Jesus polarisiert – damals wie heute. Prophet, Freund, Säufer, Sohn Gottes? Wer ist er für dich?
Sendetext:
Jesusbilder gibt es viele. Eines, das ich sehr mag, findet sich im Berliner Bode-Museum. Es zeigt Jesus als Freund. Johannes sitzt neben ihm, hat die Augen geschlossen, ruht entspannt an seiner Schulter. Die Hände der beiden sind lose ineinander gelegt. Jesus wirkt in sich gekehrt. Im 14. Jahrhundert sind Andachtsbilder wie dieses im Südwesten Deutschlands und in der Schweiz verbreitet. Sie zeigen: So ist Jesus Christus. Du kannst dich an ihn anlehnen, wie an einen Freund. Das ist Beten.
Jesus selbst fragt seine Freunde einmal: "Für wen halten mich die Leute?" (Matthäus 16,16) Die Meinungen gehen schon damals auseinander. Jesus polarisiert. Prophet, sagen die einen, Weinsäufer, die anderen. Dann fragt Jesus seine Vertrauten selbst: "Für wen haltet ihr mich?"
Ich lebe in Berlin in einem evangelischen Kloster, dem Stadtkloster Segen. Da beantworten wir diese Frage im Mittagsgebet. Montags bis freitags. Wir singen "Jesus Christus ist der Herr". Der Satz stammt aus dem Philipperhymnus in der Bibel, einem liturgischen Gedicht aus dem ersten Jahrhundert, später vertont in gregorianischer Schlichtheit. Gänsehautmusik. Der karge Klang, das tägliche Wiederholen der Worte singt einen hinein in die Geschichte Jesu: "Er war wie G’tt, hielt aber nicht daran fest, G’tt gleich zu sein." Gemeinsam verankern wir uns singend, betend in das Geheimnis dieser seltsamen Herrschaft Jesu, der einen Weg der Ohnmacht gegangen ist.
"Jesus Christus ist der Herr" ist ein herausforderndes Mantra. Es unterstützt dabei, die anderen Mächte, die herrschen wollen, zu entlassen. Jeden Tag aufs Neue. Die lähmenden Trauergeister zum Beispiel, die Ängste vor der unsicheren Zukunft, die strengen "Du bist nicht gut genug"-Stimmen.
"Für wen haltet ihr mich?", fragt Jesus seine Schüler:innen, und sie antworten: "Du bist der Christus." Die Jesus-Bewegung wächst, auch nach seinem Tod, bis heute. "Er ist auferstanden", erklären wir Christusleute.
Apropos Jesusbilder: Es gibt sogar eine repräsentative Umfrage dazu, für wen Menschen in Deutschland Jesus halten. Immerhin 19 Prozent der Gesamtbevölkerung glauben: Es gibt einen G’tt, und er hat sich in Jesus Christus gezeigt. 81 Prozent glauben das nicht. (1) Einen von ihnen kenne ich, der weint trotzdem jedes Jahr Karfreitag in der Matthäuspassion, hat er mir erzählt. Und wieder andere treffen Jesus in einer Notunterkunft oder im Gefängnis, sagen sie. Jesusbilder gibt es viele. Für wen hältst du ihn?
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
(1) Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung 6, 2023
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