Gemeinfrei via Fundus/ Lutz Neumeier
Frieden und Gerechtigkeit brauchen einander
Nie wieder Krieg!
05.05.2026 06:35

In dieser Woche gedenken unsere europäischen Nachbarn des Kriegsendes vor 81 Jahren. Haben wir die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg wirklich gezogen? Friede und Gerechtigkeit gehören zusammen, sagt dazu die Bibel.

Sendetext:

"Friede und Gerechtigkeit werden einander küssen." [¹] Das ist ein schönes, poetisches Bild. Es rührt mich an, weil es eine tiefe Sehnsucht beschreibt – meine eigene und die vieler anderer. Aber es ist nicht nur schön: Es enthält auch eine wichtige politische Weisheit. Die lautet: Nur gemeinsam werden die beiden etwas, Frieden und Gerechtigkeit. Eines ohne das andere trägt nicht weit.

Davon scheint sich die Realität jedoch gerade zu entfernen. Derzeit liegen eher Macht und Krieg einander in den Armen. Aber das muss nicht so bleiben. Frieden und Gerechtigkeit, die einander küssen – dieses Bild findet sich mehrfach in der Bibel. Verbunden ist es jeweils mit der Zusage: Mit Gottes Hilfe wird es geschehen. Das lässt hoffen.

In dieser Woche gedenken unsere europäischen Nachbarn ihrer Opfer im Zweiten Weltkrieg, und sie feiern ihre Befreiung vom nationalsozialistischen Deutschland. Den Anfang machten gestern die Niederlande. Heute ist Österreich dran, am Freitag Frankreich, am Samstag Russland und viele andere. Am 8. Mai 1945 kapitulierte das besiegte Deutschland. Zuvor hatte es unendlich viel Unrecht, Elend, Leid, Massenmord und Tod gebracht – über seine Nachbarn und über sich selbst.

Das ist nun 81 Jahre her. Bis vor kurzem hätte ich gedacht: Das ist kein dringendes Thema mehr. Die Lehren wurden doch gezogen. Keine Angriffskriege mehr, nie wieder Krieg – dafür wurden die Vereinten Nationen gegründet, das Völkerrecht vereinbart. Recht sollte gelten statt Macht. Dazu sagte der britische Premierminister Winston Churchill: "Die Vereinten Nationen wurden nicht gegründet, um uns den Himmel zu bringen, sondern um uns vor der Hölle zu bewahren." Die Ansprüche an die UNO waren also gar nicht so hoch. Aber sie bedeuteten die Chance auf eine wirkliche neue Art des Miteinanders.

Mit diesem Ziel wurde heute vor 77 Jahren zudem der Europarat gegründet, aus dem später die Europäische Union hervorging. Das Prinzip lautete überall: Partnerschaft ersetzt Konkurrenz. Es hat viel Gutes bewirkt.

Aber zur Wahrheit gehört auch: Die Mächtigen haben sich darauf nie ganz eingelassen. Die Großmächte beanspruchten Einflusszonen. Sie schränkten die Souveränität anderer ein, wann immer es ihnen passte. In der DDR spürte man das deutlich. In der Bundesrepublik weniger – da hatten sich viele so eng an ihre Schutzmacht geschmiegt, dass sie deren Vormacht gar nicht so richtig wahrnahmen. Jetzt setzt diese Macht ihre Stärke unverhohlen ein – auch gegen Deutschland und Europa. Was viele Länder der Welt längst kennen, spüren nun alle.

Die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg sind zum großen Teil verpufft. Leider. Nicht alle waren bereit, sich dem Recht unterzuordnen. Gerechtigkeit und Frieden fanden nur zu einem flüchtigen Bruderkuss zusammen. Nicht innig, nicht von Dauer. Noch nicht.

Dennoch bleibt das biblische Bild für mich wirksam. Es nährt meine Hoffnung. Und es schärft meinen Blick dafür, dass sich die beiden oftmals doch schon nahe sind. Viele Länder halten sich ans Völkerrecht und fordern das von anderen ein. Die Vereinten Nationen können Kriege kaum stoppen – aber sie können etwas tun. Ihre Hilfswerke lindern täglich Not. Diese Arbeit ist mehr wert, als oft gesehen wird.

"Friede und Gerechtigkeit werden einander küssen." Das ist nicht nur ein Hoffnungsbild. Es ist auch ein Auftrag. Denn so schön es ist, wenn zwei sich lieben – für immer können sie nicht beieinanderliegen. Irgendwann müssen sie aufstehen und einen Alltag daraus machen. Der fällt nicht vom Himmel. Den muss man sich täglich neu erarbeiten – im persönlichen wie im politischen Leben.

Der Weg vom Konflikt zur Lösung, vom Gegeneinander zum Miteinander, folgt überall ähnlichen Schritten: Es beginnt damit, einander zuzuhören und miteinander zu reden. So entsteht Respekt, und aus Respekt kann Vertrauen wachsen. Dafür braucht es viele Menschen, die mitmachen.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

[¹] Psalm 85,11

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