Was hilft, wenn es keinen Trost gibt und die Situation nur schrecklich ist? Albi Roebke ist Notfallseelsorger. Wenn die Polizei eine Todesnachricht überbringt, ist er dabei.
Sendetext:
O-Ton 01: Für mich ist dieses, wie kräftig Leute sind, also was Menschen aushalten, ist immer noch ein Wunder zu erleben. Also ich erlebe Leute, die durch Situationen durchkommen, mit Narben, mit Wunden, aber die kommen durch. Wo ich sagen würde, ich würde das nicht schaffen.
Autor: Sagt Albi Roebke. Er ist seit 25 Jahren Notfallseelsorger. Wenn etwa die Polizei eine Todesnachricht überbringt, ist er dabei. Er bleibt, hört zu, unterstützt Angehörige, deren Leben gerade völlig aus den Fugen gerät.
O-Ton 02: Ganz für mich, das würd‘ ich den Leuten nie sagen, aber ganz für mich ist Notfallseelsorge einer der wenigen Orte, wo Gott uns erlaubt, bei seinen Wundern über die Schulter zu gucken.
Autor: Denn eigentlich ist das ja gar nicht auszuhalten. Wenn die Frau nicht mehr nach Hause kommt wie immer. Wenn das Kind plötzlich tot ist. Wenn der Vater sich das Leben genommen hat. Ein Schock. Früher waren Angehörige dann allein. Denn irgendwann muss die Polizei wieder gehen. Heute gibt es die Notfallseelsorge. Erste Hilfe für die Seele. Ein Pfarrer, eine Pfarrerin, eine Ehrenamtliche, die besonders geschult sind. Und manchmal ist dieses Wunder zu beobachten. Dass Menschen Kraft finden in der Krise.
Albi Roebke leitet und koordiniert die Notfallseelsorge in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis. Ich frage mich: Wenn etwas wirklich Schlimmes passiert ist, wenn es im Grunde keinen Trost gibt, was hilft dann eigentlich?
O-Ton 03: Es gibt tatsächlich in der Psychologie ja sogar ein Fremdwort dafür. Das ist Eigenmächtigkeit. Weil diese plötzlich auftretende Katastrophe, das führt dazu, dass im ersten Moment eigentlich dieses Vertrauen in die Welt beschädigt wird. Dieses: Wenn ich mich nicht darauf verlassen kann, dass meine Frau lebend nach Hause kommt, worauf kann ich mich überhaupt noch verlassen?
Autor: Dann helfen schon die kleinsten Kleinigkeiten, über die der Betroffene entscheiden kann und die dann auch wirklich eintreten. Das klingt vielleicht banal, ist aber ein erster Schritt. Zum Beispiel die Frage vom Notfallseelsorger: Möchten Sie etwas trinken?
O-Ton 04: Meine Intention ist nicht zu sagen: Trink besser, ja, sondern: Du kannst nicht entscheiden, ob deine Frau lebend nach Hause kommt oder nicht. Ob du jetzt was trinken möchtest, das ist deine Entscheidung. Das ist so der erste Schritt. Aha. Ich habe irgendein My in meinem Leben unter Kontrolle. Oder spazieren gehen. Du kannst aus der ganzen Situation nicht raus. Aber ob wir beide jetzt spazieren gehen oder nicht, ist deine Entscheidung.
Autor: Selbst entscheiden, Kontrolle gewinnen. Ich lerne, das sind erste wichtige Schritte, die aus dem Schock herausführen. Albi Roebke erlebt oft, wie sich dann etwas verändert, schon in den ersten Minuten danach. Als Notfallseelsorger kann er etwas ganz Bestimmtes zur Verfügung stellen, weil er kein Nachbar oder Freund ist, sondern von außen dazu kommt.
Aber auch Familie, Kolleginnen und Kollegen oder Nachbarn können helfen, wenn ein Notfall eintritt, ein Unfall, ein plötzlicher Tod. Albi Roebke rät dazu, auf Menschen zuzugehen, einen kurzen Kontakt zu suchen, am besten persönlich vor der Haustür. Nach seiner Erfahrung kommt es darauf an ...
O-Ton 06: … echt zu bleiben, also nicht zu versuchen, irgendwas Tröstliches zu sagen. Es gibt keinen Trost. Sondern zu sagen: Ich habe gehört, was passiert ist. Ganz schrecklich. Punkt. Nichts mehr weiter drauf. Und dann einen Vorschlag zu machen.
Autor: Zum Beispiel in den ersten Tagen mittags ein Essen vorbeizubringen und kurz zu fragen: Soll ich reinkommen? Zugleich weiß der Notfallseelsorger, wie wichtig im Laufe der Zeit die engen Freunde sind:
O-Ton 07: Das wird ein Marathon und kein Sprint. Und ich sage den engeren Freunden: Spart euch die Kraft! Ja, weil in drei Monaten gehen die anderen weg und müssen das auch tun. Und dann haltet euch lieber am Anfang zurück und spart euch die Kraft für in drei Monaten.
Autor: Ist jemand wie Albi Roebke wohl immer noch nervös unmittelbar vor einem Einsatz? Oder wächst da so etwas wie Routine?
O-Ton 08: Das Stressigste an dem Job finde ich eigentlich, dass man ja nur eine Adresse hat und grob, was passiert ist. Und das führt für mich immer schon zu einer ganz großen Konzentration, sozusagen in den ersten Sekunden viel wahrzunehmen, um zu checken, wo bin ich, in welchem Umfeld. Ich habe aber für mich auch den Anspruch, dass ich immer nervös bleibe, weil ich einem sehr verwundeten Menschen gegenübertrete. Und ich glaube, ich würde sofort aufhören, wenn ich merke, ich mache das hier routiniert.
Es gilt das gesprochene Wort.
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