Gilt das Tor? Gibt es Elfmeter? Das wird immer häufiger mit Video-Assistent entschieden. Es macht die Sache sicherer. Aber es bremst die Fußball-Freude. Wie viel Regeln und wie viel Spielräume braucht das Leben?
Sendetext:
In einer Woche ist es soweit: Die Fußballweltmeisterschaft beginnt. Ich freue mich schon darauf, auch wenn einige Begleitumstände der WM wieder einmal fragwürdig sind. Ein Fußballspiel spiegelt vieles wider, was ich auch aus dem ganz normalen Leben kenne.
Bei der WM werden heikle Situationen auch vom Videoschiedsrichter beurteilt, wenn sie spielentscheidend sein können. Zählt ein Tor? Ist ein Elfmeter oder ein Eckstoß berechtigt? Immer häufiger lässt sich der Unparteiische in solchen Fällen vom Videoschiedsrichter assistieren. VAR – Video Assistant Referee. Das sind zusätzliche Schiedsrichter vor Bildschirmen, die ihr Urteil auf das Spielfeld übermitteln.
Das braucht immer ein paar Momente. Dadurch gerät mancher Torschütze nur gebremst ins Jubeln, denn praktisch jedes Tor wird noch einmal überprüft, ob es regelgerecht geschossen wurde.
Die Technik ist vermeintlich unbestechlich und unfehlbar. Aber dadurch bleibt die spontane Spielfreude schnell auf der Strecke. Für den Soziologen Hartmut Rosa ist diese Situation beispielhaft. Sie beschreibt ein Phänomen, das praktisch alle Lebensvollzüge in unserer westlichen Zivilisation prägt. Hartmut Rosa spricht vom Verschwinden des Spielraums. Unsere Lebenswelt ist zunehmend technisiert. Es gibt immer mehr gut gemeinte Reglementierung und Einklagbarkeit. Aber das legt uns Fesseln an. Es macht uns von "Handelnden zu Vollziehenden", so Rosa.
Der Unterschied ist erheblich. Ein Handelnder erlebt sich emotional beteiligt. Er kann gestalten und mit "Augenmaß, Fingerspitzengefühl und Urteilsvermögen" in Beziehung treten. Ein Vollziehender folgt vorgegebenen Regeln oder standardisierten Abläufen. Er macht alles richtig, spürt sich dabei aber nicht als gestaltender Mensch. Er wirkt für andere kühl. Beziehung kommt kaum zu Stande. Die Arbeit könnte eigentlich auch eine Maschine machen. Er wird stumpf und freudlos und oft auch wütend, weil Selbstwirksamkeit kaum erfahrbar ist.
Ich beziehe diese Gedanken auf meinen christlichen Glauben. Ich glaube: Jesus hat in seinem Wirken Spielräume eröffnet. Gottes Gebote waren ihm wichtig. Ohne Recht und Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Jesus sagte: Ich bin gekommen, das Gesetz Gottes zu erfüllen. Dabei ging es ihm aber nicht um das Abarbeiten von Regeln. Er wollte Menschen in die Lage versetzen, mit Augenmaß, Fingerspitzengefühl und Barmherzigkeit Entscheidungen zu treffen, die der Situation gerecht werden.
Bei jedem Sport, bei jedem Verein, bei jeder Institution, auch bei der Kirche besteht die Gefahr: Der Spielraum, der am Anfang der Begeisterung steht, wird mit der Zeit immer kleiner gemacht, weil man auf Nummer Sicher gehen will und dafür immer mehr Regeln aufstellt. Menschen, die gestalten wollen, sehen sich oft entmutigt, weil sie einen Wust von Regeln beachten sollen.
Ich wünsche mir für den Fußball, aber auch sonst, dass wir eine gute Balance finden zwischen Regelwerk und Weitherzigkeit, zwischen Effektivität und Kreativität, zwischen Unbestechlichkeit und Willkür. Ich wünsche mir ein Leben, das Spielräume der Menschlichkeit eröffnet. Dann kann die Eisverkäuferin drei neue Kugeln auf die Waffel legen, wenn dem Kind das frisch überreichte Eis auf den Boden fällt. Dann kann der Mitarbeiter vom Pflegedienst auch mal die Katze füttern, auch wenn das von keiner Krankenkasse bezahlt wird. Und der Pfarrer kann einen Menschen bestatten, obwohl der Verstorbene aus der Kirche ausgetreten war, aber die Angehörigen wünschen sich seelsorgende Begleitung.
Bei der WM bin ich gespannt auf Fußballmannschaften, die nicht nur taktische Spielzüge abarbeiten und Rasenschach spielen, sondern mit Freude und Witz ins Risiko gehen. Hoffentlich muss der VAR nicht gar zu oft dazwischen grätschen.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
Lit.: Hartmut Rosa, Situation und Konstellation – Vom Verschwinden des Spielraums, Frankfurt 2026.
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