Unsere Autorin wäre gerne perfekt. Ist sie aber nicht. Sie hat gelernt, dass gerade in Fehlern eine Stärke liegen kann.
Sendetext:
Wer wäre nicht gerne perfekt? Ich schon! Aber ich bin es nicht. Menschen machen Fehler, bringen Dinge nicht zu Ende, irren sich.
Leider leben wir in einer Welt, in der Perfektion schon immer und immer mehr angestrebt wird. Meine Schülerinnen und Schüler machen Vorträge mit ChatGPT, weil sie es einfacher und besser finden, als ihre eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Und weil nicht der Mut zu Fehlern und der Lernweg gut bewertet werden, sondern allein das Ergebnis zählt.
Damit nehmen sich die Jugendlichen ganz viel. Selberdenken öffnet neue Denkperspektiven und macht mehr Spaß. Aber der Perfektionsanspruch und ein Denken, in dem es nur richtig oder falsch gibt, ist stärker.
Einer, der auch gerne perfekt gewesen wäre und es doch gar nicht war, war der Apostel Paulus. Er hat die ersten christlichen Gemeinden gegründet, kluge Briefe geschrieben und den Glauben der jungen Christenheit theologisch bereichert. Perfekt war er nicht. Er selbst beschreibt sich als weder schön noch als guten Redner. Andere waren stattlicher und bessere Prediger.
Und Paulus war chronisch krank und in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Er erzählt davon, wie er Gott gebeten hat, doch seine Krankheit zu heilen. Gottes Antwort lautete so: "Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Denn meine Kraft kommt gerade in der Schwäche voll zur Geltung." (2. Korinther 12,9)
Mit dem Unperfekten zufrieden sein? Die Dinge so lassen, wie sie gerade möglich sind? Das Bunte, Vielfältige, Selbstgeschaffene in seiner Schönheit annehmen? Und auch die Schwäche? Ja, genau! Gottes Gnade reicht, und wo wir unvollkommen sind, entfaltet sich die Kraft Gottes.
Mir hilft das, wenn ich mal wieder feststelle, dass ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge. Dann lege ich das Bild weg und kann nach einigen Tagen sehen, was es ganz besonders macht, oder ich stelle einen Text doch online und erlebe, wie gerade diese noch suchenden Worte für jemanden genau so richtig und ermutigend waren.
"Gnade" – das bedeutet für mich: Gott nimmt das, was ich in aller Unvollkommenheit tue und wage, und lässt es strahlen und wirken. Und dann ist es unperfekt perfekt. Gott meint es gut mit mir und macht es gut mit dem, was ich ihm und anderen hinhalte. Das reicht mir. Ich glaube: Gott freut sich, wo jemand seine oder ihre Begabungen in aller Vorläufigkeit entfaltet.
Es gilt das gesprochene Wort.
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