Gemeinfrei via Fundus/ Martin Vorländer
Eiszeitmuseum
Was Steine über Vergangenheit und Zukunft erzählen
01.08.2026 06:35

In Brandenburg, dem Herkunftsland unseres Autors, erzählen viele Steine noch von den Auswirkungen der letzten Eiszeit. Ihn macht das ehrfürchtig gegenüber den Kräften der Natur.

Sendetext:

Am Rande des Dorfes meiner Kindheit stand eine Eiche. Von der sagte man, sie sei schon über tausend Jahre alt. Man erzählte sich auch, dass Friedrich der Große dort gerastet habe, als er von Potsdam kommend in die Schlacht bei Kunersdorf zog. Ich zweifle an beiden Überlieferungen. Aber dieser mächtige Baum lud tatsächlich dazu ein, Geschichten zu erzählen. In jedem Fall war er der älteste lebendige Zeuge in meiner Heimatregion.

Immer wieder haben Stürme in der mächtigen Krone gewütet, aber konnten ihrer majestätischen Schönheit nichts anhaben. Bei jeder Fahrt in die Stadt kam ich an ihr vorbei und wurde von ihr begrüßt, wenn ich heimkehrte.

Kurz vor der Jahrtausendwende allerdings hat die Eiche ein Blitzeinschlag gefällt. Sie war nicht mehr zu retten. Noch heute bereitet es mir Schmerzen, wenn ich auf das Buschwerk sehe, das ihren Platz inzwischen einnimmt.

Als Kind war ich oft dabei, wenn wir im Frühjahr auf den Feldern Steine gelesen haben, damit die Maschinen bei Aussaat und Ernte nicht beschädigt werden. Gleichzeitig waren die Steine das Material, um Wege und Höfe zu pflastern. Ich wunderte mich, wie es sein kann, dass alljährlich Steine oben lagen, obwohl wir doch im Vorjahr alles aufgelesen hatten. Das sind die Geschenke der Eiszeit, so erklärte man mir. Durch die Bearbeitung der Böden und durch die Witterung kommen immer neue Schichten nach oben. Die Steine und die Eiche – sie sind beides Zeugen der Vergangenheit. Meine ganze brandenburgische Heimat ist in beeindruckender Weise durch die letzte große Eiszeit geprägt. Nicht nur die Findlinge zeugen davon, mit welch unglaublicher Kraft Gesteine, die sich in norwegischen Gebirgen verorten lassen, bis auf unsere Felder geschoben wurden.

Auch die Landschaft selbst ist eiszeitlich geformt. Im Wald hinter meinem Dorf gibt es eine für das flache Brandenburg beeindruckende Hügellandschaft, die als Endmoräne nach der Eisschmelze zurückgeblieben ist. Sich so direkt im Strom der Erdgeschichte zu wissen, macht mich demütig gegenüber den Kräften der Natur. Auch ohne unser Tun und Unterlassen befindet sich die Erde in stetigem Wandel.

Wir sind nur Gast auf Erden, heißt es in einem Kirchenlied. Wir sind nur auf Zeit auf diesem Planeten, der seinen ganz eigenen Abläufen folgt. Manchmal sind sie uns gewogen, gelegentlich können sie aber auch zur Bedrohung für uns alle werden. Blitzeinschläge und Vulkanausbrüche sind eine Gefahr für Flora und Fauna. Auch durch kosmische Kräfte kann es zu Klimaverschiebungen kommen, die von uns nicht zu beeinflussen sind.

Der Rückblick auf die letzte Eiszeit zeigt mir, wie wandelbar die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten sind. Ich finde, das sollte uns sensibel machen für die Stellschrauben, an denen wir selbst achtlos drehen. Gleichzeitig können wir die Möglichkeiten in den Blick nehmen, mit denen wir das ökologische Gleichgewicht erhalten, vielleicht sogar wiederherstellen können.

Die Eiszeit hat der Erde im Laufe einer langen Periode ihren Stempel aufgedrückt und die Natur hatte viel Zeit, sich den immer neuen Bedingungen anzupassen. Das Eiszeitmuseum im Geopark    Groß-Ziehten (1) vermittelt einen Eindruck davon. Wir muten der Natur innerhalb von Jahrzehnten Veränderungen zu, die sich früher über Jahrhunderte abgespielt haben.

Zu Beginn der biblischen Schöpfungsgeschichte gibt Gott den Menschen den Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Es mutet lächerlich an, wollten wir sie uns untertan machen.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

(1) https://www.brandenburg.de/de/30699

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!