Ein Mensch bekommt ein hohes Amt übertragen und weiß nicht: Bin ich dem gewachsen? Was brauche ich, damit ich Erfolg habe? In der Bibel bittet der junge König Salomo um eine ungewöhnliche Fähigkeit.
Sendetext:
Was ist das eigentlich für ein Moment, in dem einem klar wird, dass man die Macht übernimmt?
Ich erinnere mich an eine Wahl: Die Stimmung ist aufgeheizt. Ich weiß noch, wie die Vorsitzende das Ergebnis bekannt gibt, die Zahlen dazu, die Namen. Und gewählt wurde: der Falsche. Mir stockt der Atem. Ich denke: Das kann nicht wahr sein. Ich muss mich verhört haben. Aber dann fragt sie den Kandidaten: "Nehmen Sie die Wahl an?" Ich sehe, wie er sich aus seinem Stuhl mühsam hochschraubt und – halb nuschelnd – sagt: "Ich nehme die Wahl an". Und ich denke: Das glaubt er sich doch selbst nicht. Er hat hoch gepokert, er wollte den Coup, er hat ihn gelandet. Bis zu genau dieser Sekunde. Und – war es Einbildung oder real: Ich meine zu sehen, wie er in diesem Moment realisiert: Ich muss dieses Amt jetzt auch ausfüllen. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Er muss jetzt liefern. Von nun an reichen markige Sprüche nicht mehr aus.
Man kann auf seinem Gesicht lesen, wie ihn diese Situation überfordert: plötzlich Verantwortung.
Es gab schon ganz andere, die damit beschäftigt waren, Macht zu realisieren, und bei denen das keine Euphorie ausgelöst hat, sondern gehörigen Respekt. Sie haben versucht, ihren Weg zu finden, wie sie mit alldem, was jetzt kommt, umgehen.
Einige haben schon vorher viel investiert, um zu lernen, sich vorzubereiten, handwerklich und mental, und einige haben neben der irdischen Macht auch die himmlische befragt. Ein Beispiel: der weise König Salomo.
Er hat Gottes Rat gesucht. Er hat – den Riten gemäß – Opfer gebracht. Da erscheint ihm Gott in der Nacht im Traum und fragt ihn: "Was brauchst du? Sag mir, was ich dir geben soll." Salomo sagt: Ich weiß weder ein noch aus. Das hier ist doch eine Nummer zu groß für mich. Ich bin noch zu unerfahren. Gib mir bitte die Fähigkeit, alles mitzubekommen, was wichtig ist. Schenke mir ein hörendes Herz, damit ich unterscheiden kann, was gut ist und was böse. (1. Könige 3,9)
Gott lässt sich bitten. Er schenkt Salomo Weisheit. Der weise König Salomo wird ein legendär guter König und in die Geschichte eingehen. Die Leute werden von weit kommen, damit er ihren Streit klug beilegt.
Ein hörendes Herz.
Alle Ämter brauchen das. Könige brauchen es genauso wie Bürgermeisterinnen, Landesministerinnen wie Präsidenten. Nicht auszudenken, wie das wohl wäre, wenn alle Mächtigen um ein hörendes Herz bitten. Was für ein neuer Wind!
Wenn Menschen mit Macht anders umgehen, muss das ihr Umfeld auch neu lernen. Das ist wie barfuß gehen. Man weiß nicht, was kommt, man geht behutsam. Sicher auch langsam. Schlagzeilen werden nicht flott produziert, sondern gut durchdacht. Es geht nicht mehr darum, nur für den Moment gut dazustehen. Es geht um die lange Sicht. Um die Enkel und was das für sie bedeutet. Und um alle, die es schwerer haben. Gerade um die Leisen.
Das wäre ein Paradigmenwechsel – auch in der aufmerksamkeitsheischenden Social Media-Welt. Das werden dann längere Videos, die von den Algorithmen abgestraft werden. Na und? Das werden abwägende Statements. Lange Anhörungsphasen in den Ausschüssen. Aber eben ein guter, neuer Wind. Behutsam denen gegenüber, für die man Verantwortung hat. Aufmerksam für das Wesentliche. Hinhörend, nicht schon alles wissend.
Geht Politik auch so? Ja. Mancherorts können wir das sehen. Darf sich das durchsetzen? Ja bitte! Wird sich das durchsetzen? Ich hoffe darauf. Die mit den dröhnenden Stiefeln werden bald ausgedient haben, weil sie nicht die Antworten mitbekommen, die schon in der Luft liegen.
Schenke mir, Gott, ein hörendes Herz. Das Gebet für alle, die ein Amt antreten. Und überhaupt für uns alle. Weil es die Welt verändern wird.
Es gilt das gesprochene Wort.
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