Jesus hatte kein Geld. Er hat sich durchfüttern lassen. Er fand Geld an sich nicht schlecht. Es kommt halt darauf an, was man damit macht und was das Geld mit einem macht.
Sendetext:
"Geld oder Leben?", fragt Jesus. Er fragt dauernd solche Sachen.
"Na dann will ich natürlich Leben", antworte ich.
"Okay", sagt er, "dann her mit der Knete! Verkauf, was du hast, und spende es."
"Dass du immer so radikal sein musst", wende ich ein. Natürlich verkaufe ich nicht, was ich habe. Zwar neige ich manchmal zu Extremen, aber so extrem bin ich dann doch nicht. Ich bin froh, genug Geld zu haben. Ich mag den Schaukelstuhl, in dem ich gerade sitze. Ein gewöhnlicher Stuhl täte es auch, aber ich habe ihn mir geleistet, als ich fand, erwachsen genug für schöne Möbel zu sein. Ich mag das Gefühl, mir Sachen kaufen zu können, ohne jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen. Ich gehöre zur sogenannten Mittelschicht. Da würde ich gern bleiben.
Jesus nicht. Seine Taschen sind leer, ein Konto besitzt er nicht, er nimmt kein Honorar für seine Auftritte, sondern lässt sich durchfüttern von Fremden und Gönnerinnen. Ein bisschen Mundraub ist auch dabei, wenn er in den Feldern unterwegs ist und hier und da ein paar Ähren rauft.
"Verkauf, was du hast", wiederholt Jesus. "Und komm mit."
"Warum?", frage ich. "Warum kann ich nicht einfach so dabei sein?"
"Weil es das Himmelreich nicht für Reiche gibt", sagt er. "Oder nur sehr, sehr schwer."
Musik 1: Nina Chuba, "Wildberry Lillet"
Ans Himmelreich muss man glauben. An Geld auch. Wie sonst lässt sich erklären, dass ein dünnes Stück Papier plötzlich 200 Euro wert ist, nur weil eine Zahl draufsteht? Wir geben Zahlen Macht. Von sich aus können sie nichts. Das goldene Kalb konnte man noch anfassen, ein Bitcoin schwebt irgendwo in den Himmeln einer Cloud. Also so ähnlich wie Gott.
Menschen glauben an die "Kraft des Marktes", der alles regeln wird. Sie sprechen von Wertschöpfung. Von Geldquellen. Von Vermögen. Erlös und Erlösung gehen Hand in Hand. Alles quasi-religiöse Begriffe. Wer Geld hat, kann fast alles erschaffen. Kann eine Gesellschaft formen, gut oder schlecht. Kann entscheiden, ob ein Krankenhaus in Somalia entsteht oder eine Oper in Hamburg. Kann Millionen spenden für eine rechtsextreme Partei oder einen Wal manövrieren, egal, wie sinnvoll das ist. Kann ein World Wide Web bauen, eine neue Intelligenz entwickeln, hat das Leben in der Hand.
Wirklich das ganze Leben?
Fast. Eines fehlt: die Zeit, Lebenszeit. Der Tod ist überraschend unbeeindruckt von allem Reichtum. Auch wenn er sich durch beste medizinische Behandlung, durch Prävention und gute Ernährung hinauszögern lässt – er kommt trotzdem. Es gibt keine Versicherung gegen den Tod.
Außer das Himmelreich.
"Und das", sagt Jesus "beginnt auf der Erde. Genau da wo ihr seid. In eurer Mitte."[1] Es ist der Ort, an dem das Glück zuhause ist.
Musik 2: Die Prinzen/Udo Lindenberg, "Irgendwo auf der Welt"
Wenn man Geld hat, kann man kaufen, was glücklich macht. Was Sinn gibt: "Red Bull verleiht Flügel." "Nichts ist unmöglich. Toyota." "Haribo macht Kinder froh." "Schrei vor Glück. Zalando." "Wohnst du noch oder lebst du schon?"
Die Werbung verspricht, unsere Sehnsüchte zu erfüllen. Lebensträume aus dem Shop.
Jesus gähnt. "Sind alles Ersatzprodukte", sagt er. "Weil es nie reicht: Der nächste Drink muss her und zum Sofa die passende Kuscheldecke für ein Wohnzimmer voll Geborgenheit. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sein Leben einbüßt?"[2]
Ich frage, ob er nicht ein bisschen dramatisiere.
Er knabbert ein paar Ähren Weizen, weil er Hunger hat. Kein McDonalds in der Nähe, braucht er auch nicht. Er hat die erstaunliche Fähigkeit, mit dem zufrieden zu sein, was gerade da ist.
"Was macht dich glücklich?", fragt er. "Nicht von Null auf Hundert, sondern alltagsglücklich?"
Ich überlege. Im Wald zu sein macht mich glücklich. Es braucht kein tropischer Dschungel zu sein, es reicht ein halbwegs wildgewachsener Mischwald. Oder mit Freund*innen am Küchentisch zu sitzen. Es braucht kein Luxusrestaurant zu sein, es reicht eine durchredete und durchlachte Nacht. Die Katzen der Nachbarn zu kraulen. Es braucht kein Once-in-a-lifetime-Treffen mit einem bedrohten Tiger zu sein. Es reicht ein flauschiger Kopf an meinem Bein. Glücklich macht es mich, wenn ein Buch so gut ist, dass ich mich nicht vom Handy ablenken lasse. Es braucht keine Streamingplattform, es reicht eine Tauschkiste. Ich bin glücklich, wenn ich merke, jemand denkt an mich. Es brauchen keine dreihunderttausend Likes zu sein.
"Du bist also überall da glücklich, wo du dich verbunden fühlst", fasst Jesus zusammen. "Mit Menschen oder Dingen, die wenig bis gar nichts kosten."
Musik 3: Peter Licht, "Alles, was du siehst, gehört dir"
"Ich erzähl dir eine Geschichte[3]", sagt Jesus. Und er erzählt von einem jungen Mann, der anscheinend alles richtig macht: betrügt nicht, ehrt Vater und Mutter, verbreitet keine Fake News. Und Vegetarier ist er wahrscheinlich auch. Nur eins hätte er gern noch: ewiges Leben. Jesus sagt zu ihm: "Verkauf alles, was du hast und komm mit. Dann wirst du etwas gewinnen, das wertvoller ist als alle Habe."
Aber da liegt das Problem. Der junge Mann ist reich, und seinen Reichtum loslassen, das kann er nicht. Also geht er traurig davon. "Tja", sagt Jesus. "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in Gottes Reich kommt." Er sagt das ohne Anklage, ohne moralische Wertung, der junge Mann ist ihm sympathisch. Es klingt eher wie ein Naturgesetz.
Jesus redet oft über Geld. Eine ganze Reihe von Gleichnissen und Geschichten handelt davon. Er selbst hat keins. Kein Geld und keinen eigenen Verdienst. Er lebt von anderen, von Leuten, die ihn einladen, die den Tisch decken, ihr Haus öffnen. Am Ende finanziert ein reicher Mann sein Grab, und eine wohlhabende Frau salbt ihn mit sehr teurem Öl. Nicht Geld an sich ist das Problem. Sondern es behalten zu wollen.
Interessanterweise erzählt Jesus etwas später eine zweite Geschichte von einem anderen Reichen.[4] Einem Steuereintreiber, wenig beliebt. Mit ein paar Tricks und genügend Skrupellosigkeit hat er viel Geld gescheffelt. Aber er will was ändern. Er sagt: "Die Hälfte meines Besitzes spende ich. Und allen, die ich betrogen habe, zahle ich es vierfach zurück."
Der erste Reiche, der junge Mann will mehr: Zu allem, was er hat, will er auch noch das Himmelreich.
Der Zweite will loslassen und abgeben.
Das muss man sich kurz mal vorstellen: Alle, die auf Kosten anderer reicher geworden sind, die Steuerschlupflöcher kennen, die Niedriglöhne zahlen, die an Cum-Ex-Geschäften verdient haben – alle die würden ihre Gewinne teilen. Sie bräuchten nicht ihren gesamten Reichtum herzugeben, sondern einfach einen gerechten Teil.
Kein Mensch braucht Milliarden. Ist nicht gut für die Seele und ist nicht gut für die Welt.
"Gebt dem Staat, was des Staates ist", sagt Jesus[5]. Zahlt angemessene Steuern. Und wenn es sie nicht gibt, erfindet sie.
Musik 4: Tracy Chapman, "Talkin' 'bout a Revolution"
Ich habe alles, was ich zum Leben brauche. Natürlich nicht alles von allem, einen Pool habe ich nicht, auch keinen Porsche. Ich habe überhaupt kein Auto. Aber bisher musste ich mir noch nie ernsthaft und existenziell die Frage stellen, was lebenswichtig ist. Zum Glück. Weil ich in einem Land lebe, das nach wie vor so stabil ist, dass ich keine Bombe fürchte, die mir aufs Dach fällt. Weil ich ein grundsätzliches Vertrauen in die Sparkasse habe, die mein Konto verwaltet. Weil es reicht, die Tür zuzuziehen – ich muss sie nicht doppelt und dreifach abschließen, wenn ich einkaufen gehe. Weil ich nachts ruhig schlafen kann, ohne dass marodierende Gangs durch die Straßen ziehen. Weil es bei allem, was schiefläuft, Rechtstaat, Demokratie und eine freie Presse gibt. Und Erdbeeren vom Markt. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann ist es die Sicherheit, dass das so bleibt.
"Sorry", sagt Jesus. "Sicherheit gibt es nicht. Sicherheit versprechen nur die Profiteure der Angst. Ihr Angebot ist groß: einfache Antworten. Schuldzuweisungen. Drei-Stufen-Schlösser. Risikoversicherungen. Selbsthypnose. Finde etwas anderes."
Das hätte ich mir natürlich denken können.
"Und was empfiehlst du?", frage ich.
"Freundinnen, Freunde, Verbündete. Menschen, auf die du zählen kannst. Mit denen du dein Brot teilen würdest und deinen letzten Kaffee."
Ich erinnere mich, dass am Ende eines Seminars mal eine Teilnehmerin nach den Mailadressen der anderen fragte. Es sei wichtig, sagte sie, dass man um ein Netz weiß, wenn es mal nötig sein sollte. Sie meinte damit kein Darf-ich-auf-deiner-Couch-schlafen-Netz. Sie meinte Gleichgesinnte. Leute, die Demokratie wollen. Die aufstehen gegen populistische Parolen. Die bessere Geschichten kennen als Verschwörungserzählungen. Leute, denen ein gutes Klima am Herzen liegt und die zum Wohl aller auch mal auf den eigenen Vorteil verzichten. Leute, die Mut machen. Solche Leute helfen an Tagen, an denen die Welt ganz knapp vorm Untergang zu stehen scheint.
Ein eigener Pool wäre natürlich auch nett. Aber die anderen trifft man halt im Freibad.
Musik 5: Bosse, "Einmal alles bitte"
Als Jesus seine Leute losschickte, immer zu zweit in die Städte und Dörfer, sagte er[6]: "Erzählt die guten Geschichten. Gute Geschichten retten die Welt." Sie sollten nichts mitnehmen – keine Vorratstasche, kein Brot, nicht mal ein zweites Hemd und vor allem: kein Geld. Keine Kreditkarte, keine Versicherung.
Das Einzige, was sie bei sich hatten: eine zweite Person und das Vertrauen darauf, dass andere ihre Türen öffnen. Weil genau dort das Himmelreich beginnt: am Küchentisch oder auf der Bank vorm Gartenzaun. Bei Waldmeisterbowle und einer Geschichte. Mit einem Teller Nudelsuppe und einer Handvoll Zuversicht. Das Himmelreich ist da, wo wir teilen und mitteilen. Eine bessere Versicherung gibt es nicht.
Musik 6: Erdmöbel, "Hoffnungsmaschine"
Es gilt das gesprochene Wort.