Seit 50 Jahren können Frauen in der evangelischen Kirche in Bayern Pfarrerinnen werden. Frauen am Altar – das wird groß gefeiert. Aber nicht alle freuen sich mit.
Sendetext:
Nürnberg, der Platz vor der evangelischen St. Lorenz-Kirche. Die Glocken läuten, es ist Sonntagvormittag. Hunderte evangelische Pfarrerinnen sind da. Eine junge Pastorin lacht in die Kamera. Eine schiebt ihren Rollator, eine andere hilft bei den Stufen. Jede ist mit Talar, Stola oder Albe da und jede mit ihrer Geschichte.
50 Jahre Frauenordination in Bayern. Das feiert die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern in diesem Jahr.
Ich schaue das Video von diesem Fest immer wieder. Es freut mich, es berührt mich – und es zieht sich auch etwas in mir zusammen. Denn die erste Generation der Pfarrerinnen erzählt, wie dornig ihr Weg war und wie verletzend die Widerstände. Als Mann schäme ich mich dafür, wie Männer versucht haben, Frauen vom Altar fernzuhalten.
Welche Rollenbilder haben wir für Frauen und Männer? Wie kann Gleichberechtigung im Beruf und in der Familie gelingen? Das sind Fragen, die die ganze Gesellschaft bewegen.
Und die Kirchen mittendrin. Wie war das mit den Rollen von Frauen und Männern in den Anfängen des Christentums? Heute, am 29. Juni, stehen Petrus und Paulus im Kalender: zwei Männer des Anfangs, Apostelfürsten. Beide sind dem Auferstandenen persönlich begegnet. Darum nennt man sie Apostel, das bedeutet: Gesandte von Christus selbst. Aber vor ihnen waren Frauen. Frauen waren die ersten, die dem auferstandenen Christus begegnet sind und anderen davon erzählt haben.
Auf eine bislang kaum entdeckte Frau der ersten Stunde bin ich durch den katholischen Theologen Ansgar Wucherpfennig aufmerksam geworden. Das Lukasevangelium erzählt: Nach der Kreuzigung Jesu gehen zwei Menschen weg von Jerusalem, Richtung Emmaus. Kleopas heißt der eine. Und die andere Person wird nicht beim Namen genannt. Wucherpfennig vermutet aus guten Gründen: Es ist Maria, die Frau des Kleopas. Ein Paar ist unterwegs.
Auf ihrem Weg schließt sich den beiden ein Mann an, den sie nicht kennen. Sie erzählen dem Fremden von Jesus. Von ihrer Trauer über seinen Tod. Von ihrer zerbrochenen Hoffnung. Eine Frau und zwei Männer, die einander erzählen und zuhören. Unterschiedliche Perspektiven verbinden sich.
Und das gemeinsame Erzählen löst aus, was folgt. Der Fremde legt ihnen die Heilige Schrift aus. Ihre Herzen brennen. Und sie bitten, als sie an ihrem Ziel ankommen: Bleib bei uns. Der Fremde nimmt das Brot, dankt, bricht es – und gibt es den beiden. In diesem Moment gehen ihnen die Augen auf. Der Fremde ist der auferstandene Jesus. Er lebt.
Es ist das erste Abendmahl des Christentums, das mit Ostern beginnt. Und selbstverständlich sind eine Frau und ein Mann dabei: Maria und Kleopas.
Den Auferstandenen erkennt man nicht daran, ob er ein Mann ist oder eine Frau. Man erkennt ihn am Brennen des eigenen Herzens, an den offenen Herzaugen. Wenn das Zeichen "Mensch am Altar" auf ein Geschlecht beschränkt bleibt, dann fehlt etwas – an der Substanz des Abendmahls. Die Gegenwart Jesu gilt allen Menschen. Wenn nur Männer am Altar stehen dürfen, macht es das Zeichen kleiner als das, was es bedeuten soll.
Ich schaue noch einmal auf das Video vom Platz vor der Lorenzkirche in Nürnberg. Die Glocken läuten. Hunderte Frauen im Talar ziehen in die Kirche ein, als berufene Zeuginnen des Evangeliums. Ich brauche ihre Stimme. Die Botschaft "Christus ist auferstanden" hat von Anfang mehr als zwei Stimmen gehabt – weibliche und männliche. Petrus und Paulus und viele Frauen, von Anfang an bis heute. Erst zusammen sagen sie das Ganze.
Es gilt das gesprochene Wort.
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