Gemeinfrei via Fundus/ Ralf Krein
In Berlin ist Fashion Week. Unsere Autorin liebt Kleider. Sie prüft die biblische Garderobe und empfiehlt mehr Kleider der Freundlichkeit für den Alltag.
Fashion Week
Das Kleid der Freundlichkeit
31.01.2026 06:35

In Berlin ist Fashion Week. Unsere Autorin liebt Kleider. Sie prüft die biblische Garderobe und empfiehlt mehr Kleider der Freundlichkeit für den Alltag.

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Kamelhaarfell mit Gürtel. Ein Rock ohne Naht und am Stück gewebt. So überschaubar ist der biblische Kleiderschrank. Jedenfalls, was zwei der prominentesten Vertreter anbelangt: Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth. Der erste, Johannes, ernährte sich von Heuschrecken und Honig und predigte von der Endzeit. Der andere, Jesus, war als Wanderprediger unterwegs. Bescheiden, was Kleidung anbelangt.

Wir wissen insgesamt wenig darüber, was die Menschen damals trugen. Von Kleidung als Massenware für die breite Bevölkerung konnte keine Rede sein. Froh konnte sein, wer ein warmes Kleidungsstück für den Winter und etwas Leichtes für den Sommer besaß. Wohl auch deshalb haben die Soldaten unterm Kreuz Jesu um die Kleidung des Sterbenden gewürfelt – so erzählt es die Bibel. Vielleicht auch als eine Art Trophäe, vor allem aber, weil Kleidung kostbar war. Zu schade zum Wegwerfen.

Überquellende Container mit vollgestopften Kleidertüten, T-Shirts, die im Müll landen, Kleider, die nur einmal getragen im Schrank hängen oder auf Onlineplattformen vertickt werden, all das wäre damals undenkbar gewesen. Klar, Luxus in Sachen Kleidung gab es auch damals schon am Hofe König Salomos oder beim Einzug der Königin von Saba: wertvolle Stoffe, purpurfarben – nur das Beste und Teuerste für die Reichen und Schönen.

Meine Stadt Berlin gilt nicht als Mekka für Modebewusste. Da genügt eine Fahrt mit der U-Bahn, um das zu überprüfen. Doch jetzt gerade verwandelt sie sich in einen Laufsteg: Seit gestern läuft die Fashion Week in Berlin und wirbt mit Themen wie Freiheit, Inklusion und Kreativität.

Kleider sind Botschaft, sind Ausdruck, wer wir sind oder wer wir sein möchten, was Menschen denken und wofür sie einstehen. Kleider sind Schutz vor äußeren Faktoren – wie jetzt im Winter die Daunenjacke, Handschuhe und Mütze. Kleider sind Zeichen – gerade in der Arbeitswelt. Welches Amt jemand sprichwörtlich bekleidet, drückt sich nicht selten in dem aus, was er oder sie trägt.

Was das angeht, habe ich mir als Pfarrerin der evangelischen Kirche nicht gerade einen ausdrucksstarken Beruf gewählt. Der schwarze Talar, die Amtstracht für Pastorinnen und Pastoren, lässt die Figur genauso verschwinden wie Beine, Rocklänge oder Ausschnitt. Genau darum solle es auch gehen: Die Dienstkleidung soll schützen vor allem, was ablenkt. Soll auch den oder die schützen, der sie trägt. Ich ziehe quasi an, was meine Profession, was mein Beruf ist, schlüpfe hinein wie in eine zweite Haut. Das gibt mir Sicherheit und Souveränität wie der weiße Kittel der Ärztin oder dem Polizisten die Uniform. Wie sinnvoll so ein Kleiderwechsel ist, weiß jeder, der mal im Homeoffice im Pyjama an einem Online-Meeting teilgenommen hat.

Kleider unterstreichen eine Persönlichkeit. Da mag ich meine Stadt Berlin, die zwar oft abgeranzt und schmutzig ist, aber in einem doch unschlagbar: Jeder kann hier tragen, was er will – fast alles ist möglich!

Ums Unterstreichen der Persönlichkeit geht es auch dem Verfasser des Kolosserbriefs in der Bibel. Er schreibt von inneren Kleidern, die Gläubige anziehen sollen. Als jemand, die Kleider liebt, schätze ich diesen Text besonders: "So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern (…) Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit." (Kolosser 3,12 ff.)

Was für ein Text! Ich stehe vor dem Kleiderschrank und schlüpfe gedanklich rein in den Ärmel der Freundlichkeit, schnappe mir das Paar Handschuhe der Geduld und eine Mütze voll Sanftmut. Die kann man tatsächlich brauchen im ruppigen Berlin. Dazu noch ein Liebesschal – es ist Jesus-Fashion-Week: Die Welt trägt Liebe! Rauf auf den Laufsteg, Tickets für alle!

Es gilt das gesprochene Wort.

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