Hochzeit – mal nicht Hochglanz, denn das Paar hat es nicht so dicke. Also tragen die Gäste zum Buffet bei. Was passiert, wenn es erst knapp ist und am Ende alle bereichert sind.
Sendetext:
Was für ein Fest! Das Brautpaar hat für wenig Geld den großen Saal der Kirchengemeinde angemietet. Dahinter liegt eine Wiese mit Sandkasten und Spielgeräten für die Kinder, Lampions sind aufgehängt, ein Lagerfeuer vorbereitet. Nach und nach kommen die Gäste herein, und jeder bringt etwas mit fürs Buffet. Eine große Schüssel Salat, eine Platte mit Vorspeisen, Baguette und Käse, selbstgemachtes Tiramisu und anderes mehr.
Das habe ich lange nicht mehr erlebt. Hochzeiten sind heute Events geworden, die viele tausend Euro kosten mit professionellem Catering, Kamerateam und DJ. Bei meiner alten Studienfreundin ist es anders. Sie heiratet zum zweiten Mal. Auf der Einladungskarte wird schnell klar: Hier werden die Gäste beteiligt - beim Programm und beim Buffet. Die meisten hier wissen auch, die beiden, die hier heiraten, haben’s nicht so dicke. Das ist ihre Lösung: Nicht wir geben viel aus, sondern alle bringen etwas mit. Es wird ein tolles Fest.
Was es dafür gebraucht hat, war eigentlich nur ein wenig Gemeinsinn. Nicht nur an sich denken, sondern solidarisch sein und etwas beitragen. Das gehört zum Menschsein. Wir Menschen haben einen sechsten, sozialen Sinn. Allerdings: Je nach dem, in welche Kultur man hineingeboren wird und welche Werte in einer Gesellschaft gelten, kann dieser Gemeinsinn sich entwickeln oder auch verkümmern. Ich bin erst mal froh, dass er in jedem Fall in uns schlummert.
Die amerikanische Anthropologin Margaret Mead wurde einmal gefragt, welcher Fund wohl das früheste Zeichen menschlicher Zivilisation ist. Ein Knochen, der verheilt ist, war ihre Antwort. Wenn sich ein Tier etwas bricht, Schmerzen hat und nicht mehr richtig laufen kann, sind seine Überlebenschancen gleich null. Es dauert Wochen, bis so ein Bruch zusammenwächst und verheilt. In dieser Zeit kann das Tier nicht mehr jagen. Es kommt auch schwer zur nächsten Wasserquelle. Es wird verhungern, verdursten oder anderen Tieren zum Opfer fallen.
Knochenfunde, die zeigen, dass ein Mensch mit einem gebrochenen Oberschenkelknochen überlebt hat, sprechen dafür: Jemand hat sich um diesen Menschen gekümmert. Jemand hat ihm zu essen und zu trinken gegeben, ist bei ihm geblieben und hat ihm die Möglichkeit gegeben, gesund zu werden. Die ersten Anzeichen menschlicher Zivilisation sind keine Werkzeuge oder Waffen, sondern die Fähigkeit, sich um andere zu kümmern. Wir Menschen haben diesen sechsten Sinn, den Gemeinsinn.
Dass wir daneben auch die Angst haben, zu kurz zu kommen, und oft zuerst an uns denken, zeigt die biblische Geschichte von der sogenannten Speisung der 5000. Jesus ist den ganzen Tag mit seinen Anhängern unterwegs. Viele Menschen folgen ihm, er hört ihnen zu, redet mit ihnen. Immer mehr schließen sich an. Bis zum Abend ist es eine unübersehbare Menge geworden.
Seine Freundinnen und Freunde um ihn herum machen sich Sorgen. "Es ist spät geworden, die Menschen wollen essen, wir haben auch schon Hunger. Aber für so viele können wir jetzt kein Brot mehr kaufen. Besser, du schickst sie weg." Jesus erkundigt sich erst mal: "Was haben wir denn?" "Fünf Brote und zwei Fische, das ist alles." Er überlegt. Dann bittet er seine Freunde: "Lasst die Leute sich lagern, in Gruppen. Und dann teilt, was wir haben."
Was dann geschehen ist, wird nicht mehr erzählt. Ich vermute, dieser Impuls, dass eine Gruppe anfängt zu teilen, hat etwas ausgelöst. Wahrscheinlich haben dann plötzlich alle geteilt, was sie an dem Tag dabei hatten. Erzählt ist nur das Ergebnis: Am Ende blieben noch zwölf Körbe übrig. (Markus 14,30-44).
So war’s auch auf der Hochzeit meiner alten Freundin. Am Ende konnten alle noch etwas mitnehmen von den Resten. Gemeinsinn. Wie gut, dass wir Menschen diesen sechsten Sinn haben.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
(angeregt durch: Assmann Aleida/Jan: Gemeinsinn. Der sechste, soziale Sinn, München 2025.)
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