Er hatte eine Abneigung gegen fromme Floskeln und fand wunderschöne Worte dafür, wie die Welt mit den Augen des Glaubens aussehen kann. Am 4. Dezember 1875 wurde Rainer Maria Rilke geboren.
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Schon in jungen Jahren hatte er eine Abneigung gegen fromme Floskeln. Aber zugleich ahnte er: Hinter ihnen verbirgt sich etwas wirklich Wichtiges. Das wollte er ergründen. Auf seine Art: mit Versen. Denn er war Dichter, einer der bekanntesten im deutschen Sprachraum. Ich spreche von Rainer Maria Rilke. Heute vor 150 Jahren erblickte er das Licht der Welt, am 4. Dezember 1875. Hineingeboren wurde er in eine Zeit voller Durcheinander. Kriege drohten und kamen. Die Arbeit wurde industriell. Die Städte wurden groß und anonym. Der Himmel düster vom Rauch aus den Schloten.
All das hat Rilke intensiv miterlebt und mitgemacht. Er führte ein unstetes Leben mit vielen Liebschaften und wenigen Ruhephasen. Ein Freigeist, befreundet mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche und anderen kritischen Denkern seiner Zeit. Sie erkundeten auf neuen Wegen das Leben und auch Gott.
Über Gott dachte Rilke größer und weiter, als es in den christlichen Kirchen damals üblich war. Aber natürlich waren ihm die christlichen Bilder von Gott vertraut. Dazu zählt der nahbare Gott, der menschgewordene. Gott, der sich im Mitmenschen zeigt und praktische Nächstenliebe einfordert. Darauf macht sich Rilke seinen eigenen Reim. Diesen:
"Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe,
so ist's, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah."
Rilke stellt hier Gott als einen Herrn da, der wohl alleinstehend ist. Ein Nachbar kümmert sich um ihn, macht sich Sorgen: Ob Gott alleine zurechtkommt? Rilke stellt hier ganz selbstbewusst die christliche Logik auf den Kopf. Gott erscheint nicht als der große Kümmerer für die Menschen. Gott braucht selber Fürsorge. Der Mensch hat das Heft des Handelns in der Hand - Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins in Rilkes Zeit. Da schwingt viel Ironie mit. Dennoch höre ich auch ein Loblied auf die Nächstenliebe, auf die Diakonie, die christliche Haltung des gegenseitigen Kümmerns.
Doch Rilke interessiert sich nicht nur für die sozialen Aspekte des christlichen Glaubens. Er begibt sich auch in dessen geistliche Tiefe. Das ist höchst anspruchsvoll. Denn dort kommt man sogar als begabter Poet an seine Grenzen. Man ringt um Worte, die das Geheimnis des Glaubens zumindest erahnen lassen.
Für Glaubende ist der Himmel nicht nur Tag-blau oder Nacht-schwarz. Sie erahnen im Himmel vielmehr etwas von der Unendlichkeit Gottes. Für Glaubende ist eine winterliche Landschaft nicht nur von einer weißen Schneedecke überzogen. Sie erkennen darin eine flüchtige Traumwelt voller Unschuld, Reinheit und Sehnsucht. Dafür findet der Dichter Rilke diese Worte:
"Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Diamantenstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut."
So nähert sich Rilke nicht nur dem Zauber der langen Winternächte an. Sondern auch dem Geheimnis des Weihnachtsglaubens. Winter und Weihnachten – beide setzen für Rilke ein Zeichen der Hoffnung: Die Welt möge doch das Zeug dazu haben, einfach schön zu sein oder zumindest zu werden. Die Menschen mögen sich doch darauf besinnen, dass ihr Wesenskern die Liebe ist. Diese Hoffnung gehört auch für mich zu dem Glauben, der leise seine Wunder tut.
Es gilt das gesprochene Wort.
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