Grabsteine erzählen Geschichten, auch wenn man nicht viel über die weiß, die hier begraben sind. Geschichten vom Leben – und von Liebe.
Sendetext:
Jedes Jahr im Sommer lädt der Evangelische Friedhofsverband von Berlin-Stadtmitte zu einer "Friedhofsnacht" ein. Besucherinnen und Besucher erleben einen außergewöhnlichen Sommerabend auf einem Friedhof: mit Musik, Lichtinstallationen, künstlerischen Darbietungen, auch mit einem Glas Wein oder Saft in der Hand. Sie feiern das Leben im Angesicht der Toten und ehren diese auf besondere Weise.
Wenn es langsam dämmert, werden auf verschiedenen Routen über den Friedhof einige Verstorbene und dort Begrabene vorgestellt.
Berühmte Persönlichkeiten sind darunter. Menschen, die etwas gegründet oder erfunden haben. Musiker, Schriftstellerinnen, Politiker. Namen, die auch Jahrhunderte nach ihrem Tod noch bekannt sind. Und genauso werden Verstorbene vorgestellt, deren Namen in Vergessenheit geraten sind.
So wie Emilie Miertzsch. Ihr Grabmal befindet sich auf dem Friedhof Georgen-Parochial-I in der Greifswalder Straße. Emilie wird 1845 als eines von zehn Kindern des Ehepaars Kleinau geboren. Welche Tätigkeiten ihre Eltern ausübten, ob sie selbst einen Beruf erlernte, ist nicht bekannt. Fest steht: Ende der 1860er Jahre heiratet sie den viel älteren Carl August Leopold Miertzsch und bekommt zwei Töchter mit ihm.
Es ist die Zeit des aufstrebenden Kaiserreiches. Berlin erlebt ein Bevölkerungswachstum, es existieren gleichzeitig Verelendung und Aufschwung. Ein schwerer Schicksalsschlag trifft die junge Familie: 1872, mit gerade einmal 40 Jahren, stirbt Carl August. Emilie bleibt mit den zwei kleinen Töchtern allein zurück – als Witwe, mit Ende 20. Sie hat nicht wieder geheiratet. Das zeigt ihr Name auf ihrem Grabstein: Miertzsch.
1913 stirbt Emilie mit 67 Jahren. Auf ihrem Grabmal ist ein Pelikan abgebildet.
Über den Pelikan geht die Sage, er füttere seine Jungen mit seinem eigenen Blut. Dabei übergibt er in Wirklichkeit Fischreste, die er in seinem Schnabel aufbewahrt. In der christlichen Tradition wurde der Pelikan zum Symbol für Jesus Christus. Als Bild für den Glauben: Christus hat sein Leben für andere gegeben.
Ich glaube zu verstehen, warum die Töchter von Emilie Miertzsch dieses Motiv für ihre verstorbene Mutter wählten. Emilie hat ihre beiden Mädchen quasi alleine durchgebracht und nicht mehr geheiratet. Wenn es wirklich so war, dann hat sie sich um ihre Nachkommen hingebungsvoll gekümmert und sie versorgt: Als alleinerziehende Mutter Ende des 19. Jahrhunderts. Ihr Grabmal ehrt eine Frau, die, wie der Pelikan, für ihre Kinder da war und ihre Liebe verschenkt hat. Danke, Emilie.
Es gilt das gesprochene Wort.
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