Gemeinfrei via Fundus/ Birgit Arndt
Zwischen Jubel und Hassgeschrei liegen manchmal nur wenige Tage. So ist das in der Passionsgeschichte von Jesus. So ist das bis heute, wenn Euphorie in Enttäuschung umschlägt.
Vom Scheitern der hohen Erwartung
Die Dramatik der Karwoche
30.03.2026 06:20

Zwischen Jubel und Hassgeschrei liegen manchmal nur wenige Tage. So ist das in der Passionsgeschichte von Jesus. So ist das bis heute, wenn Euphorie in Enttäuschung umschlägt.

Sendetext:

Die Karwoche beginnt mit Jubel und endet mit Scheitern. Gestern an Palmsonntag haben Christinnen und Christen die Geschichte gefeiert, wie Jesus in Jerusalem eingezogen ist. Es wurden in den Kirchen fröhliche Lieder gesungen. "Dein König kommt in niedren Hüllen" oder auch "Tochter Zion, freue dich". Jesus kommt auf einem Esel in die Stadt. Ein Siegeszug – ganz offensichtlich.

Wird diese Geschichte im Advent nachgespielt, so denkt man an die Geburt des Jesuskindes und alles hat seinen richtigen Platz. Aber am Palmsonntag? Zu Beginn der Karwoche? Da mutet diese Inszenierung deplatziert an. Wer die Passionsgeschichte Jesu kennt, hört beim "Hosianna dem Sohne Davids" schon das "Kreuziget ihn" durch. Der Einzug in Jerusalem wird im Kontext der Karwoche zu einem Vorboten des Scheiterns. Der frenetische Jubel der Massen ist von sehr begrenzter Haltbarkeit.

Daran muss ich denken, wenn ich aktuelle Bilder sehe, die mir zeigen sollen, was die Massen denken, wie sie fühlen, was sie sich wünschen. Ich war dabei, als die Mauer fiel, als mich und viele ein unglaubliches Gefühl von Freiheit, Verbundenheit und Solidarität überkam. Doch ich habe auch erlebt, wie schnell die Stimmung kippte und das Gefühl der Gemeinsamkeit verflog. Das Misstrauen wurde groß zwischen Ost und West, zwischen den Einheimischen und den Fremden.

Auch die Karwoche entwickelt eine Dramatik, die den Jubel von Palmsonntag wie einen großen Irrtum erscheinen lässt. Wie hätte ich damals die Karwoche erlebt? Ich weiß es nicht.

Was ich mitnehme aus der Erfahrung des Palmsonntags, ist eine Skepsis gegenüber allem, was sich nach "Zeitenwende" anfühlt. Der Palmsonntag ist für mich ein Bild dafür, wie jede und jeder seinen ganz persönlichen Traum in ein historisches Ereignis einträgt und zum Maßstab nimmt.

Der Mann, der da auf einem Esel in die Heilige Stadt einzieht, der kommt mit einer ganz eigenen Botschaft. Die ist weit weg von dem, was andere von ihm erwarten. Er reitet nicht auf einem Schlachtross dem Sieg entgegen. Er reitet auf eine Niederlage zu, die ihn mit Angst und Schrecken erfüllt.

Jesus weiß zunächst einmal nur um die Zumutung seines Scheiterns. Was ich weiß und woran ich glaube: Hinter dem Scheitern liegt ein Sieg. Ebenfalls ein anderer Sieg, als viele ihn erwartet haben. Kein Triumph, der die Verlierer niedermacht. Sondern ein Fest des Lebens.

Es gilt das gesprochene Wort.

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