Wut ist kein Hormonproblem, sondern eine Haltungsfrage. Und Klarheit ist ein Muskel, den man trainieren kann. Darum: Mund aufmachen, wenn andere herabgewürdigt werden!
Sendetext:
"Das sind die Hormone, das kenn ich", sagt eine Freundin, als ich ihr erzähle, wo ich neulich wieder wütend geworden bin. Eine Frau wurde herablassend behandelt, und drei Männer haben höhnisch gelacht. Meine Freundin fängt gleich von ihren Wechseljahren an. Da sei sie auch öfter mal aufbrausend gewesen. So etwas gehe vorbei.
"Naja", sage ich, "herablassendes Verhalten sollte wütend machen, finde ich. Hormone hin oder her. Frauen und Männer. Da solle jeder und jede einschreiten. Hinnehmen ist keine Option." Meine Freundin wiegt den Kopf und findet, dass man nicht überall etwas dazu sagen müsse. Die Welt sei nun mal ungerecht. Und man könne nicht überall ‚Stopp‘ rufen. Wo kämen wir hin.
Ich widerspreche, weil ich weiß, wo wir hinkommen, wenn wir alles hinnähmen. Wenn die Lauten und die Übergriffigen machen können, was sie wollen. Wir hören es jeden Tag in den Nachrichten. Irgendwer muss ‚Stopp‘ sagen.
Wir schweigen. Sitzen in der Wintersonne vor einem Café in Magdeburg, genießen, dass es hier auf der Bank im Windschatten etwas wärmer ist. Den Schal um den Hals brauchen wir zwar noch. Aber der Frühling blinzelt schon um die Ecke. Winter wird nicht Winter bleiben. Der Blumenladen um die Ecke verkauft Schneeglöckchen im Bastkorb.
Ich denke an die Kommentare im Netz unter den Beiträgen aus Sachsen-Anhalt. Wie vergiftet sie sind. Wie Männer – auch Frauen, aber meist eben doch eher Männer – zunehmend die Handbremse lockern und offen drohen, wer am Tag der Machtübernahme auf sich aufpassen solle. Sind das auch die Hormone? Wohl kaum.
Das ist Wechselstimmung. Alles soll sich ändern. Alles soll abgeschafft und neu geordnet werden. Mich fröstelt. Wie viel Zeit haben wir noch, laut Stopp zu sagen?
"Nein, Wut ist gut", sage ich. "Sie ist nötig. Und wenn es einen Vorteil hat, älter zu werden, dann, um die Furcht zu verlieren."
Ich weiß, was meine Freundin jetzt sagen will. Ich lese es auf ihrer Stirn. Ich solle auf mich aufpassen, nicht zu viele Baustellen aufmachen, nicht in jede Schlacht ziehen, meine Kraft sparen. Ich bin hin- und hergerissen, ob sie recht hat oder einfach nur feige ist. Feigheit, getarnt als Fürsorge.
"Durch Stille-Sein und Hoffen werdet ihr stark sein." (Jesaja 30,15) So zitiert sie aus der Bibel. Da reißt mir die Hutschnur. Klassisch weibliches Stillschweigen hat noch nie einer Gesellschaft gutgetan. "Tu deinen Mund auf für die Stummen und die Sache derer, die verlassen sind." Das ist auch Bibel. Buch der Sprüche, Kapitel 31.
Verstecken geht nicht mehr. Wir sind alle gefragt. Jede und jeder zählt. Und es steht richtig etwas auf dem Spiel. Wir sind mündige Frauen. Wir müssen jetzt hingucken und laut ‚Stopp‘ sagen, wenn Frauen entrechtet werden sollen, Behinderte bedroht und Menschen in erste und zweite Klasse unterteilt werden.
Das kann man üben. Klarheit ist ein Muskel. Man kann ihn trainieren. Aufrichtigkeit. Den Mund aufmachen, auch wenn man weiß, dass es gleich böse Argumente hagelt. "Tu deinen Mund auf für die Stummen und die Sache derer, die verlassen sind."
Sie seufzt. Klar, sagt sie. Das müsse aber gesamtgesellschaftlich geschehen. Ein Mentalitätenwechsel. Das dauere.
Und ich merke, wie die Wut bleibt: Wir sind der Wechsel. Wir brauchen es doch auch, dass für uns jemand den Mund aufmacht, wenn wir in die Defensive geraten, erst recht, wenn wir mundtot gemacht werden sollen. Das ist keine Temperamentfrage, denke ich. Da geht es um Haltung.
Wir einigen uns, dass wir uneins sind. Und ich brauche wieder den halben Nachmittag, mich abzuregen.
Aber ich bleibe dabei: Wir sind der Wechsel. Wir sind solidarisch, wenn sich andere wegdrehen und tun, als würden sie nichts bemerken. Wir sind der Frühling. Wir sind die Schneeglöckchen, die sich aus dem Schnee hervorwagen, wenn alle noch den Winter beklagen. Denn wir sind da. Und das ist auch gut so.
Es gilt das gesprochene Wort.
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