Warum verkraften die einen, woran andere zerbrechen? Die Resilienz-Forschung hat herausgefunden: Spiritualität ist ein wesentlicher Faktor. Warum und wie?
Sendetext:
Mai 1945. Die grausame Herrschaft der Nazis endet. Befreiung für viele. Endlich Hilfe für alle Menschen, die in Konzentrationslagern interniert waren und noch leben. Der US-amerikanische Soldat George Ritchie gehört zu den Befreiern. Er kommt mit dem 123. Einsatzlazarett der Army nach Deutschland. Im Mai erreichen sie ein Konzentrationslager in der Nähe von Wuppertal. Sie sollen medizinische Hilfe für die befreiten Gefangenen bringen. Für Jüdinnen und Juden aus Holland, Frankreich und dem östlichen Europa.
Was Ritchie dort erlebt, beschreibt er als die erschütterndste Erfahrung, die er je gemacht hat. Schon oft war er dem plötzlichen Tod und Verwundungen ausgesetzt gewesen. Aber die Auswirkung eines langsamen Verhungerns zu sehen, erlebte er als Horror. Obwohl er und seine Kameraden die ehemaligen Gefangenen sofort mit Medizin und Nahrung versorgten, starben täglich Dutzende von ihnen.
Was ihm hilft, seinen Dienst zu tun, ist sein Glaube, dass ihm in diesen leidenden Menschen Christus begegnet. Ritchie glaubt an einen Gott, der gerade im Leid anwesend ist.
Zudem zieht er Kraft aus einer Begegnung mit einem Mann, dessen Name aus sieben polnischen Silben besteht, die Ritchie nicht aussprechen kann. Der Mann sieht aus wie eine alter Westernheld. Darum wird er von allen Wild Bill Cody genannt. Er ist ganz anders als die anderen Überlebenden des Konzentrationslagers: Seine Gestalt ist aufrecht, seine Augen hell, seine Energie unfassbar.
George Ritchie und seine Kameraden sind der festen Überzeugung: Es kann nur einen Grund geben, warum Wild Bill Cody so viel gesünder und kräftiger wirkt als alle anderen: Er war erst kurze Zeit im Konzentrationslager.
Doch bald finden sie in den säuberlich geführten Papieren der Deutschen heraus, dass sie sich gewaltig geirrt haben.
Der US-Soldat George Ritchie berichtet: Wild Bill lebte im jüdischen Sektor von Warschau – mit seiner Frau und fünf Kindern. Eines Tages kamen die Deutschen, stellten seine Familie an die Mauer und erschossen sie. Er selbst bettelte um seinen Tod. Er sprach Deutsch, und so steckten ihn die Deutschen in eine Arbeitsgruppe. Wild Bill musste sich entscheiden, ob er sich dem Hass gegen die Soldaten, die ihm das angetan hatten, hingeben wollte oder nicht. Wild Bill erzählt:
"Ich war Rechtsanwalt. In meiner Praxis hatte ich zu oft gesehen, was der Haß im Sinn und den Körpern der Menschen auszurichten vermochte. (…) Ich entschied mich dafür, dass ich den Rest meines Lebens (…) damit zubringen wollte, jede Person, mit der ich zusammenkam, zu lieben." (1)
Wild Bill war bereits seit sechs Jahren im Konzentrationslager. Die US-amerikanischen Soldaten, die ihn und die anderen Überlebenden befreit haben, wunderten sich, wie wenig sich diese Jahre an ihm abzeichneten. Was für eine Widerstandskraft, was für eine Resilienz, die sogar bis in die äußerliche Erscheinung sichtbar war.
Es geht nicht darum, wer Brutalität und Leid besser verkraftet. Das wäre zynisch. Die Grausamkeiten der NS-Konzentrationslager sind zudem eine so extreme Situation, die lässt sich mit nichts vergleichen. Aber den US-Soldaten Ritchie hat die Frage weiter beschäftigt: Wie können Menschen Schlimmstes psychisch überstehen? Ritchie wurde Psychiater und wollte wissen: Was bewahrt Menschen davor zu zerbrechen? Heute gibt es einen Begriff dafür: Resilienz. Widerstandsfähigkeit.
Über Resilienz wird in letzter Zeit viel geschrieben und gesprochen. Wenn man Wild Bills Geschichte liest, meint man, er hätte die aktuelle Literatur studiert. Denn offenbar hat er intuitiv viele der Faktoren genutzt, die man für Resilienz von Bedeutung sind.
Sicher nicht leichten Herzens - aber es ist ihm gelungen, nicht zu verzweifeln trotz seiner Situation, trotz des Mordes an seiner Familie und trotz der Grausamkeiten der Nationalsozialisten. Sich nicht mit einem "Warum" aufzuhalten und auch nicht mit dem Hass auf die Täter.
Wild Bill hat sich nicht in eine Opferrolle bringen lassen. Er behielt so die Kontrolle über sein Leben. Er ließ sich in seinem Handeln nicht von den Nazis bestimmen. Damit war er selbstwirksam. Die Überzeugung, nicht allem hilflos ausgeliefert zu sein, sondern selbstwirksam sein zu können – damit hat Wild Bill resilient überlebt.
Ohnmacht, Kontrollverlust, Hilflosigkeit – das ertragen wir nur schwer. Und wir spüren, wie gut es sich anfühlt, wenn wir im Rahmen unserer inneren Möglichkeiten mit unseren Entscheidungen wirksam bleiben.
Der Psychiater und Begründer der Logotherapie, Viktor Frankl, hat immer betont, dass uns das niemand nehmen kann: "Die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen." (2)
Wild Bill übernahm Verantwortung für sein Leben und hatte ein Ziel für seine Zukunft. Damit war er lösungs- und zukunftsorientiert. Und er gab seinem Leben einen Sinn – auch nach dem Verlust seiner geliebten Familie.
Vor allem aber hat Wild Bill mit seiner Entscheidung, zukünftig alle Menschen zu lieben, eine Entscheidung getroffen, nämlich sich zu verbinden.
Ich halte ein gutes Beziehungsnetzwerk für wesentlich und entscheidend, um den Widrigkeiten des Lebens standhalten zu können. Ich bin Klinikseelsorgerin in der Psychiatrie und begleite psychisch erkrankte Menschen. Meine Erfahrung ist: Wer Familie hat, einen guten Freund oder eine Freundin, kann schneller genesen. Die Einzelgänger und alle, die sich ganz zurückgezogen und eingeigelt hatten, brauchen viel länger, um wieder ins Leben zu finden – wenn sie es überhaupt schaffen.
In dem Bericht von George Ritchie über Wild Bill steht nicht, ob Wild Bill ein gläubiger Jude war oder welche Rolle Spiritualität in seinem Leben gespielt hat. Viele Studien weltweit zeigen jedoch: Spirituell zu sein, ist ein enorm wichtiger Resilienzfaktor. Spiritualität hat eine psychische Schutzfunktion. Spirituell sein meint dabei nicht unbedingt, einer bestimmten Religion anzugehören, Kirchenmitglied zu sein oder bestimmte religiöse Rituale zu vollziehen. Spirituell sein heißt zuerst: Ich habe einen persönlichen Glauben, die Gewissheit einer persönlichen und tragfähigen Beziehung zu einer höheren Macht.
Aus dem Bewusstsein, mit einer höheren Macht verbunden zu sein, ergibt sich eine Verpflichtung gegenüber anderen Menschen. Lisa Miller, die US-amerikanische Wissenschaftlerin und Direktorin des Spirituality Mind Body Institut in New York hat bei ihren Forschungen herausgefunden:
"Dass die Liebe zu Gott mit der Liebe zu den Menschen verbunden ist. Unsere [Forschungs]Erkenntnis berührte die Grundlage aller Glaubenstraditionen: dass eine heilige, transzendente Liebe durch den Dienst am Nächsten entbrennt. Das, was wir im MRT sahen, ließ darauf schließen, dass die Beziehungsspiritualität eine neuroanatomische Grundlage hatte." (3)
Auch Resilienz ist genetisch in uns angelegt und wird durch unsere Erziehung beeinflusst. Zugleich ist sie aber auch erlernbar und trainierbar. Ähnlich ist es auch mit Glauben bzw. Spiritualität. "Zu 29 Prozent", - so Miller – "ist die Veranlagung zu persönlicher Spiritualität […] erblich angelegt". Fast ein Drittel ist uns also vorgegeben – und dann kommt es darauf an, wie wir unseren Muskel für das Heilige und Transzendente trainieren. Die Forschung von Lisa Miller zeigt, dass wir "ebenso spirituelle wie denkende, körperliche und emotionale Wesen sein könnten … Spiritualität [ist] eine angeborene Grundlage menschlichen Seins" (4) und in unserem Gehirn nachweisbar angelegt.
Meine spirituelle Muttersprache ist die des christlichen Glaubens. Einer Religion, zu deren Grundlagen Gemeinschaft und Verbundenheit gehören. Ich bin geprägt von dem Glauben: Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes, von ihm geliebt. Das stiftet eine universale Verbundenheit – gerade mit den Fremden, sogar den Feinden.
Die Grundlage christlicher Spiritualität erlebe ich als etwas, das widerstandfähiger macht: Ein personaler Gott. Mit dem ich kommunizieren kann. Dem ich mich im Gebet anvertrauen kann und von dem ich glaube, dass dabei eine Resonanz erlebbar wird. Und eine Verbundenheit über die eigenen Grenzen hinaus mit vielen anderen Menschen.
Ich glaube, dass Gott mich leiblich erschaffen hat. Vielleicht haben wir Protestantinnen und Protestanten da noch etwas Nachholbedarf, dies auch alltagstauglich zu leben. So manche Kirchenbank ist leiblich schwierig zu ertragen.
Was unsere Resilienz fördert, ist individuell. Aber es lohnt sich, in diesen instabilen Zeiten miteinander zu suchen: Was stabilisiert dich? Was stärkt mich? Und voneinander zu lernen, einander mitzuteilen, was es so alles gibt.
Um nur ein Beispiel zu nehmen: Dass leibliche Bewegungen Auswirkungen auf unser psychisches Wohlbefinden haben, ist inzwischen unbestritten. Embodiment. Das können wir uns mit kleinen Übungen zunutze machen, Bewegungen, die gerade im christlichen Glauben eine Rolle gespielt haben:
Ich stelle mich stabil hin, mit etwas breiter gestellten Füßen. Ich erhebe den Kopf zum Himmel und strecke die Arme weit nach oben. So wende ich mich Gott zu mit einer empfangenden Haltung. Ich trete leiblich in Kontakt mit der größeren Wirklichkeit, mit der Liebe Gottes, die ich bis in die Finger- und Zehenspitzen spüren kann. Es passiert etwas, das ich nicht beherrschen muss und nicht machen kann.
Ich glaube: Ich muss meine Widerstandsfähigkeit nicht allein aus mir selbst herausholen. Es gibt die Kraft Gottes, auf die ich vertraue. Es geht nicht um Selbstoptimierung. Mein Leben liegt nicht allein in meiner Hand, in meiner Verantwortung. Wenn etwas im Leben nicht gelingt, bin ich nicht am Ende. Ich bin und bleibe Empfangende. Die wesentlichen Dinge meines Lebens wurden mir unverdient geschenkt, und dafür bin ich dankbar.
Dankbarkeit – ein entscheidender Resilienzfaktor. Ich beobachte: Die Kultur, sich zu bedanken, schwindet. Mir begegnet oft die Einstellung: Ich muss mich doch nicht für das bedanken, was ich mir selbst erarbeitet habe. Aber wir können uns eben nicht alles selbst erarbeiten. Vielleicht spüren wir gerade deutlich, wie uns zunehmend die Kontrolle entgleitet – bei der wachsenden Abhängigkeit von der KI, den Kriegen und multiplen Krisen in der Welt.
Mich haben Worte aus Psalm 103 geprägt. Ich bete sie oft: "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat." Dankbarkeit bewahrt nicht vor Schicksalsschlägen. Aber sie hat mir bislang geholfen, das Gute nicht zu vergessen, das es trotz des Schweren gibt.
Ein letzter, wichtiger Aspekt: Zielorientiertheit. Die wird immer wieder in der Resilienz-Literatur als Faktor für Widerstandfähigkeit genannt. Oft verbunden mit dem Hinweis: "Äußere Ziele sind kein Ersatz für höheren Sinn im Leben." (5) Den Sinn im Leben, so glaube ich, können wir uns nicht selber geben. Viktor Frankl meinte einmal: Der Mensch kann "Ahnungen von einer übergeordneten Welt wahrnehmen, in der Sinn und Werte auf höhere Weise zugänglich sind." (6)
Stabil durch instabile Zeiten. Instabile Zeiten gab es immer. Mir kommt unsere Gegenwart vielleicht deshalb so instabil vor, weil wir so viele Jahre des Friedens und der Freiheit erlebt haben. Jedenfalls fühlt sich vieles unsicherer an als noch vor einigen Jahren. Die digitale Welt wird immer komplexer. Die Spätfolgen der Corona-Zeit sind noch längst nicht überwunden. Die Weltpolitik wird immer chaotischer und dringt immer tiefer in ganz persönliche Bereiche ein.
Das zeigt mir: Ich muss und ich will etwas für meine Resilienz, meine Widerstandkraft tun. Dabei bin ich zugleich skeptisch. Wird "Resilienz" doch gerade so marktschreierisch angepriesen. Die aktuellen Krisen fordern schon genug von mir, da brauche ich mit dem Ruf nach Resilienz nicht noch eine weitere Anforderung.
Aber ich habe es eben selbst erfahren und oft beobachtet: Wer resilient ist, geht gestärkt aus Krisen und Belastungen hervor. Das ist eine Erfahrung und zugleich meine Hoffnung. Ich höre, lese und erlebe als Seelsorgerin: Resilienz ist eine Fähigkeit, die ich erwerben und stärken kann. Darum bestücke ich meinen Resilienz-Baukasten und nutze, was mir hilft: Spiritualität pflegen. Musik hören. Die Natur live und in Farbe bei jedem Wetter erleben. Meinen Körper wertschätzen. Beziehungen pflegen. Und jeden Tag dankbar beginnen.
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. Sacrefleur, Wer nur den lieben Gott lässt walten
2. Giora Feidmann, Blessing Over the Candles
3. Tote Hosen, Steh auf
4. Jazz `n´ Spirit, Wer nur den lieben Gott lässt walten
5. Taize Instrumental 1, Nada te turbe
6. J.S. Bach, Kantate "Ich hatte viel Bekümmernis", Arie "Jesus mich tröstet mit himmlischer Lust"
Literatur dieser Sendung:
1. Ritchie, George, Rückkehr von Morgen, Marburg, 92
2. Frankl, Viktor, …trotzdem Ja zum Leben sagen, München, 108
3. Miller, Lisa, Das erwachte Gehirn, München, 270
4. Miller, Lisa, Das erwachte Gehirn, 79f
5. Miller, Lisa, Das erwachte Gehirn, 45
6. Migge, Björn, Sinnorientiertes Coaching, Weinheim, 276