Druck von allen Seiten. Im Beruf. In der Gesellschaft. Politische Entwicklungen, die Angst machen. Ein Mann, der für Menschen mit Behinderung arbeitet, redet sich seine Sorgen von der Seele.
Sendetext:
Sein Handy klingelt. Er meldet sich. Jemand spricht, aber es klingt sehr dumpf. Und irgendwie von weit weg.
"Ich kann Sie nicht gut hören", sagt er. "Können Sie lauter sprechen oder an ein Fenster gehen?" "Fenster ist hier nicht", sagt er.
Komisch, denkt der Angerufene. Er ist Pfarrer im Ruhestand und hat schon etliche denkwürdige Anrufe gehabt. Dieser hier kommt spät am Abend.
"Er müsse mal mit jemandem reden", sagt der Mann am anderen Ende. Er klingt erschöpft. Ein tiefes Brummen ist in der Leitung. Wie der Anruf aus einem U-Boot.
"Ich höre", sagt der Pfarrer.
Er sei ziemlich am Ende, sagt der Anrufer. Er liebe seinen Job. Aber ein Konflikt habe ihn aus der Bahn geworfen. Jetzt sitze er im tiefen dunklen Loch und wisse nicht mehr weiter. "Nichts erscheint mir mehr logisch und gar nichts mehr hilfreich. Wo ich auch hinsehe, denke ich nur: Es hat doch eh keinen Zweck, das ist alles für die Katz." Niemand wolle Veränderung, alle hielten ängstlich fest, was sie haben. Wer weiß, wie lange noch.
Es sprudelt nur so aus ihm heraus.
Wer sich bewege, würde zurückgepfiffen. In die Zukunft schauen scheine für manche so unerträglich, als würde man sie über einen tiefen Brunnen halten und sagen: ‚Wenn du auch nur einmal atmest, lassen wir dich fallen.‘
Und all das passe so verheerend zur gesellschaftlichen Situation. Alle starren auf die Wahlumfragen wie das Kaninchen auf die Schlange. Der Druck ist spürbar für Leute in seinem Job. Er arbeitet in einer Einrichtung für diejenigen, die es eh schwer haben. Es sei trostlos.
Der Pfarrer hört zu. Er antwortet höchstens ein "Ich verstehe." Und vermutet den Anrufer im Raum der Diakonie. Er fragt: "Sie haben Angst?"
"Ja, ich habe Angst. Meiner Kollegin haben sie einen Reifen aufgestochen. Wir bekommen in unserer Einrichtung Drohbriefe und Mails. Noch anonym. Jede Debatte ist überhitzt, auch in unserem Team, es gibt kaum einen öffentlichen Raum, der taugen würde für gute Gespräche. Und die Radikalen hocken in den Hinterzimmern der Gaststätten und schmieden Pläne, wer am Tag X zu deportieren sei. Oder wenigstens zu malträtieren."
Längere Stille. Soll der Pfarrer nachfragen? Nicht nötig. Der Mann spricht weiter: "Ich habe so viel angezettelt, auf die Beine gestellt", fährt er fort. "Aber immer alleine. Immer aus dem guten Willen heraus. Ich brauche dafür keinen Dank, keinen roten Teppich. Neulich hat mir eine Frau ein Pfund Kaffee mitgebracht. Ich hab mich riesig gefreut, aber gesagt, dass dies gewiss nicht nötig sei. Für mich war es aber wie Gold."
Er erzählt von den Menschen mit Behinderung in seiner Einrichtung, die ihn tagtäglich motivieren. Und wenn er jetzt Paralympics gucke, wisse er, was aus Menschen werden kann, wenn sie nur ein bisschen gefördert werden. Ebenso bei den minderjährigen Geflüchteten. Die können doch was, sonst hätten sie es nie bis hierher geschafft. Sie brauchten nur ein Geländer.
"Aber ich kann gerade nicht mehr. Ich bin wie allein in einer Nussschale auf hoher See. Alle Nachrichten machen es schlimmer. Ist Solidarität etwas, was die Leute nie erfahren haben, so dass sie sie vergessen? Oder bewusst unterdrücken?"
Der Pfarrer atmet tief durch. Während der Anrufer weiterredet, schließt er seine Augen, hebt seine freie Hand zum Segen und sagt still für sich: "Gott segne dich, Gott hört dich, mein Junge. Er rette dich aus aller deiner Not. Er möge seine Hand über dir halten und dir den richtigen Weg zeigen."
Und sagt dann irgendwann laut: "Eine Auszeit ist gut. Gott schenkt viele Räume, in denen man gesund werden kann. Es gibt begabte Menschen, die helfen können, wenn man selber nicht mehr kann."
Nach über einer Stunde kommt das Gespräch an ein Ende. "Danke, dass Sie mir zugehört haben!", sagt der Mann. "Das bedeutet mir viel." Der Mann aus dem U-Boot ist vielleicht eher ein Jona im Walfischbauch, denkt der Pfarrer. Jener biblische Prophet, den ein großer Fisch verschluckt und nach drei Tagen an Land spuckt. Gott wird dem Wal schon sagen, an welchem Ufer er ihn aussetzen soll. Und so lange darf er ausruhen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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