Moonlight

Selig seid ihr, die ihr weint
Morgenandacht

Wo kann ich mich verstecken? Das ist die dringliche Frage im Leben des kleinen Chiron jeden Tag nach der Schule. Denn er ist schmächtig und schüchtern. Er weiß nicht, wie man sich wehrt. „Little“ – Kleiner – wird er von den andern gerufen, die seine Schwäche ausnutzen, um ihn zu piesacken. Chiron passt nicht ins Armenviertel der Schwarzen von Miami, wo man kein Weichei sein darf. Und das ist er doch. Selbst seine Mutter macht sich über ihn lustig.

 

Ein paar Jahre später ist er ein großer, schlaksiger Junge und weiß immer noch nicht, wo es lang geht. Je lauter die andern mit ihren Sex-Erlebnissen prahlen, umso stiller wird er. Immer noch ist er einer, der sich einschüchtern lässt, und die Halbwüchsigen sind grausam. Er ist ihr Opfer, bis ihn eines Tages die Wut überschwemmt. Da kommt er dann in den Knast. Aber nun weiß er, dass er das auch kann: zuschlagen. Er fängt an zu trainieren und verlässt das Gefängnis muskelbepackt, beinhart. Jetzt kennt er alle Tricks. Er hat‘s geschafft – so könnte man jedenfalls denken. Aber dann hätte der Film „Moonlight“, der von diesem Jungen erzählt, wohl keinen Oscar verdient. Die Geschichte von Chiron ist erst dann am Ziel, als der große, starke Kerl endlich seinen Kopf an die Schulter eines andern Manns lehnen darf und weint.

 

Selten habe ich ein schöneres Happy End gesehen, selten so gut verstanden, dass es Tränen sind, die befreien. Am Ende ist die Geschichte von dem schwulen, afroamerikanischen Jungen im fernen Miami doch die Geschichte eines jeden Kindes, das lernt, seine Verstörung hinter einer harten Schale zu verbergen. Es darf sich glücklich preisen, wenn sie irgendwann aufbricht und sogar der vereiste Kern in der Seele schmilzt. Denn nicht in den Momenten der Stärke kommt ein Mensch bei sich selber an, sondern dann, wenn er sich in seiner Schwäche nicht mehr verstecken muss.

 

„Selig seid ihr, die ihr weint“, sagt Jesus darum im Lukasevangelium, „denn ihr werdet lachen.“ Wenn ihr euren Schmerz und euer Verlangen wieder fühlen könnt, wenn das Harte in euch buchstäblich schmilzt, dann werdet ihr erst wieder richtig lebendig. Ihr werdet lachen. Der Film „Moonlight“ erzählt davon.

 

Aber wo im Alltag kann man sich das denn leisten? Tränen sind bestimmt nicht angebracht, wenn ein langer Arbeitstag wartet. Es geht doch gar nicht anders. Mit den Büroklamotten muss auch die gewisse innere Rüstung angelegt werden für die Rolle, die es heute wieder zu spielen gilt. Man darf sich ja keine Blöße geben, muss wissen, wo‘s lang geht.

 

Aber ich denke – gerade wenn jeder Tag eben das von mir verlangt, dass ich meinen Mann oder meine Frau stehe, ohne mir allzu viele Blößen zu geben, ist es gut zu wissen:

Das, was ich da so hinkriege, ist nicht meine ganze Wahrheit. Es gibt auch noch eine andere Seite, eine verletzte und verletzliche, sehr bedürftige, die heulen könnte. Je mehr ich das verleugne und verstecke, umso härter mag sich das Leben für mich anfühlen. Da gibt es dann auch nicht mehr viel zu lachen.

 

Miteinander lachen, das können wohl diejenigen am besten, die ihre eigene Schwäche kennen. Sie werden nicht gleich mit spitzen Bemerkungen reagieren, wenn andere sich eine Blöße geben. Sie müssen nicht immer gleich abwehren, was ihnen zu nahe kommen könnte.

 

So hat Dorothee Sölle, die kluge, freundliche Theologin, in einem ihrer Gedichte um die Gabe der Tränen gebetet: „Gib mir die Gabe der Tränen, Gott“, schreibt sie und fügt hinzu: „Gib mir die Gabe der Sprache. Führ mich aus dem Lügenhaus. Nimm meinen Schutzwall ein. Gib mir die Wörter, den neben mir zu erreichen.“

 

Sätze, die mich anrühren, denn ich weiß wohl: Dorothee Sölle hätte an der Wahrhaftigkeit ihres Sprechens ja gar nicht zweifeln müssen. Dafür war sie doch berühmt. Und dann war sie eben doch auch wahrhaftig genug zu spüren, wie oft es geschieht, dass sie über all ihrem Können die eigene Schwäche vergisst. Sie fragt: Wie soll ich den neben mir erreichen, wenn ich nicht mehr verletzlich bin?

 

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