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Aufstiegschancen
Was passiert, wenn wir nicht in Bildung investieren
05.06.2026 06:35

Forschungsministerin Dorothee Bär findet, ein Nebenjob im Studium sei kein Drama, darum könne man beim BAföG kürzen. Das geht an der Realität vorbei. Es kürzt vor allem das, was Bildung bedeutet. 

Aus technischen Gründen wird das Audio zu einem späteren Zeitpunkt eingestellt.
 

Sendetext:

"Wir wollen also nicht Milliardäre abschaffen, sondern dafür sorgen, dass jeder Milliardär werden kann, wenn er sich anstrengt." (1) Dieser Satz stammt von Wolfgang Kubicki, dem neuen Parteichef der FDP. Der Satz klingt erstmal gut. Wer sich anstrengt, kann viel erreichen. 

Die Realität sieht anders aus. Es mag Einzelne geben, die durch Erfindungsgabe in die Gruppe der Multimillionäre aufsteigen. Aber die Anzahl dieser Leute dürfte nicht größer sein als die der Lottogewinner.

Viel Vermögen hat weniger mit der eigenen Leistung zu tun. Oft hängt es davon ab, was ich von zu Hause mitbekomme. Aufstiegschancen beginnen mit Bildung. Und da fängt es bereits an mit der Ungerechtigkeit. 

Ich war lange Pfarrer in Berlin-Kreuzberg. Eingeschult haben wir unsere Tochter in der Kiezschule, und wir haben erleben müssen, wie ungenügend die Lehrerinnen und Lehrer dabei unterstützt werden, jenen Kindern gerecht zu werden, die zu Hause keine Hilfe beim Lernen bekommen. Von Jahr zu Jahr zeichnete es sich klarer ab, dass deren Bildungsweg in eine Sackgasse führt. 
Trotz schlechter Startbedingungen haben es einige mit einer enormen Kraftanstrengung geschafft, im Arbeitsleben anzukommen. Nun verdienen sie gerade einmal so viel, dass sie im allmonatlichen Kampf gegen die Teuerung bestehen. Wer Kindern und Jugendlichen den Aufstieg durch Bildung so schwer macht, befördert Schwarzarbeit und den Einstieg in die Kriminalität. Auch das kenne ich aus meinem Kiez. 

Das ist die Realität hinter dem Streit darüber, ob und wie das BAföG für Studierende reformiert werden soll. Die Bildungsmisere in unserem Land ist nicht neu. Seit Jahren wird sie beklagt, aber nie gab es genügend Geld, um diesen Mangel grundsätzlich anzugehen. In die Rüstung fließen riesige Beträge fast ohne Diskussion, und aus Millionären werden Milliardäre. Wo bleibt der Protest von Eltern und Kindern? Muss Schule erst an die Börse gehen, um für dieses Land attraktiv zu sein?

Wenn ich sehe, mit welchen Nebenjobs die jungen Leute aus nichtbegüterten Elternhäusern ihr Studium finanzieren, dann ist offensichtlich: Es gibt keine Chancengleichheit. BAföG-Empfänger:innen brauchen länger für ihre Abschlüsse. Sie haben weniger Zeit für Seminararbeiten, stehen unter doppeltem Prüfungsstress. Unbezahlte Praktika können sie sich nicht leisten. Am Ende fehlen ihnen genau die Kontakte, die den Einstieg in gut bezahlte Jobs oft erst ermöglichen.

Und jetzt habe ich nur über den monetären Bereich gesprochen. Aber Bildung muss mehr leisten, als nur das spätere Einkommen zu sichern. Mein evangelisches Verständnis von Bildung ist weitergefasst. Da geht Bildung mit Freude einher. Menschen sollen ihr Lebensglück nicht nur an wirtschaftlichen Erfolgen messen. Sie sollen in ihrer Persönlichkeit und Sozialkompetenz gestärkt werden. 

Die Diskussion über eine BAföG-Reform erinnert mich daran: Eine Politik, die falsche Prioritäten setzt, lässt das Fundament unseres Landes rissig werden. Rein wirtschaftlich betrachtet mag es egal sein, ob die Ingenieurinnen aus Indien und die Ärzte aus Bulgarien kommen. Für unser Land ist es eine Katastrophe, die eigenen Ressourcen durch Bildungsverweigerung verkommen zu lassen.

Was passiert, wenn ein Land nicht in Bildung investiert, hat Martin Luther sehr klar gesehen. Er hat seine Zeitgenossen geradezu angefleht: "Darum bitte ich euch inständig, ihr lieben Deutschen, um Gottes willen, nehmt euch der Jugend an und richtet (…) Schulen ein." "Denn wo Schulen nicht sind, da ist auch (…) keine Gerechtigkeit, keine vernünftige Regierung." (2)

Es gilt das gesprocheneWort.
 

Literatur dieser Sendung:
1. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/mehr-wirtschaft/wolfgang-kubicki-die-fdp-will-die-erbschaftsteuer-abschaffen-200884417.html
2. Martin Luther, "An den christlichen Adel deutscher Nation"

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