myk Peter Steinle
Abschied und der Blick nach oben
aus der Stiftskirche in Tübingen
14.05.2026 10:05

An Christi Himmelfahrt, Donnerstag, 14. Mai 2026, von 10.05 bis 11.00 Uhr übernimmt der Deutschlandfunk von SWR4 die Liveübertragung des Gottesdienstes aus der evangelischen Stiftskirche in Tübingen. Die Predigt halten Pfarrerin Susanne Wolf und Pfarrerin Barbara Hahn-Jooß. Die musikalische Leitung hat Kirchenmusikdirektor Prof. Ingo Bredenbach. Er spielt die Orgel und begleitet den Bariton-Sänger Georg Benz.

Im Gottesdienst geht es darum, wie man Verlust verkraftet und einen neuen Blick in die Zukunft gewinnt. Die Angst vor Verlust ist eines der prägenden Lebensgefühle: Verlust von Wohlstand, des Arbeitsplatzes oder einer sicheren Zukunft. Verlust verunsichert und macht hilflos.

Das Fest Christi Himmelfahrt erzählt: Dieses Lebensgefühl gehört von Anfang an zum christlichen Glauben dazu. Gleich zweimal verlieren die ersten Jünger ihren Meister Jesus: erst durch den Tod am Kreuz. Dann nach seiner Auferstehung werden sie von ihm schon wieder verlassen, als Jesus in den Himmel auffährt. Hilf- und orientierungslos stehen sie da und starren Jesus hinterher.

Wie gelingt nach Abschied und Verlust ein gemeinsamer Blick in Richtung Zukunft? Darüber spricht im Gottesdienst Ute von Querfurt, Leiterin der Telefonseelsorge Neckar Alb. 


Predigt: 

I
Liebe Gemeinde, liebe Hörerin, lieber Hörer,
wird jemals alles wieder gut? Wird es wieder so wie früher, bevor sich alles verändert hat? Bevor sie nach Jerusalem gekommen sind – bevor Jesus am Kreuz gestorben ist? 

Nach Ostern hatten die Jüngerinnen und Jünger das so sehr gehofft. Jesus war ja wieder bei ihnen – ein Wunder. Aber es ist nicht so wie vorher. Und die Freunde bleiben wie gelähmt in ihrer Trauer. Sie lassen die Köpfe hängen. Sie sitzen beieinander, ängstlich, abgeschottet von der Welt. Zwar reißt sie der auferstandene Christus heraus aus ihrer Trauer. Er tritt mitten unter sie und zeigt sich ihnen: Sie sehen seine Wundmale, können sie sogar berühren. Sie hören seine Stimme, sehen die vertrauten Gesten, sitzen mit ihm zusammen beim Essen – voller Vertrauen, fast wie früher. Doch er bleibt nicht. Er geht. Kommt plötzlich, unerwartet wieder. Sie sehnen sich danach, dass er bleibt. Dass Jesus erfüllt, was er begonnen hat. Dass alles wird wie zuvor.

Doch Jesus will nicht zurück. Die Zeit mit seinen Jüngern war wichtig, doch jetzt muss es weitergehen. Und dafür will er sie gewinnen: Er verwandelt ihre Sehnsucht. Er traut ihnen etwas zu. Er sagt: Ich brauche euch. Nehmt das mit, was ihr mit mir erlebt habt – in euer Leben. Gebt es weiter, damit auch das Leben von anderen heller wird. 

Auch wenn ihr jetzt unsicher seid und nicht wisst, was genau auf euch zukommen wird – ihr seid gefragt. Ich weiß, dass ihr Unterstützung braucht. Die Kraft des Heiligen Geistes wird bei euch sein. Mit ihr seid ihr fähig zu tun, wozu ich euch brauche. Sagt anderen weiter, was ihr bei mir erfahren habt. Lasst sie teilhaben an eurer Hoffnung. 

Jesus Christus bereitet seine Freunde auf den Abschied vor. Er kehrt zurück ins himmlische Reich Gottes – lässt seine Freunde in der Welt zurück. Aber es ist ein Abschied mit Aussicht. Aussicht nicht nach oben, wo Jesus gerade entschwindet. Für einen Moment starren ihm seine Jünger tatsächlich hinterher und in die Wolken. Aber da sind auf einmal zwei Männer in Weiß und sagen: "Was steht ihr da und seht gen Himmel?" Der Blick der Jünger soll schweifen und sich denen zuwenden, für die sie nun einen Auftrag haben. 
Ob das so geht? Mitten im Abschied und in der Trauer?

Im Johannesevangelium hören wir von einem Zwiegespräch zwischen Jesus und Gott, dem Vater. Jesus betet: 

Lesung des Predigttexts aus Joh 17,24-26
24Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. 25Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

Ein Gebet, das einen staunen lässt. Und mich spüren lässt: Als Jesu Jüngerinnen und Jünger sind wir nicht verlassen. Auch wenn Jesus Abschied nimmt, bleibt er mit den Seinen verbunden. Wo er ist, sollen wir auch sein. 

Wie soll das gehen? 

Der auferstandene Jesus kann nicht einfach weitermachen wie zuvor. Er kann nicht bleiben – festgelegt auf einen bestimmten Ort und nur für eine begrenzte Zeitspanne. Er nimmt Abschied, um überall zu sein. Er wirkt weiter, aber anders: weltweit, über alle Grenzen hinweg. Und das ist das Erstaunliche, das er uns und seinen Jüngern verständlich machen will: Gehen und bleiben gehört für ihn zusammen. Er geht – und das ist der Abschied, der die Seinen traurig macht. Er kommt aufs Neue und zeigt sich ihnen in der Fülle seiner himmlischen Gaben: in neuer Lebendigkeit, in einer Liebe, die tief und weit reicht, in der Kraft zur Verwandlung: Ihr seid traurig – und ihr sollt Mut bekommen. Ihr fühlt euch verlassen – und ihr sollt sehen, wie eng verbunden ihr seid mit mir. 

Jesus Christus schafft aus der himmlischen Fülle heraus eine Nähe, die viel mehr Menschen zugutekommt als zuvor. Sie alle und wir mit ihnen sind fortan einbezogen in seine innige Beziehung zu Gott, dem Vater. 

Durch Jesus Christus sind wir hineingenommen in diese Liebe, einbezogen in die Beziehung. Wir sind nicht auf uns allein gestellt. Wir sind nicht auf uns zurückgeworfen. Wir sind eingebettet und umhüllt von Gottes Liebe. Egal zu welcher Zeit und an welchem Ort: Wir nehmen sie mit in unser Leben. Und geben sie weiter, damit es etwas heller wird in der Welt.

Ein Abschied mit Aussicht. Heute, am Fest Christi Himmelfahrt, feiern wir den Abschied des Auferstandenen, der uns eine wunderbar weite Aussicht dalässt: die Aussicht auf seine Verbindung zum Vater. Und diese Verbindung schließt alle mit ein, die sich darauf einlassen. Diese Verbindung ist offen für uns. Offen wie der Himmel über uns. 

Da gehen uns die Augen auf und über: Vater und Sohn sind sich nicht genug. Sie sehnen sich nach uns und laden uns ein: Lasst euch umhüllen von unserer Liebe. Habt Anteil an unserer himmlischen Kraft. Sie wird euch beflügeln und stärken. Mit ihr könnt ihr euch anderen aufmerksam zuwenden, auf die Töne ihrer Trauer und Angst hören, Anteil nehmen an dem, was sie verloren haben. Mit dieser Kraft könnt ihr euren Mut mit ihnen teilen und ihnen zur Seite stehen. 

II
Gespräch mit Frau von Querfurth, Telefonseelsorge bezogen auf Statements vom Beginn

Liebe Frau von Querfurth, in Ihrer Arbeit als Leiterin der Telefonseelsorge kommen Sie auch in Kontakt mit dem Thema Verlust. Welche Erfahrungen kommen bei den Anrufenden zu Wort? 

Es gibt viele unterschiedliche Verlusterfahrungen im Leben.  Denn eigentlich geht es ja mit unserer Geburt los, wenn wir die Geborgenheit des Mutterleibs verlassen müssen. Bei der TelefonSeelsorge kommen natürlich nur die Verluste an, die Menschen bewusst erleben und artikulieren können. Verlust von Beziehungen, wenn jemand verlassen wurde. Wenn jemand gestorben ist. Verlust von Geborgenheit, z.B. wenn jemand zum ersten Mal alleine in einer fremden Stadt wohnt, das Elternhaus verlassen hat. Manchmal geht ein Lebenskonzept verloren. Wenn man dachte, dies hier ist mein Weg, und dann geschieht etwas, und das Konzept geht nicht mehr auf oder ergibt keinen Sinn mehr. Die Leute rufen an, weil sie Vertrauen verloren haben. Oder Gesundheit. Oder den Glauben an sich selber. Der Verlust von Heimat. Viele unserer Verluste haben mit Beziehung zu tun. Entweder die Beziehung zu anderen, zu sich, oder auch zur Welt. In der Verlusterfahrung wird deutlich, wie bezogen wir auf andere und auf die Welt sind. 

Welche Themen stehen bei den Anrufen im Vordergrund?
Oft geht es darum, dass der Anrufer, die Anruferin darunter leidet, wie es ist, dass sie den Zustand, in dem sie sich befinden, und den erlittenen Verlust schwer ertragen und akzeptieren können. Dass sie hadern, dass sie nicht wissen, wie es weitergeht, dass sie mit ihren Gefühlen nicht gut klarkommen, sich einsam fühlen. Dass sich das Leben nach diesem Verlust leer und sinnlos anfühlt. 

Wie gehen die Menschen mit diesen Erfahrungen um?
Ich glaube, den Umgang mit den Erfahrungen gibt es nicht. Das wissen wir ja alle, wie unterschiedlich wir sind. Es gibt so viele Umgangsweisen. Die einen werden verzagt, die anderen wütend. Es gibt welche, die versuchen, den Stier bei den Hörnern zu packen, einfach weiterzumachen, tapfer zu sein. Manche ziehen sich zurück, lassen niemanden mehr an sich ran. Das erlebe ich oft bei Jugendlichen. Da ist dann auch Scham im Spiel, man will ja gut drauf sein und misst sich an den immer glücklichen Influencerinnen im Netz. Manche Menschen gehen auch in die Resignation. Verluste können zu schweren Krisen führen, die alles, was bisher richtig war, in Frage stellen. 

Wie können die Mitarbeitenden bei der Telefonseelsorge für Menschen mit Verlusterfahrung da sein?
Die Ehrenamtlichen Seelsorger*innen am Telefon wissen: Seelischen Schmerz kann man nicht einfach beseitigen. Und eine Verlusterfahrung geht mit seelischem Schmerz einher, egal, wie dieser sich dann ausdrückt. Die Seelsorgenden versuchen, gemeinsam mit dem oder der Anrufenden zu verstehen, was die Bedeutung des Verlusts ausmacht und mit was der oder die Betreffende umgeht. Eine Verlusterfahrung zieht einen Trauerprozess nach sich. Und im Prozess verändert sich der Schmerz. Das, was verloren wurde, wird betrauert und kann, wenn es gut läuft, als zumindest äußerlich Verlorenes akzeptiert werden. Je nachdem, wo ein Mensch, der anruft gerade steckt, wird er während des Gesprächs begleitet. Die Seelsorgenden gehen natürlich auch mit, wenn sich vorsichtige Schritte entwickeln, die den Horizont wieder öffnen. Das kommt in den Gesprächen vor, und das ist wertvoll. Es geht aber nicht darum etwas zu forcieren oder zu vermeiden. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo. 

Was sind das für erste Schritte, die vielleicht in den Gesprächen sichtbar werden? 
Auf diese Frage antworte ich zögerlich. Oft sind wir zu schnell dabei, nach einer Lösung zu suchen, weil wir die Trauer so schwer aushalten. Und vielleicht ist das Erste ja gar nicht, Schritte zu gehen, sondern Blicke zu wenden. Den Horizont zu erweitern, wo sich neue Lebensmöglichkeiten auftun. Daraus kann sich dann neuer Lebensmut entwickeln. Dann ergeben sich die nächsten Schritte wie von selber. 

Was macht das Thema mit den Mitarbeitenden der TelefonSeelsorge?
Je nachdem. Manchmal werden Mitarbeitende im Gespräch selbst sehr berührt von dem, was die Anrufenden erzählen. So hat neulich jemand angerufen, der sehr verzweifelt war, weil vor kurzem seine Frau gestorben ist. Das hat er einem Ehrenamtlichen erzählt, dem genau das Gleiche in jüngerer Vergangenheit passiert ist. Wenn so eine Parallele ist, dann wird ja das eigene Thema des Ehrenamtlichen berührt. Das ist einerseits ergreifend. Andererseits muss man dann aufpassen, dass die beiden so ähnlichen Themen nicht miteinander vermischt werden. Es sitzt ja auch in der TelefonSeelsorge ein Mensch mit einer Geschichte, mit den eigenen Blessuren und Verlusten. Da muss man oft gut drauf achten, dass man einerseits den Menschen am Telefon gut begleiten kann, und das geschieht ja auch, indem man sich berühren lässt, und andererseits aufpasst, dass Grenzen nicht verwischt werden.

Vielen Dank, Frau von Querfurth, für unser Gespräch!

III
Wo hilft es mir, dass ich Teil einer Beziehung bin? Wo ich meine Zweifel, meinen Kummer, aber auch meine Freude teilen kann? Wo merke ich, dass ich eine Gemeinschaft brauche, die mit mir durchhält, auch wenn ich nicht einmal einen Silberstreif am Horizont sehen kann? 

Im Interview haben wir eben gehört: Die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge helfen dabei, Verluste auszuhalten. Das Heimweh. Das Vermissen der Verstorbenen. Die verlorene Perspektive. Die Trauer, die Wut und die Leere. Sie bleiben an der Seite der Anrufenden, obwohl sie einander gar nicht sehen können. Sie nehmen sich Zeit, ehrenamtlich, und sie bleiben da bei ihnen stehen, wo sie gerade sind. Für die Zeit des Anrufs sind beide Seiten eine Gemeinschaft, die aushält und die durchhält. 

Das zeigt die Himmelfahrtsgeschichte auch für die Jünger und mit ihnen für uns alle, die wir nach ihnen kommen: Sie zeigt eine Gemeinschaft, die miteinander hinaufsteigt auf den Berg der großen Erwartung, dass sich vielleicht aller Kummer in Luft auflösen wird. Eine Gemeinschaft, die miteinander wieder hinuntersteigt, nach dem Abschied von Jesus, wieder in den Alltag hinein. In einen Alltag, in dem der Verlust Platz nehmen wird. Und in dem auch der Geist der Hoffnung einziehen wird. Vor allem aber wird es ein Alltag sein, den sie als Gemeinschaft bestehen, in dem sie Freud und Leid miteinander teilen. Als Gemeinschaft, die einen gemeinsamen Ursprung hat und ein gemeinsames Ziel, nämlich: die Liebe Gottes, wie sie in Jesus ein menschliches Gesicht bekommen hat, untereinander zu erfahren. Den Abwesenden anwesend sein lassen, indem sie in seinem Geist unterwegs sind - die Jünger damals, Sie und ich heute. 

Das geht so wie in den Gesprächen am Telefon: durch Zuhören und Beistehen. Das geht, indem einer vielleicht den Mut findet, sich überhaupt jemandem anzuvertrauen. Das geht, indem eine im Gespräch den Blick wendet und sich vielleicht ein neuer Horizont auftut. Das geht, indem wir die Gemeinschaft wahrnehmen, die uns umgibt: im gemeinsamen Singen und Gottesdienst Feiern oder in den vielen Angeboten von Gemeinden. Oder über Entfernung hinweg in Gebet füreinander, im Radiogottesdienst oder im großen Kreis der Spendenwilligen und Kirchensteuerzahler, die auch eine Telefonseelsorge erst möglich machen. "Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen", sagt Jesus.

Christi Himmelfahrt ist nicht Gottes Entfernung, sondern seine Zumutung: von Nähe ohne Sichtkontrolle. Christus entzieht sich dem Blick, damit unser Blick sich lösen kann von der Sicherheit des Sichtbaren, im Vertrauen auf eine Gemeinschaft, die trägt, weil er sie trägt. Der aus dem Blick enthobene Christus traut uns damit mehr zu als wir uns oft selbst.

Wir können das Unsrige tun. Wir können auf Gottes Segen vom Himmel vertrauen. Das drückt der letzte Vers des Liedes "Wer nur den lieben Gott lässt walten" aus: "Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu. Und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht."

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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Kontakt zur Sendung

Pfarrerin Barbara Wurz
Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg beim SWR
Mobil: 01 57 / 58 92 28 26
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