Unsere Autorin ist keine gute Smalltalkerin. Trotzdem ist sie nach den kleinen Gesprächen an der Kasse oder am Glascontainer besser gelaunt. Wie kommt das?
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Als ich klein war, habe ich mit meinen Geschwistern ziemlich oft die gleiche Sache gespielt: erwachsen sein. Mal im Kaufladen, mal in der Puppenküche, mal im Bad bei den Frisiersachen. Was hatten wir einen Spaß daran:
"Guten Morgen, Frau Blocksberg"
"Guten Morgen, Herr Friseur."
"Wie geht es Ihnen?"
"Oh, sehr gut. Und wie geht es Ihnen?"
"Ganz wunderbar. Meine Frau hat gestern den Nobelpreis gewonnen, deshalb macht mein Friseurladen heute früher zu. Was kann ich für Sie tun?"
"Ich hätte gern eine Dauerwelle. Wie viel kostet das?"
So oder ähnlich klangen unsere Dialoge.
Das, was früher ein schönes Spiel war, ist heute mein Alltag: erwachsen sein. Einkaufen im Supermarkt, Brötchen vom Bäcker holen, Glasmüll entsorgen, einen Kaffee bestellen, ein Paket aufgeben. Nur beim Friseur bin ich fast nie, das macht meine Schwester. Sie hat ja Übung. Und obwohl sie noch keinen Nobelpreis gewonnen hat, macht sie das ganz ordentlich.
Unsere Dialoge, wenn sie mir die Haare schneidet, sind mir die liebsten. Denn da muss ich nicht viel denken. Ich bin ja bei meiner Schwester. Wir können ganz ungezwungen über alles reden oder ganz ungezwungen über nichts schweigen.
Viele andere Alltags-Dialoge hingegen sind manchmal anstrengend. Uff, da ist bei der Post wieder der Typ, der so viel redet, da hab‘ ich grade gar keine Lust drauf. Und wenn ich beim Bäcker nach Hafermilch frage, ernte ich bestimmt wieder ein genervtes Augenrollen. Am Glasmüll-Container steht schon wieder die Obdachlose, die alle anquatscht. Und richtig ungeduldig werde ich, wenn im Supermarkt die Kassiererin und der Kunde vor mir ins Plaudern kommen.
An müden Tagen drücke ich mich vor solchen Smalltalk-Situationen. Bring das Paket zu einer Paketstation. Hol mir den Kaffee vom Automaten. Tu so, als würde ich die Frau am Glascontainer nicht hören. Und stell mich an der Selbst-Check-Out-Kasse an. Die hat sich noch nie mit irgendwem verquatscht.
Ich bin nicht besonders gut im Small Talk. Das muss man können: nicht zu ausschweifend, nicht zu kurz angebunden. Nicht zu persönlich, aber nur das Wetter ist auch wieder zu wenig. Aber auch wenn ich keine gute Smalltalkerin bin, ist das Verrückte: Ich bin nach solchen Gesprächen fast immer besser gelaunt als vorher.
Wie kann so ein Wie-ist-das-Wetter-wie-geht’s-der-Tochter-Gespräch positive Auswirkungen auf meine Stimmung haben? Irgendwas passiert da in den kleinen Spalten des Gesprächs.
"Resonanz" nennt dieses Phänomen der Soziologe Hartmut Rosa. Übersetzt etwa "Wiederklang". Wenn zwei Leute sich unterhalten, dann bringen sie im anderen etwas zum Klingen. Die Bäckerin setzt mit ihrer Begrüßung einen Grundton. Freundlich oder gestresst zum Beispiel. Und ich nehme diesen Ton auf und antworte passend. Ich klinge mit. Wir sind Wiederklang füreinander. In ihren Sätzen klingen meine Aussagen nach. In meinen Aussagen schwingen ihre Sätze weiter. (1)
"Resonanz" nennt es der Soziologe. Die Bibel findet ein Bild aus der Natur dafür. Da sagt Gott: "[Mein Wort] wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen." Sondern wie Regen und Schnee bewirkt es etwas. Es befeuchtet die Erde und macht sie fruchtbar. Die Welt in Resonanz mit Gott.
Nur, wer so gar nicht mitklingt, das ist die Paketstation und der Kaffeeautomat und die Selbst-Check-Out-Kasse. Da funktioniert alles nur. Komplett vorhersehbar, aber ohne Resonanz. Wobei zumindest diese Paketstation an der Ampel vorne bei mir etwas zum Klingen bringt: Genervtheit. Die ist nämlich immer schon voll. Doch mein genervter, halblauter Fluch prallt an der glatten Benutzeroberfläche ab, Resonanz: gleich null. Kalt und abweisend steht die Paketstation da, und ich fühle mich alleiner als allein.
Und dann gehe ich plötzlich richtig gern zur Post. Hoffentlich ist der Typ da, der immer so viel redet. Mit dem kann man gut über unfähige Paketstationen schimpfen. Und außerdem, wer weiß: Vielleicht erfahre ich bei der Gelegenheit ja auch, wer dieses Jahr den Nobelpreis gewinnen wird.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur dieser Sendung:
- Vgl. Hartmut Rosa, Unverfügbar
- Jesaja 55,10