Der Turmbau zu Babel ist in der Bibel knapp erzählt. Gott verhindert das himmelhohe Projekt, indem er die Sprachen der Menschen verwirrt. Wie, steht nicht da. Ein Kinderbuch erzählt, wie Menschen einander fremd werden.
Sendetext:
Die Bibel lädt zum Nacherzählen ein. Denn viele ihrer Geschichten sind sehr knapp erzählt. Das facht die Fantasie von Autoren und Autorinnen an. Ich genieße es, biblische Nacherzählungen zu entdecken und zu sehen, was die Bibeltexte in anderen angeregt haben.
Die Erzählung vom Turmbau zu Babel ist so eine knappe Erzählung. In der Lutherbibel umfasst die Erzählung nur neun Verse. Die damaligen Menschen haben entdeckt, wie man Ziegel herstellt. Mit der neuen Technik wollen sie eine Stadt und einen Turm bauen, der bis in den Himmel ragt. Damit ihr Handeln nicht ins Grenzenlose geht, verändert Gott ihre Sprache. Bislang sprachen alle eine Sprache. Jetzt spricht plötzlich jeder in einer eigenen Sprache. Die Menschen verstehen sich nicht mehr und können nicht mehr gemeinsam weiterbauen.
Wir erfahren keine Details. Es bleibt unserer Vorstellungskraft überlassen, wie aus einer Sprache mehrere wurden und was das mit den Menschen gemacht hat.
Für vieles, was diese biblische Erzählung offenlässt, hat Thomas Brussig Ideen in seinem Buch "Der Wurm am Turm". Er stellt uns den Baumeister Nujut vor, der den unermesslich hohen Turm in Babel plant. Für dieses überdimensionale Vorhaben beschäftigt er viele Tausend Bauleute. Und weil dieses Projekt so groß und unübersichtlich gerät, verstehen sich die Arbeiter irgendwann nicht mehr.
Laut Thomas Brussig ereignete sich die Sprachverwirrung so:
"Die Arbeiter waren in vier Gruppen aufgeteilt, und weil sie so schnell arbeiten mussten, konnten sie auch nur schnell und abgehackt miteinander sprechen. Weil es oft vorkam, dass ein Gerüstbauer zu einem anderen sagen musste: ‚Halt das mal bitte fest‘, wurde daraus irgendwann ‚Hammafest‘. (…) Und wenn ein Spatenarbeiter nicht weiterbuddeln konnte, weil er auf einen Felsbrocken stieß, fragte sein Nebenmann irgendwann nicht mehr: ‚Was hast du denn da?‘, sondern ‚Wadde hadde dudde da?‘" (Thomas Brussig: Der Wurm am Turm, Edition Chrismon 2011, S. 20).
So entwickelt jede Arbeitergruppe ihren eigenen Dialekt. Schließlich verstehen die Bauleute sich untereinander nicht mehr. So werden sich Menschen fremd über ein gemeinsames Projekt.
Die Sprachverwirrung kommt in dieser Nacherzählung also nicht nachträglich. Sie entsteht während des Baus am Turm. Mir geht dadurch auf, was eigentlich das Unverschämte an himmelhohen Projekten ist: etwas anzufangen, das so überdimensioniert ist, dass es Menschen auseinandertreibt.
Es gilt das gesprochene Wort.