"Seid schnell bereit, jemandem zuzuhören. Überlegt genau, bevor ihr selbst redet", rät die Bibel. Gelegenheit dazu gibt der weltweite Zuhör-Tag.
Sendetext:
Da sitzen sie an einem Samstag im Juli auf dem Platz der Alten Synagoge vor dem Theater Dortmund. 100 Personen je zu zweit an kleinen Tischen. Und sie reden. Oder vielmehr: hören zu. Eineinhalb Stunden lang. Denn auch wenn die Aktion heißt "Das Ruhrgebiet spricht", so ist das Zuhören hier das Thema. Das passt doch zum heutigen Welt-Zuhör-Tag.
"Das Ruhrgebiet spricht" ist eine Initiative von vier evangelischen Stadtkirchen – Bochum, Dortmund, Duisburg und Essen. Vorbild ist das erfolgreiche Format "Deutschland spricht" der ZEIT Verlagsgruppe. Menschen, die ganz unterschiedliche Meinungen haben, kommen zu einem offenen Gespräch zusammen. Am Ende muss ich die Meinung des anderen nicht gutheißen. Aber vielleicht verstehe ich besser, warum er sie vertritt.
Eine Initiatorin der Aktion, Stadtkirchenpfarrerin Susanne Karmeier, sagt: "Beim Zuhören geht es ja um innere Gastfreundschaft. Ich gebe einem anderen, den ich gar nicht kenne, einen Raum. Es geht nicht darum, jemanden zu überzeugen oder klug zu argumentieren. Sondern ums Erzählen und Zuhören. Ein Gespräch ohne Druck. Dann kriege ich mit: Da hat eine eine andere Sicht auf die Dinge als ich. Und sie ist mir vielleicht trotzdem sympathisch. Wir haben sogar was gemeinsam."
Susanne Karmeier beschreibt auch eine andere Erfahrung: "Oder: Was mich irritiert, kann ich aushalten. Ich muss nicht immer gleich darauf reagieren. Ich nehm‘ das erstmal nur wahr. Und gebe im Gegenzug der anderen Person Anteil an meiner Welt und meiner Sicht der Dinge." Kann das klappen?, frage ich mich. Ja. Schon zweimal hat "Das Ruhrgebiet spricht" stattgefunden.
Praktisch läuft das so: Bei der Anmeldung im Internet beantworte ich ein paar Fragen über meine Meinung zu aktuellen, lebensrelevanten oder politischen Themen. Zum Beispiel: Fühlst du dich im Ruhrgebiet sicher? Sollten Kinder unter 14 Jahren Zugang zu Social Media haben? Beeinflusst der Klimawandel deine Entscheidungen im Alltag? Wird Künstliche Intelligenz unser Leben verbessern? Aufgrund meiner Antworten wird jemand gesucht, der andere Ansichten hat als ich.
Manche haben all ihren Mut zusammengenommen, um teilzunehmen – weil sie sonst nicht so gern mit fremden Menschen sprechen. Anderen macht genau das Spaß. Sie suchen nach einem kontroversen Austausch. Viele haben nach eineinhalb Stunden weitergesprochen, sind noch gemeinsam in ein Café gegangen, haben sogar Kontakt gehalten danach.
Pfarrerin Susanne Karmeier sagt: "Das Projekt zeigt: Es ist möglich, dass wir uns verständigen. Da kommen 100 Welten zusammen, und die gehen nach dem Gespräch verändert weiter und beeinflussen wieder weitere Welten. Wir öffnen uns füreinander. Und bilden ein Netzwerk im ganzen Ruhrgebiet. Miteinander reden", so Susanne Karmeier, "macht Demokratie aus."
Die Aktion ist ein Hoffnungszeichen in sich: Menschen öffnen sich füreinander. Es ist möglich, trotz konträrer Meinungen etwas zu finden, was einander verbindet. Es ist möglich, die Blase der Gleichgesinnten zu verlassen und mit jemandem face to face, von Angesicht zu Angesicht zu reden, mit dem oder der ich sonst nichts zu tun hätte.
In der Bibel steht: "Jeder Mensch soll schnell bereit sein zuzuhören. Aber er soll sich Zeit lassen, bevor er selbst etwas sagt oder gar in Zorn gerät." (Jakobus 1,19, BasisBibel, © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)
In einer anderen Bibelübersetzung klingt das so: "Seid sofort bereit, jemandem zuzuhören; aber überlegt genau, bevor ihr selbst redet. Und hütet euch vor unbeherrschtem Zorn!" (Jakobus 1,19, Hoffnung für alle)
Das nehme ich mir zu Herzen. Nicht nur für die Aktion "Das Ruhrgebiet spricht". Auch für die Gespräche, die ich heute haben werde: mehr zuhören als selber reden. Erst überlegen, bevor ich etwas im Zorn sage. Und nicht schon alles vorher wissen, sondern mich überraschen lassen.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
https://dasruhrgebietspricht.de/
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