Gemeinfrei via Fundus/ Hans-Georg Vordran
Tagsüber bin ich woanders…
…hier bin ich nur nachts.
28.07.2026 06:35

Ein Mann lebt freiwillig eine Zeit lang als Obdachloser. Am Anfang hat er Zweifel: Ist das nur ein Sozialexperiment? Aber sehr schnell holt ihn die Realität der Straße ein.

Sendetext:

"Keine Münzzahlung möglich", lese ich an einer öffentlichen Toilette. Sie ist sauberer, als ich es von öffentlichen Bedürfnisanstalten gewohnt bin. Vielleicht ein Erfolg der ausschließlichen Kartenzahlung.

Eine Ausstellung im Stadtmuseum Halle hat mir einen anderen Blick auf meine eigentlich doch ganz erfreuliche Beobachtung im Stadtbild eröffnet. Die Ausstellung hatte den Titel: "Tagsüber bin ich woanders (hier bin ich nur nachts)". Sie schildert das Leben von Menschen ohne Obdach in der Stadt Halle. (1)

Als langjähriger Pfarrer in Berlin-Kreuzberg hatte ich immer auch mit dem Thema Obdachlosigkeit zu tun. Trotzdem geraten mir manche Details aus dem Blick. Ich nehme nur die Oberfläche wahr. Endlich mal saubere Toiletten! Was das für Menschen bedeutet, die keine Kreditkarte haben, merke ich erst, wenn ich darauf gestoßen werde.

Durch die Ausstellung in Halle, aber auch durch das Buch eines Kollegen (2). Matthias ist Pfarrer. Als er für einige Zeit beurlaubt war, entschloss er sich, für zwei Monate das Leben eines Wohnungslosen zu führen. Er wollte wissen, wie das ist, wie es sich anfühlt, was man erlebt, was man erfährt über sich und die Welt, wenn man ein Leben führt, das weit weg ist vom Leben mit sicherem Einkommen und Dach über dem Kopf.

Seine Frau war skeptisch, ob dieses Experiment funktioniert. Auch er selbst war sich keineswegs sicher. Moralische Skrupel plagten ihn: Nehme ich mit meiner gespielten Obdachlosigkeit denen etwas weg, die es brauchen? Jeder erbettelte Euro in meiner Tasche landet nicht bei einem Bedürftigen. Und wie authentisch können die Erfahrungen sein, die nicht aus echter Not geboren sind?

Recht schnell merkte Matthias aber: Die Realität, der er sich aussetzte, hat ihre eigene Dynamik. Statt zu überlegen, was wäre, musste er sich mit dem auseinandersetzen, was ist. Schneeregen im Mai und das in Südfrankreich. Ungewöhnlich, aber real. Er musste den einträglichen Bettelplatz vor dem Einkaufszentrum räumen und ging mit seiner Bettelei vor der Kathedrale leer aus. Und er brauchte das Geld. Sicher immer nur kleine Beträge für billiges Backwerk vom Vortag, für Bus und Bahn. Aber auch die Nachtquartiere bestanden auf ein paar Euro, wenn man seinen Teller etwas üppiger belegen wollte.

Er fand gute Unterkünfte mit freundlichen Sozialarbeiterinnen und stieß auf Leute aus dem Milieu, die ihm weiterhalfen, Tipps gaben, Warnungen aussprachen, ein Gefühl von Nähe vermittelten. Er lernte freundliche Leute kennen, aggressive, betrügerische, bemitleidenswerte. Gar nicht so anders als in seinem bürgerlichen Leben auch, aber alles viel unmittelbarer durch die besondere Situation, in die er sich mit seiner Entscheidung gebracht hatte.

Eine Erfahrung, die Matthias mitnimmt aus seinen zwei Monaten Obdachlosigkeit: "Ich glaube, das Schlimmste ist, immer wieder übersehen zu werden. Dass fast alle mir nichts geben wollen, finde ich nicht so tragisch. Doch dieses Über-einen-Hinweg-Sehen, das ist schwierig. Du bist nichts. Du bist nicht."

So erlebt er es vor einer Kirche. Dann folgt er den anderen in die Messe. Er hat genau noch 20 Cent, als der Kollektenkorb durch die Reihen geht. Soll ich die spenden?, überlegt er. Beim Friedensgruß während der Eucharistie reichen ihm die Umstehenden die Hand und lächeln ihm freundlich zu. Werden sie ihn auch sehen, wenn er wieder am Ausgang sitzt und um Geld bittet?

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

(1) https://stadtmuseumhalle.de/ausstellungseroeffnung-tagsueber-bin-ich-woanders-hier-bin-ich-nur-nachts

(2) Ohne Obdach: Leben auf der Straße, Von Matthias Unterwegs, ISBN / EAN:    9783960084334

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