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Paradiesisch erfinderisch
Was Adam und Eva aus dem Garten Eden trieb
15.09.2026 06:20

Alles fängt mit Sehnen an – auch der Abschied vom Paradies. Im Garten Eden gibt es schon alles. Es bleibt nichts zu wünschen übrig. Aber Eva wünscht sich, sich etwas wünschen zu können.
 

Sendetext:

Ich entdecke gerne Bilderbücher über biblische Geschichten. Die Illustratoren machen sich ein Bild von der Geschichte und fügen ihr dadurch eine Ebene hinzu. Sie interpretieren den biblischen Text, ohne zu erklären, auseinanderzunehmen oder überzustülpen. Mit Formen und Farben bilden sie ab, was sie in der biblischen Geschichte entdeckt haben, und ich entdecke mit ihnen. 

Im Bilderbuch "Eines Nachts im Paradies" mit den Zeichnungen von Rotraut Susanne Berner und dem Text von Jürg Schübinger zieht sich eine Konstante über jede Doppelseite. Dabei handelt es sich nicht um Adam und Eva, die das Bilderbuch durch das Paradies begleitet. Die Erzählung beginnt mit kleinen Organismen. Sie schwimmen durch ein gräulich-bläuliches Gewässer. Unter ihnen sticht eine leuchtende rote Kugel hervor. 

Auf der nächsten Seite ist die Kugel verschwunden, aber an der gleichen Stelle wächst ein kleines Pflänzchen. Und dieses gedeiht mit jedem Umblättern mehr, bis schließlich ein großer Baum seine Äste über beide aufgeklappten Seiten streckt. Adam und Eva sitzen auf einem seiner Zweige und essen rote Kügelchen aus den Früchten des Baums. Ebenso rote Kügelchen wie die, mit der das Bilderbuch losging. 

Ohne dass es an irgendeiner Stelle explizit aufgeschrieben steht, wächst noch etwas in dieser Nacherzählung von Adam und Eva. In Eva wächst der Wunsch, sich etwas zu wünschen. Das Paradies hat ja schon alles. Da bleibt nichts zu wünschen übrig. Aber Eva möchte mehr. Sie möchte etwas können, sie möchte etwas haben, das noch nicht da ist, etwas ausprobieren.

Wie das kleine Pflänzchen, wird dieses Sehnen in Eva zu einem Wunsch und dann zu einem unbändigen Bedürfnis. Adam weiß keinen anderen Ausweg, als etwas zu erfinden. Und so erfindet er den Kuss. Schon sitzen die beiden auf dem Baum und essen rote Kügelchen, die an Granatapfelkerne erinnern. 

Anders als in der Bibel wächst in dieser Paradieserzählung der Baum mit der Sehnsucht mit. Er ist nicht schon Teil des Garten Eden. Der Baum ist verwoben mit der wachsenden Sehnsucht Evas. Sie möchte wünschen können. Sie sehnt sich danach, dass noch etwas für sie aussteht. Dieses Bedürfnis kommt aus ihr heraus und ist gleichzeitig etwas außerhalb von ihr. 

So kommt dieses Bilderbuch ohne Schlange und göttliche Verbote aus. Es zeigt auf zurückhaltende Weise, was das Sehnen in Menschen lostreten kann. Sie werden erfinderisch. 

Es gilt das gesprochene Wort.