangemeldet das Haus. Das war schon mutig in damaliger Zeit. Aber das, was sie tut, ist absolut ungewöhnlich. Sie begießt Jesus mit Öl. Sie salbt seinen Kopf. 

Mag sie sich gedacht haben: Dem Jesus muss man etwas Gutes tun. Etwas außerordentlich Gutes, denn vermutlich endet sein Leben bald. Und er hat so viel für seine Zeitgenossen getan. Und sein Tun ist noch nicht am Ende. Er ist ein König und Könige salbt man nach der Tradition. Eine politische Tat gar?
 
Die Frau salbt den Kopf. Sie steht dabei aufrecht und auf Augenhöhe. Eine respektvolle Tat für beide Seiten. Es gibt Worte von Jesus, die klingen, als hätte er sich selbst als den Gesalbten gesehen. Am Anfang seines Wirkens zitiert er aus dem Prophetenbuch Jesaja: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen." Und sagt dann: "Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt." (Lukas 4,21) Hat Jesus sich selbst als den Gesalbten, den Messias gesehen? Die Frau scheint diesen Gedanken aufzunehmen. 

Da fügt sich etwas. Die beiden stimmen überein. Wortlos. Die Frau erklärt nichts. Das, was sie tut, reicht völlig aus. Sie salbt Jesus mit einem teuren Salböl – einem Nardenöl, einem wohlriechenden Pflanzenextrakt aus einem indischen Baldriangewächs. Ein teures Importprodukt. 

Jeder der Anwesenden weiß: Wenn man Narde verkauft, kann man viel Geld erlösen und mit dem Geld auch Gutes tun. Ein solches Salböl einem Menschen auf den Kopf zu gießen, was für eine Verschwendung. Ein Denar – das war damals der Tageslohn eines einfachen Arbeiters. Von 300 Denaren hätte er fast ein ganzes Jahr leben können. Das wäre heute ein Jahr lang Grundsicherung für eine Person. Wie kann Jesus so etwas gutheißen? Das Jahreseinkommen eines Menschen in einem Moment verschwenden für eine freundliche Geste? 

Jesus steht auf der Seite der Armen. Es gibt die lange Tradition in der Bibel: Gott ist besonders für die Armen da. Jesus hätte also lospoltern und sich den kritischen Stimmen anschließen können: Was ist das für eine Verschwendung!  Er tut es aber nicht, er versteht die Frau. Und sie erlebt sich als wirksam, weil er es zulässt. Sie tut etwas, was sie erfüllt.

Warum ist sie so verschwenderisch?

1.     Sie zeigt damit ihre Wertschätzung. Sie zeigt, wie wertvoll dieser Mensch Jesus in ihren Augen ist. Vielleicht hat sie Jesus schon erlebt, vielleicht hat sie bei Predigten zugehört und findet seine Haltung einfach gut. Vielleicht war sie am See Genezareth dabei, als Jesus die Seligpreisungen den Armen zugesprochen hat. Er ist ein Vorbild für sie, ja viel mehr noch, ein König. Und sie kann es sich leisten, so zu handeln. Sie hat Geld und ist vermutlich von niemandem abhängig.

2.    Die Frau inszeniert eine kleine Feier. Eine Inthronisationsfeier. Sie salbt Jesus zum König. Und Jesus fühlt sich verstanden und macht mit. Feiern meint aus dem Überfluss leben, sich etwas gönnen, gemeinsam fröhlich sein. Der Reformator Martin Luther hat einmal gesagt: Wir können Gott nicht nur durch Arbeit, sondern auch durch Feiern dienen. Sie tut das: Jetzt, gerade jetzt aus der Hoffnung auf Gottes Reich leben. Das muss ein besonderer Moment gewesen sein im Haus des Simon. Nicht nur wegen des Rituals, sondern auch wegen des Öls.

Der feine Wohlgeruch der Narde strömte durch alle Räume, weil Jesus es wert ist. Eine Feier, eine Stärkung kurz vor dem schweren Weg, den er gehen muss. Genau im richtigen Moment. Dort, wo die Frau steht, ist sie richtig. 


Dort richtig sein, wo man gerade steht. Davon singen wir im nächsten Lied: "Bis hierher hat mich Gott gebracht".  Es steht im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 329, die Strophen 1 und 3. Der Chor singt die zweite Strophe. 

1.    Bis hierher hat mich Gott gebracht
durch seine große Güte,
bis hierher hat Er Tag und Nacht
bewahrt Herz und Gemüte,
bis hierher hat Er mich geleit',
bis hierher hat Er mich erfreut,
bis hierher mir geholfen.

2.    Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank
für die bisher'ge Treue,
die Du, o Gott, mir lebenslang
bewiesen täglich neue.
In mein Gedächtnis schreib ich an:
der Herr hat Großes mir getan,
bis hierher mir geholfen.

3.    Hilf fernerweit, mein treuster Hort,
hilf mir zu allen Stunden,
hilf mir an all und jedem Ort,
hilf mir durch Jesu Wunden,
damit ich sag bis in den Tod:
durch Christi Blut hilft mir mein Gott,
Er hilft, wie Er geholfen.

Im richtigen Moment am richtigen Ort. Das gilt für die fast 900 Ehrenamtlichen, die in den vergangenen sieben Wochen hier in der Vesperkirche gearbeitet haben. Viele davon Frauen. Und es gilt für die vielen Menschen, die hier zu Gast waren. Die Vesperkirche Stuttgart ist so etwas wie eine kleine Salbung für jeden. Ein wenig Verschwendung und Überfluss für alle. Ein Aufscheinen von Gottes Reich, in dem es für jede und jeden genug gibt.
 

II Ein Zuhause auf Zeit für sieben Wochen.
Einander und für die Gemeinschaft Gutes tun, solange wir es füreinander tun können. Das macht unsere Gemeinschaft in der Vesperkirche Stuttgart aus. Engagiert für andere, jetzt und nicht irgendwann. Das macht sie ähnlich der Frau aus unserer Geschichte. Verschwenderisch sein mit dem, was man anderen geben kann an Zeit, an Aufmerksamkeit, an Arbeit mit den Händen beim Austeilen, Aufdecken, Spülen. Erleben, dass dabei ein Miteinander entsteht – egal, wie viel jemand hat oder wie wenig. 

Die Begegnungen und die Spiritualität im Kirchenraum verbinden sich und stoßen neue Erfahrungen an. Viele erleben das so und verlassen die Kirche am Nachmittag mit dem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben für andere, etwas Gutes getan zu haben für die Gemeinschaft. Sogar etwas Gutes getan zu haben für Gott.

Das geschieht in der Vesperkirche Stuttgart sieben Wochen lang. Menschen engagieren sich ehrenamtlich für andere. Schenken Kaffee aus, füllen Teller mit leckerem Mittagessen, streichen Brote und richten Vespertüten. Andere halten die Arztsprechstunde ab, pflegen Füße oder schneiden Haare. Wieder andere musizieren. Sie sind dabei und tun einen Liebesdienst an anderen. 

In der biblischen Geschichte sagt Jesus zu denen, die sich über die Frau mit dem Salböl aufregen:
"Lasst die Frau in Frieden, was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan."
Es tut gut, wenn wir für andere etwas tun können.

Wir haben uns in den letzten Wochen in der Vesperkirche bei Gästen und den ehrenamtlichen Mitarbeitenden umgehört und gefragt: Was hat gut getan, was war ein kostbarer Moment, ein Moment, der sich richtig angefühlt hat, in den letzten Wochen: 

"Kostbar waren die Gespräche mit so netten Menschen, die Gottesdienste, die geführt worden sind"

"Bei unserer Tätigkeit als Demokratiebegleiter hier in der Vesperkirche sind wir vielen Menschen begegnet, die anderer politischer Meinung waren als wir. Und dennoch sind wir im Gespräch geblieben, haben zugehört, haben uns unterhalten."

"dass ich mich geborgen fühle und Freunde hab, die ehrlich sind zu einem und helfen:"
"Ich war kurz an dem Teestand und wollte von der Kollegin ein Bild machen. Und da kam eine Dame und meinte: Ich will mit aufs Bild. Und hat dann so glücklich gelacht, hat dann einfach dankbar geschaut, dass sie auch fotografiert werden durfte."

"Die Momente sind eigentlich jeden Tag. Die Wärme der Kirche, die hier jeden willkommen heißt, egal woher er kommt."

"Ein kostbarer Moment in der Vesperkirche ist für mich, dass ich mich ganz arg auf den kommenden Sonntag freue, weil da der Trauergottesdienst für die Verstorbenen stattfindet und ich auch meine Hunde mitbringen kann."

"Nette Leute zu kennen, die Bedienung ist ganz nett, das Essen schmeckt gut, wir freuen uns, dass es so etwas gibt."

"Die Vesperkirche und unser Chor Rahmenlos & frei"

"Die Freude eigentlich zu sehen wie die Menschen hier mit ihrem Leid und ihrer Not kommen und sich freuen hier da sein zu können als Menschen."

Und dann haben wir gefragt: Was sind so kostbare Momente, die sie anderen schenken können: 

"Du siehst ja manche, die wo Hunger haben und dann frag ich die und gebe denen ein Essen aus, das finde ich ganz toll. Oder wenn man sogar miteinander ist an einem Tisch."

"Einfach zuhören, ich glaub, das ist das Wertvollste." 

"Vielleicht auch unterstützen, so weit es geht."

"Wenn sie einsteigen in unseren Chor, da gibt es Stimmung und Party."

"Dass ich trotz einer schweren Verletzung - ich bin gestürzt und hab mir den Nacken gebrochen - auch noch Tieren helfen kann, die bei mir Hilfe suchen."

"In dem ich vielleicht auch jemand anders ein Essen bezahl oder so."

"Wenn Menschen merken, man nimmt einen ernst, dann ist das wahnsinnig kostbar."

Der Überfluss, den die Frau mit dem Salböl in der Geschichte praktiziert, mag nicht so recht zum Bild vom Christentum passen. Das hält sich auch heute noch in vielen Köpfen: Hier im Schwabenländle wird ein bescheidener Lebensstil immer noch hochgeschätzt. Die Frau aus Bethanien aber bringt Luxus mit zu Jesus.
  
Jesus weiß: Sein Weg führt nach Jerusalem ans Kreuz. Seine Zeit ist begrenzt. Er ist am Ende auch einer von den Schwachen, die Gott neu ins Leben ruft. Auch er sitzt an den Tischen der Vesperkirche. Als einer, der das Leiden der Menschen kennt und selbst erfahren hat. Und ist doch zugleich der gesalbte König und Herr. 

Es bleibt am Schluss etwas Rätselhaftes oder Geheimnisvolles an der Geschichte von der Salbung. 
Es geht nicht ums Warum und Wozu, und dass man besser hätte kalkulieren, effizienter mit dem Öl hätte umgehen können. 

Das menschliche Miteinander und vor allem die Menschenwürde kann man nicht berechnen. 
"Es ist nicht viel Denken, sondern viel Lieben, was die Seele voranbringt", so hat es eine Frau, die Mystikerin Teresa von Avila (1515-1582) ausgedrückt.

Natürlich: Auf dem Papier hätte man mit den 300 Denaren, die das Öl wert sind, viel effizienter und weiterreichend umgehen können. 

Die Frau mit dem Salböl hat aber den richtigen Moment erkannt. Einen Moment, in dem etwas anderes wichtiger war. Sie hat zum richtigen Zeitpunkt den Mut gefunden. Sie hat so ihre Liebe in Verantwortung vor Gott und den Menschen zum Ausdruck gebracht. 

Die Welt ist eine andere, wenn wir mutig handeln, wenn es an der Zeit ist. Wenn der Moment da ist, den Gott schenkt.

Amen. 


Es gilt das gesprochene Wort.
 

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Kontakt zur Sendung

Felix Weise
Pfarrer im Landespfarramt für Rundfunk und Fernsehen
Tel.:        01520 9368788
E-Mail:  
Felix.Weise@elkw.de