Gemeinfrei via Fundus/ Mathis Eckert
Auch nur ein Mensch
Jesus und der Zorn
06.05.2026 06:35

Jesus – ein makelloses Vorbild? Nicht ganz. Der Evangelist Markus zeigt ihn auch in einem schwachen Moment: hungrig, gereizt und ungerecht. Das macht ihn menschlicher – und seine Botschaft näher.

Sendetext:

Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Aber gilt das auch für Jesus? Eigentlich müsste es so sein – sonst wäre er ja kein richtiger Mensch. Und genau darum geht es im christlichen Glauben: Jesus ist als Gottes Sohn ganz und gar menschlich.

Bei Jesus finde ich dabei vor allem die Schwächen interessant. Denn seine Stärken liegen auf der Hand: Er ist mutig und redegewandt, liebevoll und fürsorglich. Er kümmert sich um Arme, Kranke und Bedrängte. Für sie gibt er alles – sogar sein Leben. Ein Vorbild rundum, so scheint es.

Aber wo sind seine Schwächen? Darauf gibt der Evangelist Markus einen kleinen Hinweis: Jesus kann dünnhäutig sein und vor Zorn schon mal platzen. Ein Beispiel dafür findet sich im elften Kapitel des Markus-Evangeliums. [¹] Die Geschichte beginnt früh am Morgen. Die Nacht ist zu Ende, Jesus und seine Jünger brechen auf. Ihr Ziel ist Jerusalem. Doch erst einmal hat Jesus Hunger. Er geht zu einem Feigenbaum. Der trägt viele grüne Blätter und verspricht nahrhafte Früchte. Aber Jesus findet keine – es sind schlicht keine dran. Jesus wird sauer und sagt zu dem Baum: "Nun esse niemand mehr eine Frucht von dir in Ewigkeit!" Der verfluchte Baum stirbt daraufhin ab.

Diese Szene wird meist als Zeichenhandlung gedeutet: Anhand des Baumes verdeutlicht Jesus, was Menschen zu erwarten haben, die keine guten Früchte bringen. So oder so ähnlich äußert sich Jesus mehrfach. Aber bei diesem Feigenbaum fügt Markus ein wichtiges Detail hinzu. Er schreibt: "Es war gerade gar nicht die Zeit für Feigenfrüchte." Der Baum taugt also gar nicht als Mahnung an Menschen. Er steht einfach nur zur falschen Zeit am falschen Platz – und gerät in das Visier von Jesus, als dieser hungrig ist und offenbar auch ein wenig schlecht gelaunt. Seinen Ärger lässt Jesus an dem Baum aus.

Warum erwähnt Markus dieses Detail? Er schreibt sonst sehr knapp und beschränkt sich auf das Wesentliche. Warum also dieser Hinweis? Vielleicht wollte er zeigen: Seht her, Jesus ist wirklich auch nur ein Mensch. Auch er hat schwache Momente. Auch er fährt mal aus der Haut. Auch er bleibt hinter seinen eigenen hohen Ansprüchen zurück.

Ich finde das tröstlich. Und so könnte es von Markus auch gemeint sein. Es macht mir Jesus noch sympathischer: Jesus hat Schwächen, die ich auch habe. So wird er noch mehr zu einem von uns. Und das ist vielleicht sogar die eigentliche theologische Aussage: In Jesus macht sich Gott wirklich ganz menschlich – nicht nur im großen Bogen von der Geburt bis zum Tod, sondern auch im Alltag, in den kleinen Dingen, in den ganz persönlichen Schwächen.

Damit bietet sich Jesus an als ein gutes schlechtes Vorbild. Er regt zum Nachdenken an: Wie kann ich besser mit meinem Zorn umgehen – besser, als er es hier getan hat? Denn Jesus macht den Baum für seinen Ärger verantwortlich und damit auch zum Opfer seines Zorns. Obwohl der Baum nichts falsch gemacht hat: Es ist halt gerade keine Erntezeit.

Es ist nie angemessen, den eigenen Ärger irgendwo rauszuhauen oder an jemandem auszulassen, der nichts dafürkann. Besser ist es, ihn genauer anzuschauen und nachzuspüren: Woher kommt er? Warum bin ich gerade so dünnhäutig? Hätte Jesus das getan, wäre er vermutlich schnell auf die Ursache gestoßen: Er stand unter enormer Anspannung. Der Druck auf ihm war geradezu übermenschlich. So viele Augen waren auf ihn gerichtet – viele voller Hoffnung, viele aber auch voller Hass. Auf ihm lastete mehr, als ein Mensch tragen kann.

Auch Jesus ist also angewiesen auf Barmherzigkeit – bei Gott und bei seinen Mitmenschen. Das macht ihn nicht kleiner. Es macht ihn menschlicher. Und näher.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

[¹] Markus-Evangelium, Kapitel 11, Verse 12-14.20

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