Gemeinfrei via Fundus/ Katharina Pfuhl
Aufhören zu denken ist der Anfang der Kreativität, sagt ein Maler zu unserer Autorin. Was für ein Denken meint er? Und wie hört man damit auf?
Odem
Woher bekomme ich Inspiration?
10.02.2026 06:35

Aufhören zu denken ist der Anfang der Kreativität, sagt ein Maler zu unserer Autorin. Was für ein Denken meint er? Und wie hört man damit auf?

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"Ich habe vor zwölf Jahren aufgehört zu denken!" Dieser eindrucksvolle Satz stammt leider nicht von mir. Ein Maler, neben dem ich mal gewohnt habe, hat ihn gesagt. "Ich habe vor zwölf Jahren aufgehört zu denken!" Obwohl ich schon lange nicht mehr da wohne und der Maler schon gestorben ist, denk ich noch oft an ihn. Weiße, wirre Haare, ein dicker Schnäuzer und ein glucksendes Lachen, wenn ihm ein Witz gelungen ist. Ich habe mich oft und gerne mit ihm unterhalten. Er war uneitel, belesen und ein ganz eigener Typ.

Ich sehe uns noch in seinem Hinterhofatelier. An den Wänden stehen großformatige Ölgemälde, auf dem Tisch stapeln sich Aquarelle. Er zeigt mir ein Aquarell nach dem andern, erklärt Motive, weist auf Veränderungen hin. Mitten hinein in unsere Betrachtungen fällt der Satz: "Ich habe vor zwölf Jahren aufgehört zu denken!" Wir lachen herzhaft.

Allein die Vorstellung, seit zwölf Jahren nicht mehr zu denken, ist grandios. Kein Gedanke mehr an ermüdende Termine. Kein Grübeln mehr über die eigene Unvollkommenheit. Mein Maler erklärt: Wer kreativ sein will, der darf nicht denken. Da muss es frisch drauflosgehen, gerade bei den Aquarellen: die Farben drauf, nur keine Angst ... jetzt kommt die Tusche, dann nimmt es Gestalt an: Ein Haus am grünen Himmel. Schweine und Katzen auf violetten Pfaden.

Das kann nur entstehen, wenn man aufhört zu denken. Wenn man sich hingibt, sich einfach lotsen lässt von – ja, von wem eigentlich? Dem Gefühl? Dem Flow? Dem schöpferischen Chaos? Christlich gesprochen wäre das vielleicht der Heilige Geist. Die Luft, der Odem, die Inspiration. Lebensnotwendig, aber man kann nicht darüber verfügen.

Wenn ich überlege, wie oft ich im Alltag und bei der Arbeit ein Männchen in meinem Kopf sitzt, das mir einflüstert: "Das kannst du so nicht machen! Mach’s so, wie’s schon immer war. Sonst gibt’s bestimmt Ärger!" Und dann fange ich an zu denken und zu denken und nachzudenken. Das Männchen in meinem Kopf reibt sich die Hände, denn jetzt kommt noch die Angst hinzu: Irgendjemand könnte sich aufregen, weil etwas anders ist. Irgendjemand könnte irritiert sein. Irgendjemand könnte mich nicht mehr mögen... Wenn es so anfängt, fange ich gar nichts an und die ganze schöne Idee schnurrt zusammen wie ein Ballon, dem die Luft ausgeht.

Mir hilft dann dieses uralte Wort: Odem. Wie schön schon beim Aussprechen die Luft durch den Mund strömt. Odem. Das ist die Lebensenergie, die Gott dem Menschen einhaucht. Ohne Odem kein Leben. So fängt alles an, ganz am Anfang, als die Welt noch ein weißes Blatt war, das kreativ bearbeitet werden will.

Es gilt das gesprochene Wort.

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