"Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln." Psalm 23 verspricht Geborgenheit. Vielen hat das schon gutgetan. Aber passt das Bild vom Hirten und seinen Schäfchen noch für mündige Menschen von heute?
Sendetext:
Er wollte großzügig sein und vielen eine Freude machen. Wahrscheinlich hatte er Dankbarkeit erwartet. Bekommen hat er eine Welle der Empörung. Ich spreche von Bono, dem Sänger von U2. Die irische Rockband veröffentlichte vor einigen Jahren ein neues Album – und stellte es dem Technologiekonzern Apple zur Verfügung. Der platzierte es kurzerhand kostenlos und automatisch auf den Smartphones seiner Nutzerinnen und Nutzer. Damals waren das rund 500 Millionen Menschen. Die reagierten jedoch nicht mit Dankbarkeit, sondern mit Empörung. Ich übrigens auch. (1)
Warum eigentlich? Die Musik war doch gratis. Ich musste nichts dafür tun. Und U2 mag ich sogar. Trotzdem empfand ich diese Aktion als Übergriff. Als Eindringen in meine Privatsphäre. Sie verletzte das Gefühl, selbst bestimmen zu dürfen. Und dieses Gefühl ist den meisten Menschen sehr wichtig. Kaum jemand möchte behandelt werden wie ein Schaf in einer Herde – willenlos gelenkt, auch wenn es gut gemeint ist.
Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist: Viele Menschen lassen sich auch gerne umsorgen. Viele wissen sich gerne in guten Händen, unter einem verlässlichen Schutz. Es gibt also ein Spannungsfeld – zwischen dem Wunsch nach Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Geborgenheit. Um dieses Spannungsfeld geht es mir heute. Und wir werden sehen: Auch Gott bleibt davon nicht unberührt. Dazu gleich mehr.
Doch zunächst noch das Ende der U2-Geschichte. Das unfreiwillig verschenkte Album sorgte für viel Unmut. Apple bot schließlich ein Programm an, mit dem man es wieder löschen konnte. Die Musik selbst ist trotzdem gut. Der bekannteste Song heißt "Every Breaking Wave" – auf Deutsch: jede brechende Welle. Es geht darin um die Sehnsucht nach Geborgenheit – und gleichzeitig um die Angst davor. Der Text beginnt, übersetzt, so: "Jede Welle, die am Ufer bricht, sagt der nächsten: Eine kommt nach dir. Und jeder Spieler weiß: Verlieren ist der eigentliche Grund, warum er spielt."
Wo fühle ich mich richtig – zwischen Geborgenheit und Unabhängigkeit? Diese Frage beschäftigt viele. Das Ideal unserer Zeit scheint zu sein: mündig sein, das eigene Leben aktiv gestalten. Doch das stellt ein altes, starkes Bild in Frage – das Bild vom guten Hirten.
Psalm 23 beschreibt es so: "Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser." Diese Verse gehören zu den bekanntesten Sätzen der Bibel überhaupt. Sie sind Taufspruch, Konfirmationsspruch, Trauspruch für zahlreiche Menschen. Warum? Der Psalm beschreibt nicht nur, wie sich Geborgenheit anfühlt. Er verströmt sie selbst. Seine poetische, kraftvolle Sprache berührt viele tief. Hier spricht jemand aus großer persönlicher Erfahrung: "Ich bin nicht allein und nicht schutzlos. Da ist einer, der mich führt, der sich bei Gefahr vor mich stellt." Glücklich, wer das so erleben darf. Nicht bei allen trifft es zu. Leider.
Der Hirte und seine Herde – das ist ein schönes Bild für Schutz und Gemeinschaft. Mich hat der Erfolg dieses Bildes lange gewundert. Denn wenn Gott wie ein Hirte ist, sind die Menschen wie Schafe. Und wer will das sein? Schafe gelten zwar als friedlich und sanft, aber auch als ängstlich und wenig eigenständig. Das scheint kaum zu passen zu dem, was viele heute anstreben: selbstbestimmt, den eigenen Weg gehen, das Leben in die eigene Hand nehmen. Noch etwas rückt dieses Bild in die Ferne: Schafe und Hirten kennen viele kaum noch. In Deutschland jedenfalls begegnet man ihnen selten.
Trotzdem ist das Bild vom guten Hirten bis heute lebendig. Weil es auf eine tiefe Sehnsucht antwortet – nach Schutz, nach Sicherheit, nach Geborgenheit. Gerade in unsicheren Zeiten. Und unsichere Zeiten sind das gerade. Die Welt ist voller Konflikte. Sie machen sich auch bei uns bemerkbar. Kriege, Klimawandel, knappe Ressourcen – vieles scheint sich in die falsche Richtung zu bewegen, und man schaut scheinbar machtlos zu. Mir wird immer bewusster, wie verletzlich unser Lebensstil ist. Und auch ich selbst. Da wird Geborgenheit immer kostbarer.
Wer kann sie bieten? Wer steht für mich ein? Die Bibel antwortet mit einer Einladung: "Lass dich auf Gott ein. Er ist wie ein guter Hirte. Auf ihn kannst du dich verlassen." Das klingt gut.
Aber sich wirklich darauf einzulassen – das ist gar nicht so leicht. Genau davon handelt der Song "Every Breaking Wave" von U2. Vordergründig beschreibt er ein Paar. Die beiden haben ein gemeinsames Problem, das sie trennt: Sie trauen ihrer Liebe nicht wirklich. Das Bild im Song ist dieses: Zwei Menschen stehen im Meer. Die Flut kommt, das Wasser steigt. Sie müssten eigentlich schwimmen – sich dem Wasser anvertrauen, das sie tragen würde. Aber sie merken es nicht. Sie kämpfen darum, weiter auf ihren eigenen Füßen zu stehen und gehen unter.
In dem Song kämpfen zwei Menschen darum, für sich allein zu stehen – statt sich gemeinsam tragen zu lassen. Damit beschreibt der Song nicht nur das Drama einer Liebesbeziehung. Er stellt eine tiefere Frage: Kann ich mich überhaupt jemandem anvertrauen? Einem Menschen. Oder Gott.
Ja, nein, vielleicht. Viele sind sich da nicht sicher. Einerseits die Sehnsucht, getragen zu werden, in Geborgenheit. Das könnte man bei Gott finden – wenn man sich ihm wirklich anvertraut. Andererseits dieser Drang, auf eigenen Füßen zu stehen, das Leben selbst in der Hand zu halten.
Wie weit dieses Einerseits-Andererseits gehen kann, erlebe ich bei Sabine. Sie ist Ende 50, ich kenne sie aus einem kirchlichen Gesprächskreis. Von dem Bild des guten Hirten hält sie gar nichts. Im Gegenteil – sie hadert mit Gott. Seit langem. Ihr Vorwurf: "Gott hätte mich vorher fragen müssen, ob ich geboren werden will. Wo und wann. Ich wäre gerne gefragt worden!", sagt sie, und man hört den Trotz in ihrer Stimme. Sie wurde – wie alle Menschen – einfach ins Leben geworfen. Das empfindet Sabine als Übergriff. Und zwar durch Gott.
Ich frage sie: "Was würdest du von Gott erwarten, wenn es dir schlecht geht? Wenn dir das Leben mal aus der Hand gleitet – und du selbst keinen Ausweg siehst?" Sabine denkt nach. Sie versteht, was ich meine. Sie beobachtet es ja bei anderen: Wenn Menschen wirklich in der Klemme sitzen, legen viele ihre Selbstbestimmung gerne beiseite. Dann soll bitte schnell jemand kommen und sie herausholen. Am besten unkompliziert und kostenlos. Man sieht das ja immer wieder, zum Beispiel wenn Urlauber in Krisengebieten stranden.
Sabine antwortet: "Bisher habe ich mir immer selbst geholfen. Das ist auch mein Anspruch an mich. Manchmal brauche ich andere – aber nicht Gott. Da weiß man ja sowieso nicht genau, was man bekommt."
Da muss ich ihr recht geben. Gott lässt mich nicht allein – aber er kümmert sich nicht immer so, wie ich es mir wünsche. Sondern auf seine Weise.
Mir scheint: Bei diesem Thema haben viele keine feste Haltung. Eher eine nach Lage. Wenn es mir gut geht, will ich die Freiheit. Wenn ich bedürftig bin, will ich Geborgenheit. Ganz reif kommt mir das nicht vor. Aber vielleicht gehört diese Widersprüchlichkeit einfach zum Menschsein. U2 beschreiben es in ihrem Song so: "Wir haben Angst zu gewinnen. Und so enden wir, bevor wir beginnen."
Wie bringt man das zusammen – die Sehnsucht nach Freiheit und die Sehnsucht nach Geborgenheit? Mir hat dabei geholfen, das Bild vom Hirten und seiner Herde noch einmal neu zu betrachten. Schafe sind gar nicht so dumm, wie sie oft dargestellt werden. Sie sind schlicht überlebensintelligent. Sie wissen, dass sie in der Herde sicherer sind. Dabei folgen sie niemandem blind, sondern einem ausgeklügelten Sicherheitsgespür. Sie haben auch begriffen, dass das Leben mit anderen schöner ist als das Alleinsein. Solidarisch statt abgeschottet. Das finde ich sympathisch. Und es passt zu mir.
Schafe sind defensiv, nicht aggressiv. Sie sind das friedliche Gegenbild zum Wolf. Da gehöre ich gerne dazu – zu den Friedlichen, zu den Defensiven. Und wir Schafe sollten mehr werden. Denn mir scheint: Die Zahl der Wölfe unter den Menschen steigt gerade bedrohlich.
Schafe sind auf ihren Hirten angewiesen. Sie brauchen seine Führung und seinen Schutz. Das beschreibt, finde ich, ganz gut das Verhältnis zwischen Gott und Mensch – es ist kein Verhältnis auf Augenhöhe. Die Bibel bringt das an anderer Stelle noch deutlicher auf den Punkt: Gott ist der Töpfer, die Menschen sind sein Ton. (2) Gott ist Schöpfer, ich bin Geschöpf. So ist es. Manche begehren dagegen auf – ich nicht. Denn im Grunde wissen oder ahnen doch alle: Das eigene Leben hat man nicht selbst gemacht. Man hat es geliehen bekommen. Und jeden Tag bin ich angewiesen auf vieles, das ich selbst nicht herstellen kann: die Luft, die ich atme. Die Natur, der ich mein Essen entnehme. Das Glück. Die Liebe. Ich kann etwas dafür tun – aber machen kann ich es nicht. Die Kraft, die das alles schenkt, nenne ich Gott. Meinen guten Hirten.
Der zwingt mich übrigens nicht, bei seiner Herde zu bleiben. Ich bin frei. Ich kann gehen, wohin ich will – auch dorthin, wo ich vergesse, dass ich ihn vergessen habe. Aber will ich das? Nein. Ich bleibe.
Eine letzte Frage bleibt: Was haben die Schafe des Hirten-Gottes eigentlich zu tun? Dazu sagt Jesus etwas. Er nennt sich selbst den guten Hirten (3). Er ist bereit, alles zu geben – sogar sein Leben. Aber er tut noch mehr. Er vertraut seinen Schafen etwas Wichtiges an. Er schickt sie los – hinaus in die Welt. "Wie Schafe unter die Wölfe" (4), sagt er. Sanft und friedfertig sollen sie einstehen für Liebe und Frieden. Das ist nicht wenig. Im Grunde gibt Jesus damit den Hirtenstab weiter – an alle, die sich darauf einlassen. Das traut er uns zu.
Und niemand muss das alleine tragen. Alle sind verbunden – miteinander, und in Gott. So wächst für mich Selbstvertrauen aus Gottvertrauen. Beides gehört zusammen. Beides wirkt – mitten im Alltag.
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1.- 4. Every Breaking Wave, U2
Literatur dieser Sendung:
1. U2-Story: https://www.spiegel.de/netzwelt/web/kostenloses-u2-album-bono-uebernimmt-volle-verantwortung-fuer-apples-marketing-flop-a-594240df-e72b-444a-9010-f23eefac13b1
2. Jesaja 29,16
3. Johannes 10,11ff
4. Matthäus 10,16