Ein schwuler Vater liest die biblische Geschichte von Maria und Elisabeth, die beide auf ungewöhnliche Weise schwanger geworden sind.
Sendetext:
Ich liebe diese Treffen. Die Kinder spielen Kicker, bauen Eisenbahn, rennen durch den Gang. Wir Väter reden, hören zu, lachen und schweigen. Selbstgemachter Kuchen und Muffins stehen da. Saft und Schorle für die Kinder, Kaffee für die Papas.
Ich gehe regelmäßig mit meinem Mann und unserem Sohn zu einer offenen Vätergruppe in München, die sich in Räumen der Stadt trifft. Das Besondere: Wir sind Männer, die Männer lieben, und bewusst auch Väter sind, Regenbogenväter – durch Adoption, Pflegschaft, Leihmutterschaft oder Coparenting, also wenn Elternteile die Erziehung teilen, ohne zusammen zu leben. Für viele ist das noch ungewohnt, fremd.
Ein Vater hat es mal so auf den Punkt gebracht: "Ich bin mit einem klaren Bild davon aufgewachsen, wie Leben auszusehen hat. Aber in dem Moment, in dem ich gemerkt habe, dass ich schwul bin, hat dieses Bild für mich nicht mehr funktioniert. Keine Bilder. Keine Vorbilder. Kein Platz für mich. Also musste ich mir selbst zeigen, dass mein Leben möglich ist. Heute bin ich Papa. Und ich bin schwul. Und ich liebe es."
Manche Lebenswege laufen anders als erwartet. Für manche Wege gibt es noch kaum Vorbilder. Es sind Wege, die man trotzdem – oder gerade deshalb – geht, weil man spürt: Das ist meins. Das ist mein Leben. Oder geistlich gesagt: Dazu hat Gott mich berufen.
Genau solche Wege begegnen mir in der Bibel. Zum Beispiel die Geschichte, die im Kirchenkalender dem Tag heute den etwas sperrigen Namen gibt: Mariä Heimsuchung. Maria, später Mutter von Jesus, macht einen Besuch, daheim bei ihrer Verwandten Elisabeth.
Maria ist sehr jung, gerade schwanger – auf eine Weise, die sie sich nicht erklären kann. Elisabeth ist schon in einem Alter, in dem Frauen normalerweise nicht schwanger werden. Sie galt als unfruchtbar, eine Schande damals, ein Kind schien ausgeschlossen. Und nun doch: Elisabeth erwartet einen Sohn.
Beide Frauen sind schwanger auf Wegen, die sie sich nicht hätten vorstellen können. Beide mit einem Geheimnis im eigenen Körper, mit einem Geheimnis im eigenen Leben, das größer ist als sie selbst.
Zwei Frauen. Zwei unerwartete Wege. Und Elisabeth sagt zu Maria: "Gesegnet bist du unter den Frauen. Und gesegnet ist die Frucht deines Leibes."
Das ist wie ein großes Ja. Ein Ja zu dem, was ungewöhnlich ist. Worüber andere die Köpfe schütteln. Ich stelle mir vor, wie Maria diesen Segen zurückgibt: Auch du, Elisabeth, bist gesegnet. Und dein Kind. Es ist gewollt und gut, was durch dich in die Welt kommt.
Elisabeth und Maria lassen sich ein auf den besonderen Weg ihres Lebens. Sie segnen einander. Und sie segnen das Kind der jeweils anderen. Mich berührt das: Dieser gegenseitige Segen zwischen zwei Frauen, deren Geschichten niemand so erwartet hat.
Es ist gut und wichtig, dass es Orte gibt, wo Menschen und Familien, die nicht dem gewohnten Bild entsprechen, sich nicht jedes Mal neu erklären müssen. Wo es normal ist, so zu sein, wie man ist. Das ist kein Luxus. Das ist Notwendigkeit.
Viele wünschen sich Kinder – lange und intensiv. Manche haben keine Vorbilder für den Weg, den sie gehen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – sind sie Eltern geworden. Wunschkinder sind sie alle.
Mit jedem Menschen geht Gott einen eigenen, ganz persönlichen Weg. Mit jeder Familie, jedem Elternwerden, mit jedem Neugeborenen geht Gott einen eigenen Weg.
"Bei Gott ist nichts unmöglich" ist ein Satz, den Maria hört, als sie schwanger wird. Das kann über jeder Lebensgeschichte stehen. Und auch der Segen, den Elisabeth der Maria zuspricht: Du bist gesegnet. Und gesegnet ist die Frucht deines Lebens.
Es gilt das gesprochene Wort.
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