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Wann hat das angefangen, dieses Gefühl in der Gesellschaft: Wir sind die Guten und die anderen da sind die Bösen?
Wir und die
Gedanken am Buß- und Bettag
19.11.2025 06:35

Wann hat das angefangen, dieses Gefühl in der Gesellschaft: Wir sind die Guten und die anderen da sind die Bösen?

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Wann hat das eigentlich angefangen? Dieses Gefühl: Wir sind die Guten und die da sind die Bösen? Dass viele Menschen sich so einrichten in ihrer Bubble: "Wir denken doch alle ähnlich, aber die anderen da, die verstehen es nicht." Spaltung der Gesellschaft nennt man das. Plötzlich ist der eine ein Nazi, obwohl er sich gar nicht so sieht, und die andere eine Linksradikale, obwohl sie nur aus dem Grundgesetz zitiert.

Was läuft da schief? Kommen wir nochmal zusammen? Darüber denke ich nach heute am Buß- und Bettag, wo es doch darum geht, mal innezuhalten und zu überlegen, wo wir auf einem falschen Weg sind.

Eine Freundin erzählt von ihrem Nachbarn, ein junger Mann um die 30, nennen wir ihn Nils und meine Freundin Laura. Der hat neulich bei einem Fest offen gesagt, dass er beim letzten Mal die Partei gewählt hat, die laut Verfassungsschutz rechtsextrem ist. Also nicht bloß rechte Positionen vertritt, sondern rechtsextrem ist, das Grundgesetz in Frage stellt und die Demokratie selbst.

Laura hat sich immer gut mit Nils verstanden. Erst ist sie erschrocken. Aber dann hat sie gedacht: Das ist jetzt mal eine Chance. Ich will das verstehen, ich will ihn verstehen. Also hat sie nachgefragt. Leider hat Nils gleich wieder zugemacht. "Warum soll ich mich rechtfertigen? Ich bin halt rechts und du bist links." Als ginge es um Brotsorten. Roggen oder Kürbiskern. Aber es geht um mehr, oder?

"Ich bin halt rechts." Das ist, finde ich, tatsächlich kein Problem. Wenn klar ist, was gemeint ist. Für die einen heißt das: Ordnung, Heimat, Tradition. Nichts dagegen, solche Heimatliebe macht ein angenehmes, heimeliges Gefühl. Dazu politische Positionen, die als konservativ gelten, und alles ist gut.

Für andere aber bedeutet rechts sein, andere auszuschließen und schlecht zu machen. Weil sie anders aussehen, anders glauben oder anders lieben. Das ist keine Heimatliebe mehr, sondern Verachtung für alle, die angeblich nicht dazugehören. Und man weiß nie so genau, ob man nicht selbst irgendwann zu denen gehört, die verachtet werden.

Für mich als Christ geht es selten um rechts oder links, sondern darum, ob jemand die anderen respektiert. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Würde jedes Menschen. Das ist der Artikel 1 des Grundgesetzes. Ich verbinde das mit meinem Glauben, dass Gott jeden Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat.

Schon zu biblischen Zeiten war es wichtig, sich auf bestimmte Grundwerte zu einigen. Regeln, die für alle gelten. Als das Volk Gottes etwa nach Krieg und Exil seine Heimat wiederaufbauen darf, gibt es viel Streit: Soll man zuerst den Tempel und Stadtmauern wiedererrichten? Oder braucht es zuerst mal einen Schuldenerlass und eine Bodenreform, damit alle leben können? Darüber wurde heftig debattiert. Aber die Zehn Gebote, die galten für alle. Nicht töten, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis ablegen vor Gericht … all diese Gebote sagen im Grunde das Eine: Achte das Leben und die Freiheit des anderen! Das ist die Basis.

Dass uns heute das Grundgesetz eint, die Haltung, dass die Würde jedes einzelnen Menschen unantastbar ist, das wünsche ich mir.

Wir sind die Guten und die sind die Bösen? Wo soll das enden? Demokratie funktioniert nur, wenn alle dazugehören. Wenn alle das Gefühl haben: Ich kann mitbestimmen und ich werde gebraucht.

Soziologische Studien zeigen übrigens, dass unser Land gar nicht so gespalten ist, wie viele denken. Die breite Mitte der Gesellschaft ist sich in vielen Fragen erstaunlich einig. Was wir brauchen, sind weiterhin Menschen, die sich Gedanken machen. Die Nachrichten hören, Zeitung lesen, mit Herzblut diskutieren, ihre Meinung überdenken, wo andere schon alles zu wissen glauben. Die sich nicht zurückziehen, sondern weiter mitreden und mittun.

Ich weiß nicht, wie der Kontakt zwischen Nils und Laura weiterging. Ob sie noch einmal gesprochen haben bei einem Kaffee unter vier Augen. Einander zugehört haben.

Kommen wir nochmal zusammen als Gesellschaft? Nicht "wir" und "die", sondern einfach "wir"? Das wäre gut.  

Es gilt das gesprochene Wort.

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