Ab und an braucht die Seele einen Zufluchtsort. Der ist für jede und jeden individuell. Unsere Autorin hilft jungen Menschen, ihre Seelenheimat zu finden.
Sendetext lesen:
Seelenanker. Was für ein schönes Wort. Es vereint zwei Begriffe, die gleich ein Bild in meinem Kopf malen: Meine Seele wirft einen Anker aus, der Halt sucht und findet. Gleichzeitig hinterlässt "Seelenanker" ganz viele Fragen in mir: Wie lässt sich eine Seele denn halten? Muss ein Seelenanker schwer sein? Woran verhakt sich ein Seelenanker?
Auf ein paar dieser Fragen habe ich Antworten gefunden. Ich durfte nämlich dabei zusehen, wie ein Seelenanker entstand: Als Pfarrerin begleite ich die Jugendlichen in unserer Gemeinde auf ihrem Weg zur Konfirmation. Wir treffen uns jede Woche. Zur Vorbereitung auf die Konfirmation gehört, dass jede und jeder Jugendliche für sich einen Spruch aus der Bibel auswählt. Ein Satz, der ihn stärkt. Ein Vers, der ausdrückt, was ihr wichtig ist.
Alle sind damit beschäftigt, nach ihrem Spruch in der Bibel zu suchen. Da kommt eine Konfirmandin zu mir. Sie kann sich nicht entscheiden. Drei Sprüche hat sie schon in der näheren Auswahl. Und jetzt will sie von mir wissen, welcher am besten zu ihr passt. Alle ihre Optionen kommen aus dem Buch der Psalmen. Darin stehen verschiedene Gebete, die sich über Gott freuen, ihm danken, aber auch Gott ihr Leid klagen oder jammern. Bei den drei Sprüchen ist auch dieser dabei:
"Der Herr ist mein Fels, meine Burg, mein Retter. Mein Gott ist die Festung, auf die ich vertraue, mein Schild, meine Schutzmacht und meine Zuflucht." (Psalm 18,3, BasisBibel)
Mir fällt gleich ein Grund ein, warum dieser Bibelsatz der ideale Spruch für die Konfirmandin wäre. Aber ich halte mich zurück. Es soll ihr Spruch werden. Sie muss entscheiden. Sie soll nicht denken, sie müsse etwas nehmen, weil die Pfarrerin das sagt. Darum meine ich vorsichtig: "Wir kennen uns noch nicht so lange." Sie will trotzdem hören, was ich zu ihrer Auswahl von drei Bibelversen denke. "Na gut", sage ich. "Aber ich habe eine Bitte: Wenn ich etwas vorschlage, das nicht zu dir passt, dann sag mir das ehrlich." Sie nickt.
Also fange ich an: "Der Herr ist mein Fels, meine Burg… Ich sehe diesen Felsen vor mir. Ein altes Gemäuer darauf, eine Burg aus Stein, groß und majestätisch. Vielleicht kennst du so einen Ort", überlege ich laut. "Vielleicht warst du schon mal dort." Die Konfirmandin beginnt zu lächeln. Ich entspanne mich etwas. "Vielleicht ist dieser Ort wie ein Safe Place für dich. Und wenn du ihn in dir hast, dann kannst du jederzeit dorthin, wann immer du ihn brauchst. Darum passt dieser Psalmvers zu dir."
Sie hat sich dann für ihn entschieden – Seelenanker.
Es gilt das gesprochene Wort.
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